Porträt

Gassenseelsorger Franz Zemp: Beim Herumstehen ergeben sich Gespräche

«Bleiben Sie zu Hause!»: Diese Corona-Aufforderung ist für viele Obdachlose zynisch. «Viele haben ja gar kein Zuhause», sagt der Luzerner Theologe Franz Zemp. Nach fünf Jahren als Gassenseelsorger hört er auf. Auf der Strasse hat er keine «Drögeler» und «Obdachlosen» kennen gelernt, sondern Menschen.

Vera Rüttimann

Als Franz Zemp in der Gassenküche am Geissensteinring 24 in Luzern ankommt, hängt drinnen an einer Scheibe ein grosses Plakat mit dem Satz: «2. Covid-19 Impfung am 25. März.» Der Seelsorger in der marineblauen Jacke grinst. «Jetzt gehören sie zu der ersten Gruppe in der Bevölkerung, die sich impfen lassen können.» Dieses Gefühl, einmal nicht benachteiligt zu sein, sei für viele sucht- und armutsbetroffene Menschen eine ganz neue Erfahrung. Aufgrund ihres geschwächten Immunsystems gehören sie zur Risikogruppe.

Das Impf-Plakat vor der Gassenküche in Luzern

Die Menschen, die Franz Zemp in der Gassenküche antrifft, haben harte Zeiten hinter sich – oder stecken noch immer mittendrin. «Die Verkündung des Lockdowns am 16. März 2020 löste bei ihnen eine grosse Unruhe aus», erzählt Franz Zemp. Die Aufforderung «Bleiben Sie zu Hause» sei für viele zynisch gewesen. «Viele haben ja gar kein zu Hause», weiss er. Zudem durften sie sich auf Plätze und Strassen, die für viele vertraute Orte sind, nicht mehr aufhalten. «Nicht mal mehr am Bahnhof Luzern konnten sie betteln gehen.»

In der Gassenküche

Die Gassenküche mit dem Namen «Gassechuchi K +A» ist der bekannteste der fünf Betriebe, die die kirchliche Gassenarbeit Luzern unterhält. Der Zusatz K+A meint Kontakt- und Anlaufstelle, und das ist auch eine Funktion der Gassenküche. Hier finden Verzweifelte ein offenes Ohr. Und da gibt es Duschen und saubere Kleider.

In der Gassenküche werden jeden Tag warme Mahlzeiten serviert. Auch als Franz Zemp hier auftaucht, sitzen Leute über ihrem dampfenden Teller. Wegen Covid-19 dürfen nur wenige im Essenssaal sitzen.

Ein Besucher isst in der Luzerner Gassenküche.

Vor dem Gebäude der Gassenküche stehen Leute in Gruppen zusammen und rauchen. Franz Zemp zündet sich eine Zigarette an und gesellt sich dazu. Seine Schiebermütze hat er tief ins Gesicht gezogen. Der erfahrene Seelsorger weiss: «Beim Herumstehen und beim Essen ergeben sich die besten Gelegenheiten für ein Gespräch.» Der Austausch mit dem Gassenseelsorger, das spürt der Gast, ist für viele ebenso viel wert wie die Mahlzeit. Es ist Nahrung für die Seele.

«Besondere Menschen»

Die Menschen, mit denen Franz Zemp sich hier trifft, sind aus unterschiedlichen Gründen hier: Die einen fliehen aus beengten, ungemütlichen Wohnungen. Andere haben gar kein Dach über dem Kopf. Sie gehen abends in die Notschlafstelle. Und dann sind jene, die an der Nadel hängen. Teilweise seit Jahren schon.

Franz Zemp erfährt in den Gesprächen, wie sehr die Leute unter ihrer Sucht leiden. Vieles drehe sich nur noch um ihre Sucht und um die Beschaffung der Substanzen. Der Gassenseelsorger sagt: «Sie schämen sich, weil sie auf das Sozialamt müssen und finanzielle Unterstützung brauchen.» Auch die Besuche bei Beratungsstellen koste sie Überwindung.

Geht Franz Zemp durch die Räume der Gassenküche, wird er lebhaft gegrüsst. Manche klopfen ihm auf die Schulter. In denen, die ihm begegnen, sieht Zemp nicht bloss den «Drögeler» und den «Obdachlosen». Das sei auch der Ansatz der kirchlichen Gassenarbeit: Sie wolle diesen Menschen durch Zuhören ihre Würde geben. Für Zemp sind das besondere Menschen, «die trotz ihrer vielen Brüche in ihrem Leben im Alltag etwas Schönes und Gutes finden». Trotz ihres harten Lebens, so Zemp, könnten viele herzhaft lachen oder einen lockeren Spruch bringen.

Die "GasseChuchi - K+A" am Geissensteinring in Luzern.

Abdankungs-Rituale

«Als Gassenseelsorger habe ich kaum Ablehnung erlebt», erzählt der römisch-katholische Theologe. Im Gegenteil sei er erstaunt über das grosse Vertrauen, das ihm Randständige immer wieder entgegenbringen. «Ich bin für sie die Verkörperung des Religiösen», sagt er. Manchmal komme er in die Gassenküche – und die Leuten fragten:  «Oh, wer ist gestorben?»

