Schweiz

Der WJT war in einer von Terror gequälten Welt ein Hoffnungszeichen

Zürich/Krakau, 2.8.16 (kath.ch) Nach Polen ist vor Panama. Doch bevor sich die Aufmerksamkeit auf den nächsten Austragungsort des Weltjugendtags richtet, ein persönlicher Blick zurück. Impressionen vom 31. Weltjugendtag in Krakau von kath.ch-Mitarbeiterin Vera Rüttimann.

Zum Schluss öffnete der Himmel noch mal seine Schleusen und es goss sintflutartig. Als sich die Pilgerinnenund  Pilger zum Hauptbahnhof aufmachten, um in alle Richtungen nach Hause zu fahren, entlud sich ein heftiges Gewitter. Es tropfte aus allen Rohren. Überall sah man nur noch rote, blaue, gelbe WJT-Regencapes im graunassen Krakau.

Der Stimmung tat dies keinen Abbruch. Weltjugendtag-Besucher sind wetterfest. Egal ob es regnet oder gewittert, sie haben hier viel Schönes erlebt, das trägt. So war es kein Abschied mit Tränen. Alles blieb friedlich bis zum Schuss. Ich staune noch immer, denn wer vor einer Woche aus Deutschland oder Frankreich hier anreiste, tat diese aufgrund der IS-Attentate mit eher gemischten Gefühlen.

Paradise-City in St. Florian

Nun sind sie abgereist. Auf die Markplätze kehren die Blumenfrauen und Tauben zurück. Auf dem Rynek Glowny stehen die Pferdekutschen wieder in Reih und Glied. Im Hostel Sabot am Rynek Kleparsky, wo ich für eine Woche ein Obdach fand, sind noch ein paar WJT-Gäste anwesend, die erst nach dem grossen Rest abreisen.

Gleich um die Ecke des Hostels befindet sich die Kirche St. Florian an der ul. Warszawska 1, wo ich morgens an der Katechese teilnahm. Die Redebeiträge der Priester trafen nicht immer meinen Geschmack. Oftmals hätte ich mir mehr gesellschaftspolitische Inhalte gewünscht, etwa zum Thema Flüchtlinge, zur Rolle Polens in Europa oder zur Aufarbeitung der Sexual-Delikte.

Die Leute chillten auf der Wiese

Hier befand sich am Weltjugendtag auch das Zentrum von «Chemin Neuf», einer charismatischen Bewegung innerhalb der katholisch Kirche. Sie präsentierten mit «Paradise in the City» ein beeindruckendes Rahmenprogramm: Der Garten wurde mit Lichtinstallationen ausgeleuchtet. Die Ikonen darin wurden grün oder blau angestrahlt. Es gab «Silence-Schilder», die darauf hinwiesen, dass auf einer Wiese Leute beten, schweigen oder im Gespräch mit einem Priester waren. An den Abenden spielten formidable südfranzösische Jazzbands und die Leute chillten auf der Wiese. Selten habe ich Ordensleute – Junge und Alte – so ausgelassen tanzen sehen.

Am Weltjugendtag treffen verschiedene religiöse Strömungen und Praktiken aufeinander. Wer aufmerksam und neugierig ist, kann hier viel lernen. Auch über sich selbst, denn es schult zugleich die Wahrnehmung der eigenen Religiosität. Anbetung und Lobpreis ist nicht jedermanns Tradition. Auch nicht das Rosenkranz-Beten auf offener Strasse.

Krakau für Nacht-aktive Pilger

Für meinen Teil genoss ich den Weltjugendtag Krakau wohl morgens um zwei Uhr am intensivsten, wenn nur noch wenige Leute  auf dem orange ausgeleuchteten Kopfsteinpflaster unterwegs waren und sich die Bänke in den Altstadtkirchen lehrten. Herrlich, diese plötzlich Ruhe. Auch am Rynek Glowny, einem der zentralen Veranstaltungsorte des Jugendfestivals, war es plötzlich still. Wie, wenn einer den grossen Stecker gezogen hätte. In aller Ruhe konnte man sich dort in die Seitenkapellen der Marienkirche setzen, Gespräche führen oder in der Nacht noch einen Film ansehen.

Informationsbörse für die Kreativ-Wirtschaft

Für nachtaktive Menschen gab es das «Tiff – The Iñigo Film Festival», an dem der «Jesuiten-Oscar» vergeben wurde, denn gefördert wurde das Festival durch die Konferenz der europäischen Jesuiten-Provinzleitungen, die hier Kurzfilme mit spirituellen Themen aus der ganzen Welt zeigen liessen. In einem Leitwort der Jesuiten – «Gott zu suchen und zu finden in allen Dingen»- finde ich mich sehr wieder. Das Iñigo Film Festival erwies sich als eine Perle im WJT-Programm und zeigte, dass dieses Festival – ebenso das Medienzentrum für die akkreditierten Journalisten – eine wichtige Informationsbörse ist für Leute, die in der Kreativ-Wirtschaft arbeiten.

