Einen Chef an den»chefmässigen» Lohn erinnern: Supervisor Bernd Kopp sprach Klartext. | © Barbara Ludwig
Schweiz
Einen Chef an den»chefmässigen» Lohn erinnern: Supervisor Bernd Kopp sprach Klartext. | © Barbara Ludwig

«Die Chefs in der Kirche wollen Probleme nicht sehen»

Zürich, 8.2.18 (kath.ch) Lieber wäre er die Konflikte angegangen, solange sie noch jung waren. Aber man rief ihn häufig erst, wenn das Feuer schon bis zum Dach loderte. Bernd Kopp (67), bis Ende Januar Supervisor im Auftrag der katholischen Kirche im Kanton Zürich, hatte dennoch Freude an seiner Arbeit. Und ist überzeugt, dass sich sein langjähriger Einsatz gelohnt hat.

Barbara Ludwig

Keine Möbel und kahle Wände im Eingangsbereich. Es ist wie bei einer Wohnungsbesichtigung, als wir Bernd Kopp, in blauem Pulli und schwarzen Jeans, in seinen letzten Tagen an der «Kirchlichen Stelle für Gemeindeberatung und Supervision» in Zürich-Enge besuchen. Nur im grossen Büro- und Gesprächsraum gibt es noch Spuren menschlichen Schaffens: Dokumente auf dem Schreibtisch, ein grosser Tisch mit acht Stühlen, an dem so manches Gespräch stattgefunden hat, und der vielleicht auch Kopps Nachfolger dienen wird.

Nach kurzer Anlaufzeit voll ausgelastet

Kopp hat die Stelle aufgebaut, die sich die katholische Kirche im Kanton Zürich seit 2004 leistet. Man habe ihm die Türen nicht von Anfang an eingerannt, sagt der Theologe. Zunächst habe es eine längere Anlaufzeit gebraucht, «weil der Inhalt der Stelle sehr neu war». Doch schon nach einem Jahr konnte das Stellenpensum auf 60 Prozent aufgestockt werden. Und dann war der ausgebildete Supervisor über all die Jahre hinweg ausgelastet.

Der Schwerpunkt seiner Tätigkeit war die Beratung von kirchlichen Mitarbeitern oder Teams in Konfliktsituationen. «Am häufigsten waren Konflikte kirchlicher Mitarbeiter mit ihren Chefs, mit Pfarrern oder Gemeindeleitenden. Und umgekehrt: Personen in leitender Funktion, die Probleme mit ihren Mitarbeitern hatten», sagt Kopp.

Vorgesetzte neigen dazu, Probleme zu ignorieren

In einem Milieu wie dem kirchlichen, das sowieso konfliktscheu sei, hätten gerade die Chefs Mühe, vorhandene Probleme zuzugeben. Aus Angst, in ein schlechtes Licht zu geraten, neigten viele von ihnen dazu, das Team und die Arbeit in einem positiven Licht darzustellen, erzählt der Supervisor. «Es gibt bei uns diverse Baustellen. Wir haben Sie gerufen, um daran zu arbeiten.» Solche Sätze aus dem Munde eines Chefs seien sehr selten.

«Mir hat mal ein Pfarrer gesagt: ‘Ich wollte nie Chef sein'»

Kopp hat Verständnis für die kirchlichen Vorgesetzten. Oft seien sie weder durch Ausbildung und Weiterbildungen noch durch ihr «persönliches Berufungsprofil» der Aufgabe gewachsen. «Mir hat mal ein Pfarrer gesagt: ‘Ich wollte mein ganzes Leben lang Seelsorger sein. Ich wollte nie Chef sein.'»

Dieser Pfarrer war bei Kopp im Einzelcoaching. Das ist ein weiteres Beratungsformat, das die Stelle nebst der Teamsupervision anbietet. Seine Aufgabe sei es gewesen, den Geistlichen in die Vorgesetztenrolle hineinzuführen. Auch indem er ihn an das Pflichtenheft und die «chefmässige Bezahlung» erinnerte.

Nützliche «Feuerwehrübungen»

Bernd Kopp musste als Supervisor oft schnell zur Stelle sein. | © Barbara Ludwig

Kopp ist ein Mann, den nichts so schnell aus der Ruhe bringt. Langsam und bedächtig formuliert er seine Sätze, manchmal schliesst er während des Gesprächs für einen kurzen Moment die Augen. Doch der Theologe musste immer wieder Feuerwehr spielen. Weil die Leute nie zum richtigen Zeitpunkt, sondern «fast immer zu spät» bei ihm Rat suchten. Dann, wenn sich die Konflikte bereits verfestigt haben.

