Hildegard Scherer | © zVg
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Hildegard Scherer | © zVg

Gaudete et exsultate – jenseits der Komfortzone

Chur, 15.4.18 (kath.ch) Papst Franziskus ruft in seinem neuen Schreiben «Gaudete et exsultate» zum Aufbrechen aus der eigenen Komfortzone auf. Diesen Weg zur Heiligkeit kann jeder selber beschreiten, sagt Hildegard Scherer in ihrem Gastkommentar für kath.ch. Sie hat seit 2015 die Vertretung des Lehrstuhls für Neutestamentliche Wissenschaften an der Theologischen Hochschule Chur inne.

«Heiligkeit» mag beklemmend tönen, wenn sie an spirituelle Ausnahmeerscheinungen weit ausserhalb des eigenen Lebensradius denken lässt. Wenn Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben «Gaudete et exsultate» zur Heiligkeit ruft, kommt dieses Gefühl nicht auf. Er motiviert vielmehr zum (gnadentheologisch reflektierten) «Weg der Heiligung» (31) als einem «Lebensstil»" (110), der dem ganzen Gottesvolk offen steht.

Der Papst wendet sich bisweilen an das lesende «Du», er setzt auf den Einzelnen: Vom «einzigartigen und besonderen Weg» (11) ist da zu lesen, von der «Botschaft Jesu, die Gott der Welt mit deinem Leben sagen will» (24). Jeder benötige die «Unterscheidung» als «geistliche Fähigkeit» (166).

Keineswegs will Franziskus solches Tun von einer Gottesbeziehung abgekoppelt sehen.

Auch stellt er Dynamik vor Starre und Sicherheit: ein Seitenhieb gegen kirchliche Strömungen? Wer jedoch diese Zumutung zuerst auf sich selbst anwendet, merkt: Der Papst ruft damit einen jeden aus seiner persönlichen Komfortzone.

Heilig sein bedeutet laut Franziskus «in der Liebe leben und im täglichen Tun unser persönliches Zeugnis ablegen …» (14). Seine biblischen Bezugstexte verdeutlichen dies: Die Seligpreisungen Mt 5,3–12 interpretiert er auf ihr zwischen-menschliches Potential hin, mit Mt 25,31–46 stellt er die «Werke der Barmherzigkeit» als Massstab vor Augen, ebenso wie Jesu Identifikation mit den Bedürftigen.

All dies tut der Papst lebensnah.

Keineswegs will Franziskus solches Tun von einer Gottesbeziehung abgekoppelt sehen. Es brauche ein «nach Gott Luft holen» (147) in Form von Schweigen, Bitte, Lobpreis, Schriftlesung, Eucharistie. Doch sind diese betontermassen nicht vom Tun zu lösen. Dies steht dem Bild von einem Christentum entgegen, das sich mit Gott und dem Jenseits beschäftigt – und sich mit unbequemer gesellschaftlicher Praxis zurückhält.

Wenn Franziskus die klassische christliche Gottes- und Nächstenliebe mit «Heiligkeit» verbindet, macht er diese zur Sache aller: Franziskus spricht vom «tagtäglichen Voranschreiten» (7), von «kleinen Gesten» (16), in seinen Beispielen von Alltagsbegegnungen. Ihm liegt gerade an der Heiligkeit und damit Würde und Bedeutung jedes Einzelnen in seinen noch so unauffälligen Lebensumständen. Zudem ergründet Franziskus einfühlsam, was solche Heiligkeit ausbremst: Auch hier heisst es aufbrechen aus der Komfortzone. All dies tut der Papst lebensnah – und folgerichtig in einer Sprache, die jeder versteht. Ein Apostolisches Schreiben für alle, die ihre Spiritualität reflektieren möchten. (gs)

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