Schweiz

Demos vor Ort beeinflussen die Dynamik des Weltklimagipfels

Zürich, 15.12.18 (kath.ch) Der Umweltwissenschaftler Mischa Kaspar (27) hat – zusammen mit einer Gruppe junger Menschen aus der Schweiz – an einer Parallelveranstaltung zum Weltklimagipfel in Katowice teilgenommen, der am Samstag mit Verspätung zu Ende gegangen ist. Im Interview mit kath.ch beschreibt er seine Erfahrungen und spricht über Hoffnungen und Erwartungen an solche Grossereignisse.

Martin Spilker

Welche persönlichen Eindrücke haben Sie aus Katowice mitgenommen?

Mischa Kaspar: Es war sehr spannend. Es ist ein Ort, an dem die ganze Klimathematik aufeinander trifft. Auf der einen Seite waren Betroffene von allen Orten der Welt vertreten, viele Akteure der Zivilgesellschaft. Auf der anderen Seite diese riesige Konferenz, die aber in einem Stadion sehr abgeschlossen vonstatten gegangen ist.

Es gab keinen Austausch zwischen «drinnen» und «draussen»?

Kaspar: Mit der Zeit haben wir festgestellt, dass es durchaus Schnittstellen gibt zwischen Konferenzteilnehmern und Vertretern der Zivilgesellschaft vor Ort. Es gab informelle Begegnungen und so auch eine gewisse soziale Dynamik.

«Ein Teilnehmer der Schweizer Delegation hat uns angesprochen.»

Hatten Sie Kontakt zu Konferenzteilnehmern?

Kaspar: Wir waren zufällig am Hotel der Schweizer Delegation vorbeigekommen und haben natürlich Mundart geredet. Da hat uns ein Schweizer Delegationsteilnehmer angesprochen. Es fand ein überraschender und konkreter Austausch statt. Und wir hatten Kontakt zur Delegation des Fastenopfers, die teils ebenfalls an der Konferenz vertreten war. Das war für uns junge Leute sehr spannend. Denn so erhielten wir Informationen direkt aus der Konferenz heraus, die für uns zudem verständlich übersetzt und eingeordnet wurden.

In Videos sieht man Leute aus der ganzen Welt, die wie bei Festivals durch die Stadt ziehen, singen, musizieren, demonstrieren. Wird das der Sache Klimaschutz gerecht?

Kaspar: Ich habe dazu ein Bild vor mir: im Hintergrund das Stadion mit den Konferenzteilnehmern, im Vordergrund der Protestmarsch vom letzten Samstag. Da habe ich mich gefragt: Welche dieser beiden Welten ist wie von Relevanz? Denn die Konferenzteilnehmer haben wegen der Veranstaltungen draussen wohl kaum ihre Haltung plötzlich und vollkommen verändert.

Was bringt es dann?

Kaspar: Es ist ein Ort, an dem sich Leute aus der ganzen Welt – und eben nicht nur die Vertreter der Konferenz – treffen, vernetzen und Hoffnung tanken. Teilnehmer der Demonstration wurden von internationalen Medien befragt und somit wurden auch diese Meinungen in die Öffentlichkeit gerückt. Das ist nicht zu unterschätzen. Würde draussen nichts stattfinden, hätte eine solche Konferenz eine andere Dynamik.

«Würde draussen nichts stattfinden, hätte eine solche Konferenz eine andere Dynamik.»

Also doch Anregungen von aussen an die Verhandlungsteilnehmer?

Kaspar: Auch, aber nicht nur. Denn beim Klimaschutz geht es um hochkomplexe Verhandlungen. Ich bin überzeugt, dass es eine Rolle spielt, dass die Konferenzteilnehmer sehen: Was wir hier verhandeln, ist den Menschen wichtig. Insofern müssen die Aktivitäten von Zivilgesellschaft und Politik zusammenspielen: Wir brauchen ambitionierte Klimaschutzziele, die dann aber auch in konkreten Regelwerken umgesetzt werden.

Wurde diese Sichtweise von den Jugendlichen geteilt?

Kaspar: Ich denke, gerade die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Rollen der Beteiligten in einem solch komplexen Prozess wie dem Klimaschutz war sehr wertvoll. Wir sind mit einem ungeklärten Gefühl dorthin gefahren: Sind wir Aktivisten? Ist es eine Studienreise? Sind wir journalistisch unterwegs? – Als Gruppe und für jeden einzeln herauszufinden, welche Rolle gehört zu mir, war ein zentraler Teil dieser Erfahrung. Für alle wurde aber deutlich: Es gibt nicht die eine Rolle, auf die es bei diesem Thema ankommt. Es gibt auch nicht die eine Lösung für dieses Problem. Verschiedenste Menschen mit unterschiedlichsten Rollen müssen Lösungen umsetzen, um die Klima-Herausforderung zu meistern.

«Es gibt nicht die eine Lösung für dieses Problem.»

Was nehmen Sie von diesen vier Tagen in Katowice mit?

Kaspar: Ein klareres Bild über die Akteure und die Herausforderungen des Themas Klimawandel und ein Bewusstsein über den weltweiten Kontext des Klimaschutzes.

Sind Sie zuversichtlich, dass sich hier etwas bewegt?

Kaspar: Ja. Ich bin sehr zuversichtlich, dass es sich lohnt, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Zu spät ist es nicht. Jedes Zehntelgrad Erderwärmung, das sich reduzieren lässt, ist ein Gewinn für die Umwelt. (aktualisiert 16.12.18, bal)


Demonstration fürs Klima in Katowice (Polen) | © zVg
15. Dezember 2018 | 13:35
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Pfadilager und Klimagipfel

Der 27-jährige Mischa Kaspar ist im Nachhaltigkeitsprojekt «Faires Lager» engagiert, das von den Jugendorganisationen Pfadi Schweiz und Jungwacht Blauring Schweiz, der katholischen Kirchgemeinde der Stadt Luzern und den katholischen Hilfswerken Fastenopfer und «Young Caritas» getragen wird. Beruflich ist der ausgebildete Umweltnaturwissenschaftler bei der Organisation «myclimate» als Projektmitarbeiter Bildung tätig.

Kaspar ist als Mitglied der von Fastenopfer zusammengestellten Gruppe von Jugendlichen und jungen Leuten – den «Champions of Change» – nach Katowice gereist. Er hat dort im parallel zum Klimagipfel stattfindenden Jugendcamp der internationalen Dachorganisation katholischer Hilfswerke «Coopération Internationale pour le Développement et la Solidarité» (Cidse) mit der Bezeichnung «Agora» teilgenommen. Kaspar hat die in seinen Worten dort vorgefundene «Verknüpfung von Pfadilager und Weltklimakonferenz» als sehr anregend erlebt. (ms)