Gottesdienst | © Daniela Huber-Mühleis
Schweiz
Gottesdienst | © Daniela Huber-Mühleis

Ein Liturgie-Rating ist das Allerletzte

Luzern, 27.12.16 (kath.ch) In einer durch und durch von Wirtschaftlichkeit geprägten Gesellschaft sind «Ratings», Bewertungen von Produkten und Dienstleistungen, allgegenwärtig. In der Kirche, besonders im Gottesdienst haben diese aber nichts verloren, meint der Luzerner Theologieprofessor Edmund Arens* in einem Gastbeitrag auf kath.ch.

In der Innerschweiz geschieht Innovatives. Im Nachrichtenportal zentralplus.ch erscheint seit Kurzem jedes zweite Wochenende ein Gottesdienst-Rating. Verfasser ist der Theologe und Journalist Remo Wiegand. In zwei städtischen und einer ländlichen Gemeinde hat er bisher Sonntagsgottesdienste besucht, unter die Lupe genommen und mit spitzer Feder amüsant und erhellend bewertet.

Dies nach Kriterien wie Ambiente des Kirchenraums, Ausstrahlung des Priesters, der Pfarrerin oder des Predigers, Qualität der Musik, Feierlichkeit, Integrationsfaktor respektive Beteiligung der Gläubigen. Jeder dieser Punkte wird mit 1 bis 5 Kreuzen bewertet. Abschliessend wird das Gesamterlebnis aus dem Durchschnitt der Kreuze ermittelt. Die Medienmitteilung zur Serie trägt den Titel: «In welcher Kirche betet man am besten?» Eine flotte Formulierung, eine harmlose keineswegs.

In einer durchökonomisierten Welt verdient der Gottesdienst Schutz

Wer dieses locker-flockige Gottesdienst-Rating kritisch-theologisch hinterfragt, muss meines Erachtens elementare Vorbehalte anmelden. Wieso? Weil in der bis zu den Zehenspitzen durchökonomisierten Welt der Gottesdienst und die darin Beteiligten Schutz verdienen. Keinen Artenschutz, wohlgemerkt. Auch keinen Patentschutz, sondern einen Schutz vor wettbewerbsorientierter Ökonomisierung. Bei dieser bleiben nämlich die Schwachen auf der Strecke, und nur die Starken schaffen es bis zu Bestnoten und Super-Ratings.

Liturgie ist heilsame Unterbrechung des ökonomisierten Alltags. Kirchen sind Anders-Orte in den immer mehr durch Bankhäuser und Konzernzentralen geprägten Stadtbildern. Priester sind keine Hochleistungsliturgen. Für Gemeindeleiterinnen und Gemeindeleiterdarf weder das Aussehen, noch die fernsehtaugliche Performance der Predigt entscheidend sein, sondern der authentische, durch die eigene Person bezeugte Dienst am Wort Gottes.

Kirchen sind Anders-Orte in den Stadtbildern

Das ist kein Plädoyer für homiletische Schlamperei oder rituelle Ignoranz. Aber die Zeiten, in denen Heerscharen von jungen, gut gebildeten, vom «Aggiornamento» beseelten Kaplänen die Gottesdienste zu mitreissenden Feiern formten, sind leider vorbei. Ein einst wortgewaltiger, unterdessen überalterter Klerus kann nun mal nicht wie Pavarotti intonieren, wie Bruno Ganz rezitieren oder wie Sœur Sourire psalmodieren.

McKinsey und Moody›s raus aus der Kirche!

Gottesdienstliche «Gesamterlebnisse» entziehen sich den ebenso unbarmherzigen wie Menschen missachtenden Messlatten von Rating-Agenten, welche die Liturgie der gnadenlosen Konkurrenz der Besten, Leistungsstärksten, Schönsten und Kreativsten aussetzen. Dadurch geraten diejenigen unter Druck, die am Ambo oder Altar nicht (mehr) bella figura zu machen vermögen.

McKinsey und Moody›s raus aus der Kirche! Der in Jesus Mensch gewordene Gott schert sich einen Dreck um technokratische Kompetenzorientierung, Rating- und Rankingfieber. Dem Angriff der Ökonomie auf die Liturgie gilt es durch subversive, spielerische und barmherzige Phantasie zu begegnen. (ms)

* Edmund Arens ist Professor für Fundamentaltheologie an der theologischen Fakultät der Universität Luzern.

Edmund Arens | © zVg/Universität Luzern
Edmund Arens | © zVg/Universität Luzern
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