Ein moderner Bergprediger

Der Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab gründete vor 50 Jahren die Stiftung «Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF)» in Cologny bei Genf. Das Forum ist eine private gemeinnützige Organisation mit 800 Mitarbeitern, die von rund 1000 Unternehmen finanziert wird.

Heide-Marie Göbbel

Jedes Jahr im Januar lädt es Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik in den Skiort Davos ein. Der Gründer ist überzeugt, dass die Probleme der Welt nur im Dialog gelöst werden können. Er kümmert sich persönlich um alle Details – vom Briefpapier für die Einladung an Angela Merkel bis zur Sitzordnung der Präsidenten beim Dinner.

Schwab gewährte 2018 zum ersten Mal einem unabhängigen Filmteam einen Blick hinter die Kulissen. Der Filmemacher und mehrfache Grimme-Preisträger Marcus Vetter («Der Tunnel», «Das Herz von Jenin») begleitete Schwab über fast zwei Jahre.

Rettet Davos die Welt?

In seinem Dokumentarfilm «Das Forum – Rettet Davos die Welt?» fragt er besonders nach der Motivation des 1938 in Ravensburg geborenen Gründers. Das Erste deutsche Fernsehen strahlt den Beitrag am 20. Januar um 22.45 Uhr aus.

Der Filmemacher beginnt mit dem Defilee der Hubschrauber über den Bündner Bergen. Im Empfangsraum des Hotels begrüssen der Gastgeber und seine Frau Hilde die prominenten Gäste. Jedes Jahr kommen rund 3000 der weltweit einflussreichsten Führungspersönlichkeiten nach Davos.

Die letzte Generation

2018 waren das US-Präsident Donald Trump und der französische Staatschef Emmanuel Macron. Auch Jennifer Morgan, Executive Director von Greenpeace International Rotterdam, war eingeladen.

Sie rede mit den Teilnehmern nur, weil diese zur letzten Generation von Entscheidungsträgern gehörten, die den Kurs noch ändern und eine Klimakatastrophe verhindern könnte, erklärt Mike Townsley, Leiter der Greenpeace-Kommunikation.

Sünder nicht aussperren

In einer ruhigen Stunde erzählt Schwab dem Filmemacher, dass sein Vater mit dem früheren Wirtschaftsminister Ludwig Erhard gut befreundet war. In Gesprächen mit ihm sei die Idee eines «globalen Dorfs» entstanden.

Auf dieser Plattform sollten die Vorstandsvorsitzenden der weltgrössten Unternehmen und Spitzenpolitiker miteinander ins Gespräch kommen. Zu seiner Motivation befragt, meint Schwab: «Wenn Sie Pfarrer einer Kirche wären, möchten Sie, dass die Sünder am Sonntag in ihre Kirche kommen und möchten sie nicht aussperren.»

Die neue Generation

Schwabs Tagesordnung für das Treffen 2018 war umfassend: Klimakrise, Brexit, Gelbwestenproteste in Frankreich, der bereits damals brennende Amazonas-Regenwald und der Handelskrieg zwischen den USA und China. Die Probleme hätten in den vergangenen Jahren zugenommen, sagt Filmemacher Vetter. Eine neue Riege populistischer Führer wie Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro forderten Elite und Establishment heraus.

Zugleich verschaffe sich beim Weltwirtschaftsgipfel 2020 aber auch eine neue Generation engagierter Jugendlicher, angeführt von der Klimaaktivistin Greta Thunberg, in Davos Gehör.

Vergangenheit und Zukunft

Schwabs Energie, für sein Anliegen zu kämpfen, scheint unerschöpflich zu sein, wie Vetter in seinem Beitrag zeigt. Er begleitet Schwab bei seinen Vorbereitungen für das nächste Treffen, den 50. Weltwirtschaftsgipfel vom 20. bis 24. Januar 2020. Dann möchte auch Schwab seinen Beitrag leisten und die Teilnehmer in einem Aufruf an ihre Verantwortung erinnern.

Die Menschheit befinde sich «in der vierten industriellen Revolution mit unendlichen Risiken». Aber er glaube, dass diese Revolution langfristig zu einer besseren Welt beitrage. Die Teilnehmer müssten eine Entscheidung treffen: «Wollen sie sich einkapseln in der Vergangenheit und alles, was um sie herum sich vollzieht, abstossen, oder wollen sie die Zukunft bauen?»

Insgesamt legt Vetter einen erhellenden Dokumentarfilm vor, der existenzielle Fragen berührt und nicht ohne Humor illustriert, wie unglamourös auch die Mächtigsten oft wirken, wenn man sie aus nächster Nähe beobachtet. (kna)

Auf Arte wird der Dokumentarfilm «Das Forum – Rettet Davos die Welt?» am 14. Januar um 20.15 Uhr ausgestrahlt, im Schweizer Fernsehen SRF 1 am 15. Januar um 22.25 Uhr. Zum Medientipp.

Klaus Schwab an einem Treffen in New Delhi | © flickr/World Economic Forum / Benedikt von Loebell, CC BY-NC-SA 2.0
11. Januar 2020 | 06:58
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