In den letzten Jahren hat Franz Zemp viele Abdankungen für Verstobene aus der Szene der Suchtbetroffenen gehalten. Wenn jemand gestorben ist, dann versammelt sich Franz Zemp mit den Menschen, die ihn kannten, jeweils in der Gassenküche. Die Tische stehen anders, Kerzen brennen und Musik läuft. «Man sitzt oder steht in einem Halbkreis, wo jeder etwas zum Verstorbenen sagen darf», sagt Zemp. Es gibt ein Anschlagbild, wo das Bild des Verstorbenen aufgehängt wird.

Viel Scham beim Thema Sucht

Eine besondere Herausforderung war für den bärtigen Seelsorger in den vergangenen Jahren die Gespräche mit den Hinterbliebenen von Verstorbenen. «Wenn es um Sucht geht, ist immer viel Scham dabei», sagt er. Wenn man dieses Thema jedoch berühren könne, sei es für die Betroffenen meist befreiend.

Für die Hinterbliebenen ist er häufig ein wichtiger Ansprechpartner: «Oft haben die Geschwister mit dem Verstorbenen jahrelang keinen Kontakt mehr gehabt. Und plötzlich sind sie zuständig für dessen Beerdigung.» Durch die Gespräche in der Gassenküche wisse er oft viel mehr über den Toten, als die Familie selbst.

«Weiss Gott, dass ich Drogen nehme?»

Sucht-Betroffene leben in ihrer eigenen Glaubens-Welt. Sie seien, so Franz Zemp, empfänglich für Glaubensfragen. «Vielen ist der Glaube eine grosse Stütze in ihrem Leben», weiss er. Sie kommen zu ihm mit Fragen wie: «Gibt es das Fegefeuer wirklich?» Und: «Was sagt Gott dazu, dass ich jetzt Drogen nehme?» Viele Suchtbetroffene plagen Schuldgefühle, weil sie nicht den Normen der Gesellschaft entsprechen. «Manche glauben an einen strafenden Gott.» Er hingegen wolle stets einen «grosszügigen, verzeihenden und liebenden Gott» vermitteln.

Der Tod als Ort des Friedens

Sucht-Betroffene haben oft auch einen eigenen Zugang zum Tod. Wenn jemand aus ihren Kreisen gestorben ist, hört Franz Zemp oft Sätze wie: «Jetzt hat er es geschafft», «Jetzt bist du an einem schöneren Ort» – und: «Jetzt hast du deinen Frieden.» Das seien Wünsche, so Zemp, die sie sich für ihr jetziges Leben erhofften. Ist er in Einsiedeln, kauft der Luzerner Rosenkränze für die Leute auf der Strasse. Er habe «säckeweise» davon verschenkt in den letzten Jahren.

Gassenseelsorger Franz Zemp unterwegs in der Industrie-Strasse in Luzern.

Seine eigene Frömmigkeit sei stark von seiner Mutter geprägt, sagt er. Beichten und das Rosenkranz-Gebet, das gehörte in seiner Kindheit zum Alltag. Weniger mochte er als Kind und Jugendlicher den Herrgottswinkel in der Bauernstube. «Ein Kreuz mit einem toten Mann dran, das finde ich schrecklich», sagt er. Diesen Anblick habe er bei seinen Eltern allzu oft am Esstisch ansehen müssen. An dem hätte er Jesus lieber sitzen sehen, statt am Kreuz hängen. «Bei mir zu Haus stehen viele Engel herum», sagt er.

Nach einem schweren Tag eine Cervelat

Oft hört Franz Zemp von Schicksalen, die ihm unter die Haut gehen. Da war beispielsweise diese Mutter. Der Seelsorger hat zwei Kinder beerdigt. Beide starben den Drogentod. Franz Zemp muss beinahe weinen, wenn er an diesen Fall denkt. «Als ich erfuhr, dass auch ihr jüngster Sohn gestorben ist, war das sehr traurig», sagt er.

Für die Arbeit als Seelsorger braucht es Kraft. Die tankt er in der Natur oder auf dem Balkon. Franz Zemp freut sich, dass er im Pfarrhaus seines neuen Wirkungsortes einen grossen Garten hat. «Ich brauche den Kontakt mit der Erde», sagt er. An Ostern tritt er eine neue Vollzeitstelle in Sempach und Eich an. 

Zudem habe er einen engen Freundeskreis, der ihn trage. Was Franz Zemp nach einem anstrengenden Tag besonders schätzt: einen rezenten Käse aus der Region und eine Cervalat. Beides, lacht er, habe er stets im Kühlschrank.

Der Luzerner Gassenseelsorger Franz Zemp spricht mit einer Besucherin der Gassenküche. | © Vera Rüttimann
30. März 2021 | 05:00
Teilen Sie diesen Artikel!