Schweiz

Ein Doktor der Chemie auf dem Weg zum Priester

Zug, 23.9.17 (kath.ch) Die Idee, Priester zu werden, kam Philipp Ottiger über Nacht. Auch nach Jahren hält er dies immer noch für die beste Idee seines Lebens. Am 24. September wird der 35-Jährige in Basel zum Diakon geweiht.

Sylvia Stam

«Ich bin eines Tages aufgewacht und hatte die Idee, ich sollte vielleicht Priester werden», erzählt Philipp Ottiger, als handelte es sich dabei um etwas Alltägliches. So als wäre er aufgewacht mit dem Gedanken, er sollte vielleicht mehr Sport treiben.

Der heute 35-Jährige schrieb damals an seiner Dissertation in Chemie an der Uni Bern. «Ich fand die Idee ein wenig absurd, sie passte nicht in meine Pläne, ein Postdoc (Forschungstätigkeit nach der Promotion) in den USA zu absolvieren», gibt er lachend zu. Gleichzeitig habe ihn diese Idee fasziniert und nicht mehr losgelassen. Ganz Naturwissenschaftler, wollte er sie entsprechend «falsifizieren», also durch Experimente widerlegen. Das Experiment bestand darin, bei jeder Gelegenheit eine Messe zu besuchen.

Philipp Ottiger | © Sylvia Stam

Entgegen seiner Erwartung, das würde sich nach spätestens zwei Wochen wieder legen, blieb er dabei, mehrmals wöchentlich vor der Uni zur Messe zu gehen. «Es hat irgendwie gepasst», sagt er schlicht.

Selbstverständlich katholisch

Dabei deutete in seiner Jugend nichts auf einen solchen Weg hin. Zwar sei er im luzernischen Hochdorf «mit einer gewissen Selbstverständlichkeit katholisch» aufgewachsen, doch «explizit Religiöses» sei wenig vorgekommen. Ottiger war weder Ministrant noch bei der Jungwacht, man ging in seiner Familie auch nicht jeden Sonntag in die Kirche. Dennoch nahm man an Pfarreianlässen teil, Ottiger erinnert sich etwa an eine «Castagnata» (Kastanienfest) der Italienermission. Der Pfarrer und der Kaplan sind ihm als eindrückliche Menschen in Erinnerung geblieben. «Ich fand Personen, die in der Kirche arbeiteten, auf eine gute Art speziell.» Der gross gewachsene, junge Mann lacht erneut und schaut sein Gegenüber mit hellem Blick an.

Chemie im Ausschlussverfahren

«Ich lache bestimmt auf allen Fotos», wird er später sagen. Dabei ist es nicht nur ein Ausdruck von Nervosität aufgrund des Medieninteresses, es wirkt vielmehr als Unbedarftheit. Vielleicht ist es die Frucht eines Lebens, das bisher reibungslos verlief: Als Lehrersohn habe er die Schule «ring» durchlaufen, nach der naturwissenschaftlichen Matur entschied er sich «im Ausschlussverfahren» für ein Chemiestudium in Bern, das er ebenfalls mühelos durchlief. «Es war spannend, ich habe das gern gemacht», versichert er glaubwürdig.  Eine Dissertation «wäre noch gäbig», dachte er damals, was auch sein Professor fand. Immer wieder, so scheint es, standen ihm Türen offen oder öffneten sich just dann, wenn es sinnvoll war. Entsprechend «entspannt» verlief sein Leben – ein Ausdruck, der im Gespräch immer wieder fällt.

Lektor, Kommunionhelfer, Synodenmitglied

Entspannt verlief auch der weitere Weg zum Priester:  Auf die Gottesdienstbesuche folgten Engagements als Lektor, als Kommunionhelfer, als Synodenmitglied. Zwei Glaubenskurse bestätigten ihm, dass auch ein Theologiestudium in Frage käme. Der Pfarrer der Berner Dreifaltigkeitskirche, die erste Person, der er von seiner «Idee» erzählte, hatte just Flyer dabei für einen Informationsanlass für angehende Priesteramtskandidaten. Es folgten Einführungsjahr, Theologiestudium in Luzern und Rom, Praktika und Berufseinführung. Derzeit ist er als Pastoralassistent in der Katholischen Kirchgemeinde Zug tätig.

«Theologie hat mehr mit dem Leben zu tun.»

Ottiger erzählt ausführlich, offen. Manchmal lässt er sich Zeit, um nachzudenken. Je länger er spricht, desto tiefgründiger wird seine Antwort. «In der physikalischen Chemie lernt man, wie die Welt im Kleinen funktioniert. Das ist jedoch nicht die letzte Wahrheit, sondern eine vorläufige Theorie, die sich ständig weiterentwickelt», entgegnet er auf die Frage nach einem allfälligen Spannungsverhältnis zwischen Naturwissenschaften und Theologie.

