Schweiz

Die Badenfahrt bot Momente der Stille im Trubel

Baden, 28.8.17 (kath.ch) Die diesjährige «Badenfahrt» zählte über eine Million Besucher. An dem Anlass der Superlative, der alle zehn Jahre in Baden (AG) stattfindet, beteiligten sich auch die Kirchen sowie Vereine mit Beizen und Angeboten der eher stilleren Art.

Vera Rüttimann

Manchen summte noch der Kopf vom Besuch in der Raketenbeiz, die mit 32 Meter Höhe sogar den Badener Stadtturm übertraf. Oder sie waren von den Gigabauten des Lunaparks auf dem Sportplatz Aue geflohen. In der Kinder- und Jugendwelt fanden sie einen Ort zum Durchatmen: Still standen Besucher vor grossen Fototableaus zum Thema «Glück», die Ruhe ausstrahlten. Hier befand sich das Gelände des katholischen Jugendverbands Jungwacht Blauring (Jubla) Baden während dieses 10-tägigen Festes, das am Sonntag zu Ende ging.

In diesem Frühjahr konnten Jugendliche und junge Erwachsene ihr Bild vom Glück in Fotografie und Text darstellen und online über die Webseite www.dein-bild-vom-glueck.ch einreichen. Hinter dem Fotoprojekt stand die Jugendarbeit der beiden Aargauer Landeskirchen und der Katholischen Kirchgemeinde Kirchdorf. Die besten Beiträge wurden nun an der «Badenfahrt» ausgestellt.

Matthias Villiger, Jugendarbeiter der katholischen Kirchgemeinde Kirchdorf, bilanziert: «Dieses Angebot sollte die Leute ein wenig herausreissen aus dem Rausch, den sie im Lunapark erlebt haben. Wenn sich einige bei diesen Fotos überlegt haben, was für sie persönlich Glück ausmacht, dann haben wir das Ziel erreicht.»

Die Beiz der Flüchtlinge

Auch am Limmatufer traf man auf die andere «Badenfahrt». Getreu dem Motto dieses Festes, das unter dem Leitmotiv «Versus» stand, wurde auf dem Areal der Plattform «Polygon» das Gegenläufige betont. Unweit des Tränenbrünneliplatzes traf man nicht nur auf Lichtinstallationen und Konzerte, sondern mit dem «Nour Royal» auf eine Beiz, die zusammen mit Asylsuchenden betrieben wurde. Initiert wurde sie vom Verein Kafi Royal, der seit 2014 Geflüchteten, Asylsuchenden und Einheimischen im Badener Royal die Türen für gemeinsames Lernen, rechtlichen Beistand und Austausch beim Kochen öffnet. Das grosse Ziel des Vereins war, Geflüchteten den Besuch der «Badenfahrt» zu ermöglichen.

Das ist dem Verein gelungen. Und nicht nur das. Das «Nour Royal» galt als einer der kreativsten Beizen an diesem Stadtfest. Im Innern war sie gewoben aus gefärbten Baumwollbändern, aussen mit ausgedienten Sonnenstoren versehen. Die obere Etage erreichte man über eine Wendeltreppe und nur ohne Schuhe. Oben sass der Gast auf weichen Kissen und trank Tee. Der eigentliche Clou aber war die Fassade zur Strassenseite hin. In Rastern standen hunderte silbern schimmernder Kräutertöpfchen mit Aromen aus aller Welt.

Stille Bänke und stille Beizen

Wer an diesem Fest der Superlative Ruhe suchte, der fand sie. Zum Beispiel in den «Stillen Beizen». Zu ihnen gehörte das Lokal des Vereins «NoNa» (no-name), das eine Terrasse auf der Rückseite des Theaters «Thik» abseits des Trubels baute. Fast in intimer Atmosphäre konnten die Besucher auf einem kleinen Platz hinter der katholischen Stadtkirche speisen, der «Beschränkt» hiess. Dort konnte der Gast die Speisen in ausrangierten Schränken, in die die Macher Tische und Stühle eingebaut hatten, zu sich nehmen. Und wem der Trubel immer noch zu gross war, der klappte einfach die Schranktür zu und schaltete innen die Glühbirne an.

Das Wort «still» wurde an dieser «Badenfahrt» auch mit dem Namen Daniel Cortellini alias Corti in Verbindung gebracht. Als der bekannte Badener Weinhändler 2015 in einer Kolumne des «Badener Tagblattes» seinen Wunsch nach mehr Begegnungsqualität an der «Badenfahrt» äusserte, war die Idee des «stillen Bänkli»” geboren. Interessenten konnten Bank-Patenschaften übernehmen. Diese mit bunten Farben versehenen Möbel standen an lauschigen Orten, etwa auf dem Areal der Villa Langmatt, auf dem Theaterplatz oder in der Villa Paul.

Treffpunkt Kirche

«Stille Bänke» standen auch im Park neben der reformierten Kirche der Stadt Baden. Pfarrer Markus Graber hatte sich mit seinem Team dafür eingesetzt, dass mitten im Trubel eine kleine Stadtoase entstehen konnte. Er resümiert: «Mit diesem Ort der Stille wurde ein Nerv getroffen. Viele führten hier intensive Gespräche.» Jürg Hermann, Sozial-Diakon der Gemeinde, ergänzt: «Gibt’s heutzutage etwas Wertvolleres als Zeit? Schön ist es, wenn die Zeit einen Augenblick still steht.» Hier stand sie still.

Die reformierte Kirchgemeinde Baden stellte zur «Badenfahrt» ein vielfältiges Programm zusammen. Getragen wurde es von Menschen, die zehn Tage lag freiwillig zupackten. Bis in die frühen Morgenstunden. Unter dem Motto «Brot und Wii» wurde dem Gast hier frischgebackenes Fladenbrot, gebacken von afghanischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern der Gemeinde, angeboten. Dazu gab es edlen Wein aus der Region. Mit dem «Chor-Mümpfeli» fand zudem jeden Abend ein kleines Chorkonzert statt. Chöre wie das »Echo vo de Chronegass» und die Schola Cantorum Wettingensis traten auf. Auch in der katholischen Kirche fanden erlesene Konzerte statt. Der «WeltCHor» gab dort ein vielbeachtetes Konzert. Am Kinder- und Familientag rund um die reformierte Kirche ging es um Gegensätze wie warm und kalt, klassisch und poppig, laut und leise und um Gegensätzen aus der Bibel.

Meditative Kahnfahrt

Während zum Abschluss der «Badenfahrt» ein gewaltiges Feuerwerk am Himmel böllerte, suchten andere Nachtschwärmer einen ruhigeren Ausgang dieses Stadtfestes. Die wohl meditativste Art, es zu geniessen, war eine nächtliche Fahrt mit einem Pontonierboot auf der Limmat entlang des Ufers bis hinauf zum rot beleuchteten Kraftwerk, das wie eine Kathedrale des Lichts leuchtete. Die «Badenfahrt» 2017 war ein Fest mit vielen magischen Momenten.

 

 

 

 

Blick von der Raketen-Bar auf Baden mit seinem Wahrzeichen, dem Stadtturm | © Vera Rüttimann
28. August 2017 | 18:13
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