Marie-Jo Aeby
Schweiz

«Es war eine extreme Gewalterfahrung»

Fey VD, 9.4.18 (kath.ch) Marie-Jo Aeby ist mit 15 Jahren von einem Priester missbraucht worden. Im hier transkribierten Video von cath.ch erzählt sie über ihre anfänglich gute Beziehung zum «spirituellen Vater» und die traumatische Erfahrung des Missbrauchs, der ihr Leben fortan prägte. Marie-Jo Aeby ist Mitbegründerin und Kontaktperson der Vereinigung Groupe Sapec, einer Westschweizer Anlaufstelle von und für Opfer von Missbrauch in der Kirche.

«Ich wurde von einem Priester missbraucht, der seit mehreren Jahren ein Freund unserer Familie war. Ich hatte einen schwierigen familiären Kontext. Das hatte er sofort verstanden. Er wurde mein ‘spiritueller Vater’, damals nannte man das so. Er war auch mein Beichtvater. Ich hatte volles Vertrauen in ihn. Ich bewunderte ihn sehr, denn er hatte auch eine kritische Haltung gegenüber der Kirche. Ich selbst war sehr kritisch im Alter von 15 Jahren. Ich lehnte vieles ab, alles, was dogmatisch war in der Kirche. Er erklärte mir, das sei nicht das Wichtige. Das Wichtige sei die Botschaft Jesu, die Botschaft des Evangeliums.

Er war Graphologe, Psychologe, Rutengänger, und das faszinierte mich ziemlich.

Er war auch ein Mann, der eine Menge Eisen im Feuer hatte. Er war Graphologe, Psychologe, Rutengänger, und das faszinierte mich ziemlich. Ihm gelang es dank seinem Pendel zu spüren, dass es irgendwo Wasser hatte. Er konnte sagen, in welcher Tiefe die Wasserader war und wie gross die Durchflussmenge. Und jedes Mal, wenn man danach grub, war es bis auf wenige Zentimeter oder Liter richtig. Und das, muss ich zugeben, machte aus diesem Mann jemand, der mich sehr faszinierte.

Er vertraute mir den Fehler an, den er begangen hatte, indem er Priester wurde. Ich war bestürzt.

Mit der Zeit begann er mir den Fehler anzuvertrauen, den er – so schien es ihm – begangen hatte, indem er Priester wurde. Ich war bestürzt. Er erklärte mir, er habe nicht wirklich die Berufung dazu gehabt. Aber er habe es akzeptiert, Priester zu werden, weil er es seiner Mutter auf deren Sterbebett versprochen hatte. Für mich war das etwas total Unerwartetes. Und ich muss sagen: Dadurch hat sich die Verbindung zwischen ihm und mir noch verstärkt. Ich denke, das war die Bresche, durch die er eintrat.

Als er mich missbrauchte, sah ich ein ganz anderes Gesicht dieses Mannes. Er wurde brutal, erniedrigend.

Als er mich missbrauchte, auf eine gänzlich unerwartete Weise übrigens, sah ich ein ganz anderes Gesicht dieses Mannes. Er veränderte sich völlig. Er wurde brutal, erniedrigend. Das war für mich eine absolut traumatische Erfahrung. Ich war sprachlos, als er das machte. Ich hätte mich verteidigen können, ich hätte etwas machen können, aber ich war komplett überrumpelt. Es war eine extreme Gewalterfahrung. Es fand bei mir statt, in meinem Zimmer, auf meinem Bett. Ich konnte nie mehr in diesem Bett schlafen. Von jenem Tag an schlief ich in meinem Zimmer auf dem Boden. Und kurz danach fragte ich, ob ich das Haus verlassen könne. Ich fragte, ob ich im Internat des Kollegiums, in dem ich studierte, wohnen könnte. Ich habe praktisch nie mehr den Fuss in dieses Zimmer gesetzt.