Philipp Ottiger | © Sylvia Stam

In der Theologie sei es umgekehrt: «Sie geht von einem absoluten Wahrheitsanspruch aus, aber die Modelle sind weniger klar.» Einzelne Theologen spielten eine grössere Rolle. Die Theologie habe jedoch mehr mit dem Leben zu tun: Die Fragen des Menschen nach dem Sinn des Lebens, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, die Frage nach Gott und wie man ihn erfährt.

Gott in der eigenen Tiefe nahe kommen

Wie er selbst Gott erfahre? Auch diese Frage lässt ihn einen Augenblick nachdenken. In solchen Momenten lacht er nicht, sondern stützt das Kinn auf die rechte Hand, blickt zur Seite, leicht nach oben, als könne er die Antwort dort erkennen. «In der Stille», sagt er schliesslich, etwa während Exerzitien, «wenn man ein paar Tage nur zuhört, kommt man Gott in der eigenen Tiefe am nächsten.»

«Mit dem Zölibat kann ich relativ gut leben.»

Die Weihe zum Diakon, die Ottiger am 24. September gemeinsam mit drei weiteren Kandidaten des Bistums Basel erhält, ist für ihn ein Zwischenschritt, auf den die Priesterweihe folgen wird – voraussichtlich in gut einem Jahr. Die damit verbundenen Aufgaben, die er zum Teil auch als Pastoralassistent erfüllen könne, würden ihm damit offiziell übertragen: Taufen, beerdigen, beim Ehesakrament dabei sein, Kranken die Kommunion bringen, zählt er auf. Seine Hauptaufgabe sei jedoch die Verkündigung des Evangeliums. Als Priester wird er dereinst zudem die Eucharistie feiern, die Beichte abnehmen und die Krankensalbung vornehmen können.

Glaube ist ein Grund zur Freude

Das Versprechen der Ehelosigkeit wird er schon als Diakon ablegen, ebenso wird er Gehorsam gegenüber dem Bischof versprechen. Der Zölibat bereitet ihm keine Sorgen: «Ich denke, ich kann relativ gut damit leben», sagt er nach einem Augenblick des Nachdenkens. Er habe Partnerschaft nie gesucht und könne mit dem Alleinsein umgehen. Auch der zunehmende Priestermangel stresst ihn nicht. «Wir wissen nicht, wie die Kirche in zehn Jahren aussieht», sagt er mit dem ihm eigenen Optimismus.

«Die beste Idee für mein Leben»

Dennoch gibt er kritisch zu, dass den Schweizer Pfarreien manchmal die Freude fehle. «Unsere Gottesdienste sind häufig ernst und ruhig. Dabei ist Glaube ein Grund zur Freude, die man ins Leben mitnehmen kann.» Das jedenfalls möchte er in seiner künftigen Tätigkeit als Diakon und Priester vermitteln, sagt er und fügt lachend hinzu: «Priester zu werden ist immer noch die beste Idee für mein Leben.» Es könne eigentlich nichts schiefgehen, denn «der Herrgott weiss schon, was er macht!»

 

Philipp Ottiger in seinem Büro | © Sylvia Stam
23. September 2017 | 09:00
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Diakon

Das Wort «Diakon» stammt aus dem Griechischen und bedeutet «Diener». Entsprechend wurde dem Diakon schon in der frühen Kirche, wie die Apostelgeschichte berichtet, die Armenpflege übertragen. Seit dem fünften Jahrhundert verlor das Amt spürbar an Bedeutung. Im Gegensatz zur orthodoxen Kirche wurde in der katholischen Kirche das Diakonat lediglich zur Durchgangsstufe für die Priesterweihe.

Im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde das Diakonat als Weiheamt wiederbelebt. Seit 1968 können auch verheiratete Männer zum ständigen Diakon geweiht werden. Das Wort «ständig» weist darauf hin, dass das Diakonat für Lebzeiten übernommen wird.

Wer den Beruf des Diakons anstrebt und sich zum Zölibat verpflichtet, kann mit 25 Jahren die Diakonatsweihe empfangen, verheiratete Männer müssen bis zum 35. Lebensjahr warten und werden nur dann zur Weihe zugelassen, wenn die Ehefrau zustimmt.

Diakone dürfen taufen, bei der Trauung assistieren, beerdigen und predigen, nicht aber Eucharistie feiern und Beichte hören. Auch kann ein Diakon durch den Bischof in der Sonderseelsorge eingesetzt werden. Von jenen, denen es um eine bessere Präsenz der Frau in der Kirche geht, wird das Diakonat für Frauen angestrebt, für das es biblische Vorbilder gibt. Die Kirchenleitung zögert jedoch, weil dies als ein erster Einstieg in das Priesteramt der Frau verstanden würde. (sys)