Der deutsche Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide | © kna
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Der deutsche Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide | © kna

«Fasten darf nicht benachteiligen»

Münster, 23.5.17 (kath.ch) Mouhanad Khorchide ist eine der prominentesten Stimmen des Islam in Deutschland. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äussert sich der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster zum Ramadan, der an diesem Samstag beginnt. Der Fastenmonat ist für gläubige Muslime ab dem Alter von etwa 14 Jahren, also mit Beginn der Religionsmündigkeit, verpflichtend. Speziell in den Sommermonaten gibt es Diskussionen darüber, ob es sinnvoll ist, dass Schüler den Tag über auf die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit verzichten.

Joachim Heinz

Herr Khorchide, was halten Sie generell davon, wenn religionsmündige Schüler im Ramadan fasten, beispielsweise während der Klausurphasen im Abitur?

Mouhanad Khorchide: Grundsätzlich gilt ein Fastenverbot, wenn der Fastende durch das Fasten Schaden tragen würde. Diese können physischer oder geistiger Natur sein. Es obliegt allerdings dem jeweils Einzelnen zu entschieden, ob er fasten kann ohne dass er Schaden davon trägt, oder nicht. Es gibt daher keine allgemeine Festlegung, ob zum Beispiel das Fasten in der Klausurphase zumutbar ist oder nicht. Es gibt Menschen, die konzentrierter denken und arbeiten können, wenn sie fasten und bei anderen ist es umgekehrt. Das muss jeder für sich entscheiden.

Es gilt ein Fastenverbot, wenn der Fastende durch das Fasten Schaden tragen würde.

Wären teilweise Ausnahmen – also etwa bei der Flüssigkeitsaufnahme – vom Fastengebot in dieser Zeit theologisch begründbar?

Khorchide: Wenn man Flüssigkeit zu sich nehmen würde, wäre das Fasten damit abgebrochen und man hat die Möglichkeit das Fasten zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Die theologisch offene Möglichkeit ist, dass man das Fasten unterbricht und später nachholt, wenn es triftige Gründe dafür gibt. Darunter würde fallen, dass jemand bei Klausuren durch das Fasten Konzentrationsschwächen hat. Das Fasten darf keineswegs zu irgendwelcher Art Schäden beziehungsweise Benachteiligung führen.

Theologisch möglich ist, dass man das Fasten unterbricht und später nachholt.

Wie weit sollte Schule den Schülern entgegenkommen?

Khorchide: Das wichtigste ist, Fastenden nicht das Gefühl zu vermitteln, sie müssten sich für das Fasten rechtfertigen. Fastenden Schülerinnen und Schülern sollte vermittelt werden, dass ihre religiösen Rituale auf Verständnis stossen und dass unsere plurale Gesellschaft genug Platz für religiöse Vielfalt hat. Auf der anderen Seite sollten Schülerinnen und Schüler darüber aufgeklärt werden, dass es nicht Sinn des Fastens ist, dass sie in der Schule nicht mehr konzentriert lernen können.

Was heisst das konkret?

Khorchide: Wer nicht in der Lage ist, das Fasten zu praktizieren ohne dass es zu Konzentrationsschwächen beziehungsweise zu körperlichen Nachteilen kommt, darf nicht fasten und sollte das Fasten auf einen anderen Zeitpunkt verschieben. Gerade für die Sommermonate, in denen der Tag sehr lang ist, gibt es Erleichterungen, die vorsehen, dass Fastende sich zum Beispiel an Mekka orientieren können und somit viel kürzer fasten. (kna)

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