Zitat

Der Schriftsteller Claude Cueni lernte Bonnemain als «Kirchendetektiv» kennen

«Ich erhielt überraschend eine E-Mail von Joseph Bonnemain aus Chur. Der damalige Bischofsvikar fragte, ob er mich besuchen könne, er hätte da noch ein paar Fragen. Selbstverständlich. Ich war über sein Interesse erstaunt, da das einstige katholische Internat Kollegium Maria Hilf 1973 vom Kanton übernommen worden war und nicht mehr im Verantwortungsbereich des Bistums lag.

Das Leben lehrt Demut und Bescheidenheit

Wieso war Bonnemain noch interessiert? Der Kanton Schwyz hatte sich hartnäckig geweigert, ihm die Liste meiner damaligen Mitschüler auszuhändigen. Das hatte den Ermittler in ihm geweckt. Ich war neugierig, einen «Kirchendetektiv» kennenzulernen, zumal ich in meinem Thriller «Der Bankier Gottes» den Nunzio Apostolico Con Incarichi Speciali, den Spezialagenten des Papstes, zur Hauptfigur gemacht hatte.

An jenem Morgen im Jahre 2014 trat ein charismatischer und bescheidener Mann aus dem Fahrstuhl, der aufrichtiges Interesse an der Aufklärung der damaligen Vorfälle hatte. Aber wir sprachen über andere Dinge, über das Sterben, über den Tod, denn meine erste Frau war an Krebs gestorben, und er hatte als Spitalseelsorger vielen Sterbenden beigestanden. Er sprach nicht über Gott, sondern über die Demut und Bescheidenheit, die einen das Leben lehrt, wenn man Menschen sterben sieht.

Bonnemain ist «authentisch, unaufgeregt und mit Empathie»

Der eigentliche Grund seines Besuchs war beinahe nebensächlich geworden. Erst am Ende sprachen wir über die Vorfälle in Schwyz, die nach beinahe fünfzig Jahren nur noch den Charakter einer Anekdote über die missglückten sexuellen Avancen eines Priesters hatten. Ich übergab Bonnemain die Namen und Adressen jener, die bereit waren, meine im Roman «Script Avenue» erwähnten Vorfälle zu bestätigen. Ich nannte ihm den Namen des fehlbaren Priesters und zeigte ihm auch meine damaligen Tagebucheinträge.

Obwohl ich den Glauben an Götter für eine Form des Aberglaubens halte, blieb mir die Begegnung nachhaltig in Erinnerung. Ich traf an jenem Tag eine beeindruckende Persönlichkeit, die wohltuend authentisch, unaufgeregt und mit Empathie über Menschen sprach. Es versteht sich von selbst, dass er im seit Jahrzehnten zerstrittenen Bistum etliche Gegner hatte und weiterhin hat.

Claude Cueni ist Schriftsteller und lebt in Basel. In der «Weltwoche» berichtet er über eine persönliche Begegnung mit Joseph Bonnemain, dem künftigen Bischof von Chur. (rr)


Joseph Bonnemain | © zVg
25. Februar 2021 | 06:28
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