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Esoterik und Verschwörungen sind sektenhaft

Die Verbindung von Rechtsextremen und Esoterikern ist nach Expertenmeinung besorgniserregend. Gemäss einem deutschen Sektenforscher entstehen unheilige Allianzen.

«Ich beobachte schon länger, dass es hier eine Querfrontstrategie gibt. Hier verbünden sich Menschen, die sich mit parawissenschaftlichen Dingen beschäftigen und kritisch gegenüber den Medien, der Wissenschaft und der Politik sind», sagte der Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Matthias Pöhlmann, dem Portal watson.de am Sonntag

Die Zusammensetzung der Gruppe, die am vergangenen Wochenende in Berlin demonstriert hatte, nannte Pöhlmann sehr heterogen. «Da sind Impfgegner und Verschwörungsgläubige dabei, aber auch Rechtsextreme und Reichsbürger.»

Es gehe «weniger darum, wofür sie sind, eher darum, wogegen». Die Gruppe eine ein Hass gegen herkömmliche Politiker und Parteien. Die Corona-Pandemie sei ein Anlass, «um sich zu sammeln».

Keine harmlosen Spinnereien

Esoteriker dürften nicht verharmlost werden, warnte Pöhlmann. «Meine These ist bereits seit mehreren Jahren, dass die moderne Esoterik ein spezielles Sensorium für gesamtgesellschaftliche Krisenlagen besitzt und die Ansprache je nach Bedürfnis anpasst.» Rechts-Esoteriker nutzten das, und «viele halten es für harmlose Spinnerei».

Die Motive, sich der Esoterik oder Verschwörungsmythen zuzuwenden, sind aus Pöhlmanns Sicht vergleichbar mit denen bei religiösen Sekten: «Oft stecken ganz individuelle Lebensthemen dahinter. Viele steigen über Ernährungs- und Gesundheitsthemen ein und rutschen dann immer weiter in esoterische Sonderwelten ab.»

Das hänge auch mit einem «Totalitätsanspruch der Esoteriker» zusammen: In deren Weltbild bleibe letztlich keine Frage offen. Jeder findet sich mit seinen individuellen Bedürfnissen wieder, dabei geht es oft um sehr persönliche Probleme und Sehnsüchte dieser Menschen.

Keine Minderheit

Knapp ein Drittel der Deutschen hat einer Umfrage zufolge einen Hang zu Verschwörungstheorien. Die Aussage «Es gibt geheime Mächte, die die Welt steuern» fanden 11 Prozent der Befragten richtig; 19 Prozent hielten sie für wahrscheinlich richtig. Das geht aus einer repräsentativen Befragung der Konrad-Adenauer-Stiftung hervor, aus der die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» zitiert.

Jeder Sechste konnte demnach die Frage nicht beantworten, um welche geheimen Mächte es sich dabei handele. 13 Prozent der Befragten dachten an Wirtschaftsunternehmen, Banken oder «das Finanzkapital».

Insgesamt 12 Prozent nannten Geheimdienste wie die CIA, den Mossad oder den inzwischen aufgelösten KGB. 11 Prozent sprachen von «reichen Menschen», «reichen Familien» oder nannten einzelne Familien wie die Rockefellers oder die jüdische Familie der Rothschilds.

Der Glaube an Verschwörungstheorien ist offenbar nicht auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe beschränkt: «Wir finden dies in Ost und West, bei Alt und Jung, Männern und Frauen», heisst es in der Umfrage. (kna)


«Drei Nächte mit Jesus». Aufschrift auf einer Kappe einer «YOU Church»-Anhängerin. | © Raphael Rauch
6. September 2020 | 18:06
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