Schwester Ingrid Grave | © zVg
Gedanken zum Sonntag
Schwester Ingrid Grave | © zVg

Gedanken zum Sonntag: Alle Augen waren auf ihn gerichtet

Zum Sonntag, 3.Februar 2019 – (Lukasevangelium 4,21-30)

Von Ingrid Grave*

Nachdem er nach vorne gegangen war und einen Kurztext vorlas, hatte er offenbar die Anwesenden bereits in seinen Bann gezogen. Man traut ihm zu, dass er Wesentliches zu sagen hat.

So ähnlich – denke ich – könnte eine Momentaufnahme aussehen aus der Synagoge zu Nazareth, als Jesus auftrat. Sie kannten ihn wohl alle, die dort versammelt waren. Er war der Zimmermannssohn. Wie würde er den Jesaja-Text  interpretieren, den er ihnen vorgelesen hatte? Alle Augen waren auf ihn gerichtet, so schildert der Evangelist Lukas die Szene.

In letzter Zeit hatte ihn niemand mehr gesehen, denn Jesus hatte sich für 40 Tage eine «Auszeit in der Wüste» genommen und schien nun voller Kraft des Geistes zu sein. Auf seinem Weg nach Hause hatte sich das von benachbarten Ortschaften her bis Nazareth herumgesprochen. Jetzt ist er angekommen. In seinem Heimatort. In der Synagoge. Am Sabbat. Man hört ihm zu. Es gibt Beifall von allen. Er redet begnadet, so sagen sie. Doch dann kippt die Stimmung:

Dieser junge Mann erlaubt sich im Weiteren, den Inhalt des wunderbaren prophetischen Jesaja-Textes auf sich zu beziehen. Er sieht sich als die Erfüllung dieser Prophetie! Das geht zu weit!

Hier einige Zitate aus dem vorgelesenen Text: Der Geist des Herrn ruht auf mir… Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht, Gefangenen die Entlassung, Blinden das Augenlicht, Zerschlagenen die Freiheit bringe und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.

Wie kommt der Zimmermannssohn  auf den Einfall, den Text auf sich selbst zu beziehen? Er sagt es unzweideutig: Heute hat sich das Schriftwort erfüllt.

Die Leute geraten in Wut, zitiert er doch weitere Beispiele aus der Schrift, wie ihre Vorfahren Propheten aus dem eigenen Volk abgelehnt haben. Das Ganze gipfelt in der Behauptung Jesu: «Amen, das sage ich euch: Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt.»

Wenn ich mich im Geiste unter das Synagogenpublikum mische, dann spüre ich in mir eine «Verwandtschaft». Liege ich immer richtig in meiner kritischen Distanz aussergewöhnlichen Phänomenen gegenüber?

Das Volk in der Synagoge, voller Aufruhr, treibt  Jesus hinaus, um ihn einen Abhang hinabzustürzen. Doch  in der Kraft des Geistes, die sie verkannten, schritt er unbehelligt mitten durch sie hindurch.

*Ingrid Grave ist Dominikanerin in Zürich, wo sie sich in der Seelsorge engagiert.

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