Ein unverhofftes Fest des Lebens

Die atmosphärisch dichtesten Momente ergaben sich für mich, wenn die Pilger nach Grossveranstaltungen wie dem Kreuzweg jeweils zurück in die Altstadt strömten. Eine Altstadt, die die Unesco zu den zwölf schönsten Städten der Welt zählt. Sie erlebte am WJT eine friedliche Invasion: Hundertausende zogen meist singend und feiernd mit ihren riesigen Landesfahnen an den kleinen Studentencafés, Gemüseläden und Kapellen vorbei und machten den Weltjugendtag zu einem unverhofften Fest des Lebens.

Die Pilger waren Mustergäste

Randale? Fehlanzeige. Die Pilger erwiesen sich als Mustergäste, über alles legte sich eine fast unwirkliche Freundlichkeit. Nach einigen Tagen fühlte man sich wie in einer schützenden, wärmenden Blase. Könnte die Welt doch immer so sein! Das war auch massgeblich der Herzlichkeit der Polen zu verdanken, die alles taten, damit sich die Gäste hier wohlfühlten. Die fröhliche Mega-Party in der Stadt war ein stiller Protest gegen jene, die durch Terror unseren Lebensstil gefährden. Die Jugendlichen hier wollen sich ihre Leichtigkeit auf keinen Fall nehmen lassen.

Markige Worte des Papstes

Beeindruckend war auch der Pilgerstrom zum «Feld der Barmherzigkeit», wo die nächtliche Vigil mit dem Papst stattfand. 1, 5 Millionen (!) Pilger waren dahin unterwegs. Da ich wie viele andere nicht auf dem offenen Feld übernachten wollte, lief ich vier Stunden zu Fuss zurück in die Stadt. Unterwegs kam es zu berührenden Begegnungen. Immer wieder boten ältere Polinnen am Wegrand Wasser und selbst Sandwiches an.

Auf dem Rückweg gingen mir die vielen Bilder durch den Kopf, die Papst Franziskus in dieser Woche hier hinterliess. Er überraschte einmal mehr: Wie er die Fenster seines Papamobils herunterkurbelte zum Entsetzen seiner Security-Leute; seine Fahrt mit dem Tram als «einfacher» Fahrgast…

Jugendliche zum Aufstehen ermutigt

Auch mit Worten war er stark. Seine Mahnung etwa, kein «Sofa-Jugendlicher» zu werden und in der Welt eine Spur zu hinterlassen. Sein Aufruf, rebellisch zu sein, Lärm zu machen und sich nicht anzupassen. Mit derart markigen Worten hatte noch kein Papst die Jugendlichen zum Aufstehen ermuntert. Einiges ging wohl auch die Adresse der Bischöfe, die seinen Kurs in Polen lange nicht alle goutieren.

Die Alten mitnehmen

Unverhofft geriet ich am 1. August auf dem Rynek an einen Gedenkakt, der an die Besetzung Polens durch die Nationalsozialisten erinnerte. Fünf Minuten lang schrillten Alarmsirenen, Uniformierte drückten ihre Rücken durch und am Fuss des Denkmals für den polnischen Nationaldichter Adam Mickiewic wurden rote bengalische Leuchtfeuer entzündet. Ein schaurig-schönes Schauspiel mit bitter-ernstem Hintergrund.

Was auffiel: Erstmals waren wieder vermehrt ältere Leute auf dem Marktplatz zu sehen, die sich zuvor nicht auf die Plätze trauten. Eine ältere Frau sagte im Gespräch, es sei doch das Festival der Jungen gewesen, nicht das ihre. Das stimmte nachdenklich, die jungen Leute sollten die Älteren wohl noch mehr mitziehen.

Anteilnahme ist eine wertvolle Währung

Die vielen tiefen Begegnungen machten mir klar: Echte, gegenseitige menschliche Anteilnahme am Leben des anderen ist die wertvollste Währung dieser Tage. Sie droht im durch die Digitalisierung immer schneller werdenden Alltag und durch die Unsicherheiten dieser Zeit verloren zu gehen. Deshalb, so meine Wahrnehmung, war an diesem Weltjugendtag der Durst nach genau dieser «Währung» so gross. Der Weltjugendtag in Krakau war in einer von Terror gequälten Welt ein Hoffnungszeichen.

Gebetsfeier am Weltjugendtag 2016 in Krakau | © KNA
2. August 2016 | 14:58
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