Reliquie von Pater Pio in San Giovanni Rotond. | © KNA
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Reliquie von Pater Pio in San Giovanni Rotond. | © KNA

Die Wundmale Christi bei Pater Pio erregen Anstoss

San Giovanni Rotondo/Bonn, 18.9.18 (kath.ch) Mystiker ecken an. Immer schon. Merkwürdige Personen mit religiösen Entrückungen, Visionen von Christus, von Teufeln und Dämonen, ihren Wundmalen Christi. Der aufgeklärte Mensch des 21. Jahrhunderts kann damit womöglich noch weniger anfangen als der religiös Wundergläubige des Mittelalters.

Alexander Brüggemann

Am 20. September 1918, vor 100 Jahren, traten beim heiligen Pater Pio von Pietrelcina (1887-1968) fünf Stigmatisationen auf: «Wundmale Christi», angeblich in Ekstase empfangen. Er trug sie genau 50 Jahre und 3 Tage, bis zu seinem Tod am 23. September 1968. Der süditalienische Kapuziner ist damit einer von 13 Stigmatisierten, die von der katholischen Kirche heiliggesprochen wurden.

Dabei wertet sie eine Stigmatisation gar nicht automatisch als übernatürlich oder als Erweis von Heiligkeit. Bei Selig- und Heiligsprechungsprozessen wurden Stigmata nicht oder nur am Rande erwähnt. Ein Stigma (vom griechischen «Stich» oder «Mal») ist allgemein gesprochen ein Schmuck- oder Eigentumszeichen, das Zugehörigkeit symbolisiert: zu einer Herde, einer Religion. Im Alten Testament werden solcherart Be-Zeichnungen abgelehnt.

Ausdruck besonderer Zugehörigkeit

Die Stigmatisation, also unfreiwillig die Wundmale Christi zu tragen, bedeutet in dieser Logik eine besondere Zugehörigkeit zu Christus und seinem Leiden. Bei den Betreffenden, zumeist Menschen mit besonderer Passionsfrömmigkeit und hohen suggestiven Fähigkeiten, zeigen sich äusserlich wahrnehmbare Wunden (und periodisch blutende) oder auch nur sinnlich spürbare Wundschmerzen, die jene von Jesu Leiden am Kreuz imitieren. Die Wissenschaft beschreibt die Stigmata als therapieresistent und aseptisch; sie entzünden sich also nicht und gehen auch nicht mehr weg.

Die Wissenschaft beschreibt die Stigmata als therapieresistent.

Wer die Wundmale Christi trägt, wird bestaunt, aber mindestens ebenso beargwöhnt. Nicht umsonst bedeutet eine Stigmatisierung – anders als Stigmatisation – soziologisch auch, an den Rand gestellt und als Aussenstehender gebrandmarkt zu werden: eine «unerwünschte Andersheit».

Der erste anerkannte Fall von Stigmatisation ist 1224 der heilige Franz von Assisi (1181/82-1226). Er ist in diesem soziologischen Sinne recht «ungeschoren» daraus hervorgegangen, gehört er doch bis heute zu den beliebtesten Heiligengestalten überhaupt.

Besucher aus dem Ausland

Anders die erste Frau, die die Stigmata erhielt: die selige Christina von Stommeln (1242-1312), deren lokale Verehrung in Deutschland im Rheinland seit den 1930er Jahren nahezu ausgestorben ist. Die fromme, klösterlich lebende Frau, eckte mit ihren religiösen Trancezuständen, Leiden und Ekstasen an.

An verschiedenen Wohnorten untermauerte sie ihren Ruf der Merkwürdig- und Heiligmässigkeit zugleich. Von fern her, selbst aus dem Ausland, kamen Menschen, um Christina zu begegnen und mit ihr über die mystische Begegnung mit Christus zu sprechen.

Eine Schwindlerin, die eine Wundersucht der Leute bedient?

Viele Parallelen gibt es zur Therese Neumann von Konnersreuth (1898-1962), die durch ihre Wundmale und ihre angebliche jahrelange Weigerung, mit Ausnahme der Kommunion Nahrung aufzunehmen, die immer gleichen Reaktionen erfuhr: Staunen und Stirnrunzeln, tiefe Verehrung und tiefe Zweifel. Eine Heilige oder eine Schwindlerin, die eine Wundersucht der Leute bedient? Kritiker wusste Therese Neumann von sich fernzuhalten.

Staatliche Untersuchung wies Betrug nach

Oder die heilige Anna Katharina Emmerick (1774-1824). Die erkrankte Ordensfrau aus Westfalen war ebenfalls mit den Stigmata und mit mystischen Visionen geschlagen, in denen sie jeden Freitag die Leidensgeschichte Christi durchlitt. Eine staatliche preussische Untersuchung konnte ihr keinen Betrug nachweisen – ausser dass, wie es hiess, ihre Wunden mechanisch herbeigeführt und also nicht übernatürlichen Ursprungs seien. Während der staatlichen Überprüfung jedenfalls trat keine ihrer Erscheinungen auf.

Ein Historiker macht Karbolsäure für die Verwundungen verantwortlich.

Auch bei Pater Pio bleibt die Frage der Wundmale mysteriös. Es hiess, sie bluteten beständig, allerdings ohne sich zu entzünden. Die Handschuhe trug der Ordensmann nach eigenem Bekunden, damit seine Besucher nicht durch die Wunden abgelenkt würden. Der Historiker Sergio Luzzato macht Karbolsäure für die Verwundungen verantwortlich.

Er verweist auf entsprechende Bestellungen des Nervengifts Veratrin in der örtlichen Apotheke, das die Wundschmerzen habe betäuben sollen. Der Vatikan urteilte in den 1930er Jahren, die Wundmale gingen auf Autosuggestion zurück. (kna)

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