Sie werden mich fragen: Weshalb haben Sie nicht mit Ihrem Vater, Ihrer Mutter gesprochen? Aber nein, das war ausgeschlossen. Ich hatte solche Scham, dass das passiert war, dass ich mich nicht verteidigt hatte, dass ich es zugelassen hatte. Ich hatte das Gefühl, Abfall zu sein, weniger als nichts. Das hatte mich in einer solch starken Weise verletzt, dass ich unbedingt sofort vergessen musste, so schnell als möglich. Weitergehen.

Es war das Engagement für die anderen, das mir half, standzuhalten.

Ich engagierte mich damals sehr. Ich machte viel Sport. Ich war an der Universität, machte Uni-Politik. Ich studierte Sozialarbeit, ich war sehr aktiv. Ich würde sagen: Es war das Engagement für die anderen, das mir half, standzuhalten. Hauptsache, ich erinnerte mich nicht an dieses Ereignis.

Bis vor wenigen Jahren hatte ich immer psychotherapeutische Unterstützung.

Dann heiratete ich, bekam Kinder. Es war bei der Geburt meines ersten Kindes, eines Mädchens, als alles wieder lebendig wurde. Die Erinnerung kam zurück. Ich bekam eine Art Depression. Das war der Moment, als die psychotherapeutische Verarbeitung begang. Ich war zwischen 25 und 30 Jahre alt. Jetzt bin ich 70 Jahre alt. Bis vor wenigen Jahren hatte ich immer psychotherapeutische Unterstützung – und Weiterbildung. Denn wenn man in der Sozialarbeit tätig ist und im Speziellen im Bereich Kinderschutz, braucht man Unterstützung.

Ich hätte die Arbeit im Kinderschutz nicht gewählt, wenn ich nicht selber Opfer gewesen wäre.

Gleichzeitig hat mir diese Erfahrung ermöglicht, die anderen zu verstehen. Ich hätte wahrscheinlich diese Arbeit nicht gewählt, wenn ich nicht selber Opfer dieses Ereignisses gewesen wäre. Heute ist es nicht mehr eine Erinnerung, die mich quält. Es ist immer noch präsent, als ob es gestern passiert wäre. Aber emotional habe ich endlich Distanz davon nehmen können. Aber es hat Jahre gebraucht, Jahre der Arbeit, Jahre, in denen ein enormer Teil meiner Energie dafür verwendet werden musste.

Natürlich habe ich Antriebskraft gefunden. Ich habe viel Musik gemacht in meinem Leben, das hat mir viel geholfen. Gesang vor allem, denn den praktizierte ich viel; heute noch übrigens. Aber oft denke ich: Wenn das nicht gewesen wäre, was hätte ich noch mehr machen können? Ich habe da ein wenig Nostalgie, das ist wahr.» (Übersetzt und aufgezeichnet von Regula Pfeifer)

Marie-Jo Aeby | © Pierre Pistoletti
9. April 2018 | 17:41
Teilen Sie diesen Artikel!

Missbrauch in der Kirche Schweiz dokumentiert

Die Newsseite cath.ch hat das Thema Missbrauch in der Kirche Schweiz aufgearbeitet und das Ergebnis seiner Recherchen in einem französischsprachigen multimedialen Online-Dossier publiziert. Es trägt den Titel «Lorsque le berger est un loup. Les abus sexuels dans L’Eglise en Suisse». Das Video mit Marie-Jo Aeby ist Teil davon. Auch die in derselben Betroffenengruppe Sapec engagierten Jacques Nuoffer und Gérard Falcioni berichten über ihre Missbrauchserfahrungen. Und der Westschweizer Bischof Charles Morerod erklärt in einem Video, erst das direkte Gespräch mit Betroffenen habe ihm wirklich vor Augen geführt, welch traumatische Erfahrung ein Missbrauch für diese Menschen sei.

Das von Pierre Pistoletti publizierte Dossier ist aufgeteilt in die Kapitel «Die Opfer», «Die Tatsachen», «Die Aufarbeitung», «Die Zukunft». Es zeigt die Thematik aus Westschweizer Perspektive, enthält aber viele Informationen, die für die gesamte Schweiz zutreffen. (rp)