Ob es ihm Spass gemacht habe, Feuerwehr zu spielen? Ja, sagt Kopp und lacht. «Mir hat erstens Spass gemacht, dass ich gebraucht wurde.» Zweitens habe er festgestellt, dass es auch bei «Feuerwehrübungen» sehr oft möglich sei, nicht den ganzen Brand zu löschen, aber doch den Konflikt einzudämmen. Zum Beispiel zu verhindern, dass die Pfarrei in den Konflikt hineingezogen wird. «Es war sehr befriedigend, wenn es möglich war, ein friedliches Auseinandergehen oder erst mal ein konstruktives Nebeneinander hinzukriegen.» Das sei oft möglich, versichert der Supervisor. Mit seinen Interventionen habe er auch dazu beitragen können, dass Konflikte respektvoller über die Bühne gingen.

Konflikte im dualen System

Oft hatte Kopp auch mit Konflikten zu tun, die ihren Ursprung in der dualen Struktur der hiesigen Kirche haben. Das «Mit-, Neben- und Gegeneinander» von Kirchgemeinde und Pfarreileitung sei neben den Problemen von Führung und Leitung ein Hauptthema gewesen.

«Wir müssen da den Daumen drauf halten.»

Der Supervisor umschreibt die Konfliktlinien so: «Die einen sagen: ‘Wir müssen die Steuergelder verwalten, die nicht unser privates Geld sind, und da den Daumen drauf halten.’ Die andern sagen: ‘Wir sind für die Pastoral zuständig und können uns nicht von diesen Buchhaltern diktieren lassen, was wir dürfen und was nicht.'»

Genau in diesem Bereich konnte Kopp seinen letzten Erfolg verbuchen. Zwei zerstrittene Protagonisten – ein Pfarreileiter und ein massgebliches Behördenmitglied – hätten sich entschlossen, bei ihm Hilfe zu holen. In einem mediatorischen Gespräch sei es ihm gelungen, die beiden Personen dazu zu bewegen, bestimmte Abmachungen zu treffen und dies in einer Vereinbarung festzuhalten. Und dann hätten sie beschlossen, sich nach den zwei ersten Gesprächen regelmässig in dieser Dreierkonstellation zu treffen und zu überprüfen, wie die Vereinbarung umgesetzt werden konnte, ob es dabei zu grösseren Problemen kam und wie man mit diesen umgehen könnte.

«Ich hoffe und bete, dass das Kind immer älter wird»

Es sei «richtig schön», wenn es gelinge, einen solchen «Hebammendienst» zu leisten, erzählt Kopp. «Ich hoffe und bete, dass das Kind – ein einvernehmliches Miteinander – immer älter wird. Das ist eine sehr dankbare und schöne Aufgabe, die nicht immer gelingt.»

Lösungen nicht aus dem Hut zaubern

Der Supervisor als Hebamme? Kopp mag den Begriff sehr. Denn der Supervisor sollte die Betroffenen dazu bringen, selber die Lösungen zu finden. Wer erwarte, dass ein Supervisor nach einem einmaligen Gesprächsabend Lösungen aus dem Hut zaubere, werde enttäuscht.

Kopp ist überzeugt, dass sich sein jahrelanger Einsatz gelohnt hat und sich auch die Arbeit seines Nachfolgers, Andreas Beerli, lohnen wird. Er wisse, dass andere «neidvoll» auf die Stelle für Supervision und Gemeindeberatung blicken, die als kirchliche Fachstelle in der Schweiz noch immer einzigartig sei. Nun geht Kopp in Pension.


Supervisor für Pfarreien und kirchliche Mitarbeiter geht in Pension

Bernd Kopp: letzte Tage an der "Kirchlichen Stelle für Gemeindeberatung und Supervision" | © Barbara Ludwig
Bernd Kopp: letzte Tage an der "Kirchlichen Stelle für Gemeindeberatung und Supervision" | © Barbara Ludwig

Kirchliche Stelle für Gemeindeberatung und Supervision

Die «Kirchliche Stelle für Gemeindeberatung und Supervision» unterstützt Mitarbeiter der katholischen Kirche in den Kantonen Zürich und Glarus. Dabei hilft sie sowohl Einzelpersonen als auch Gremien. Die Unterstützung geschieht in Form von Beratung, Begleitung, Supervision und Mediation, heisst es auf der Webseite der Stelle. Diese ist eine Arbeitsstelle des Generalvikariates der Kantone Zürich und Glarus. Gegründet wurde sie 2004. Die Stelle kann bei internen und externen Kommunikationsproblemen, zur Standortbestimmung, bei Konflikten und in Leitungs- und Führungsfragen konsultiert werden, heisst es auf der Webseite. (bal)

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