Vatikan

Es kriselt in der Führung der Vatikanbank

Rom, 2.12.17 (kath.ch) Die Entlassung eines Führungsmitglieds der Vatikanbank IOR zieht Kreise. Giulio Mattietti, rechte Hand des IOR-Generaldirektors Gian Franco Mammi, sei «aus dem Dienst ausgeschieden», bestätigte das vatikanische Presseamt am Mittwochabend lapidar. Da war Mattietti bereits zwei Tage seinen Schreibtisch los. Kein Wort zu den Gründen und Umständen. Inzwischen schiessen Spekulationen ins Kraut.

Burkhard Jürgens

Der studierte Physiker Mattietti war seit 1997 für die Vatikanbank tätig, 2007 übernahm er die Verantwortung für den Bereich Informatik. Ende November 2015 besuchte Papst Franziskus das IOR und gab bei dem Anlass zwei Personalentscheidungen bekannt: Der bisherige Vizedirektor Mammi sollte zum Generaldirektor aufsteigen und Mattietti den neu geschaffenen Job eines Assistenten des Generaldirektors übernehmen. Der Vize-Posten blieb bis auf weiteres frei. Soweit die Fakten.

Das plötzliche Ende einer 20-jährigen Karriere

Italienische Medien wollen wissen, die päpstliche Gendarmerie habe Mattietti aus dem Vatikanstaat hinauseskortiert, um zu verhindern, dass er Unterlagen von seinem Arbeitsplatz beiseiteschaffte. Am Montagmorgen wurde er angeblich von Aufsichtsratschef Jean-Baptiste de Franssu einbestellt – Kündigung, das jähe Ende einer 20 Jahre langen Laufbahn am Heiligen Stuhl.

Soll das Durchsickern von Dokumenten nach aussen verhindert werden?

Jetzt wird kolportiert, der dem Aufsichtsrat vorgeordnete Rat der Kardinäle habe die Entfernung veranlasst, um dem Durchsickern von Dokumenten nach aussen zuvorzukommen. Zu den sechs Purpurträgern gehört der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Die Zeitung «Corriere della Sera» (1. Dezember) spricht gar von einem «neuen Kapitel des Kriegs, der im Vatikan über die Führung des Finanzsektors im Gang ist».

Ein Kampf um die wahren Schatzkammern?

Der Kampf, der da wogen soll, dreht sich dem Blatt zufolge nicht nur um das IOR – eher eine Sparkasse mit überschaubarem Eigenkapital -, sondern um die eigentlichen Schatzkammern des Vatikan: die Vermögensverwaltung Apsa und die sogenannte Propaganda Fide, die Missionskongregation mit einem beträchtlichen Immobilienbesitz.

Weiter mutmasst der «Corriere», die Entlassung könne mit den ominösen anonymen Konten zu tun haben, derentwegen die Vatikanbank schon vor Jahren in schiefes Licht geriet. Zwar hat das IOR seit einer Transparenz-Initiative 2013 schon gut ein Viertel seiner damals 19’000 Konten geschlossen.

Nun will aber die Tageszeitung «Il Fatto Quotidiano» (1. Dezember) an Abhörprotokolle der italienischen Justiz aus dem Jahr 2012 gekommen sein, die nahelegen, Mattietti habe die vatikanische Finanzaufsicht und das europäische Anti-Geldwäsche-Komitee Moneyval hinters Licht geführt.

Im Juni wurde der Wirtschaftsprüfer entlassen

Ein neuer Finanzskandal im Vatikan? Erst im Juni hatte sich der Heilige Stuhl unversehens von seinem Wirtschaftsprüfer Libero Milone getrennt. Milone sagte später, er sei zum Rücktritt gezwungen worden; der Vatikan erklärte, der ehemalige Mitarbeiter habe im Privatleben von Kurialen geschnüffelt. Liebhaber von Verschwörungstheorien sehen in dem Vorgang einen Hinweis, dass mächtige Seilschaften in der Kirchenleitung einen Störenfried loswerden wollten.

Wollen mächtige Seilschaften einen Störenfried loswerden?

Manche denken an einen Zusammenhang zwischen dem Fall Milone und der plötzlichen Entlassung Mattiettis sowie eines weiteren IOR-Angestellten einige Tage zuvor. Könnte es sein, dass Mattietti dem Ex-Wirtschaftsprüfer brisantes Unterlagen zuschusterte? Milone liess laut «Corriere» über seine Anwälte erklären, er kenne Mattietti nicht einmal. Nichtsdestoweniger halten viele an der Überzeugung fest, der Vatikan habe allerhand zu verbergen.

Da gibt es noch eine Anzeige

Es gäbe eine andere Hypothese für die Entlassung Mattiettis: Unzufriedenheit des Arbeitgebers mit der Leistung. Immerhin ist die Stelle des IOR-Vizedirektors seit zwei Jahren vakant, Mattietti wäre ein naheliegender Kandidat gewesen. Möglicherweise erwies er sich einfach als unfähig.

Das wäre die denkbar banalste Erklärung. Gäbe es da nicht eine angebliche Anzeige gegen Mattietti wegen Dienstvergehen. Italienische Medien berichteten dies unter Berufung auf die üblichen anonymen Quellen. Der Vatikan könnte den Verdacht eines Skandals leicht zerstreuen, wenn er erklärte, dass diese Nachricht vom juristischen Vorgehen gegen den ehemaligen IOR-Funktionär falsch ist. Ein Dementi wollte das Presseamt auf Anfrage nicht geben.

Vatikanbank wehrt sich

Doch die Vatikanbank weist die medialen Spekulationen zurück. Die Entlassung des Führungsmitglieds sei berechtigt und ein «normaler und natürlicher Vorgang der Geschäftsführung», teilte das Institut am Freitag auf seiner Internetseite mit. Medienberichte dazu hätten zahlreiche Unrichtigkeiten enthalten. Dass die Bank selbst keine Einzelheiten bekanntgegeben habe, diene einzig dem Schutz der Betroffenen, so das Institut. (cic)

 

Sitz der Vatikanbank IOR (rechts) | © Oliver Sittel
2. Dezember 2017 | 09:48
Teilen Sie diesen Artikel!