Das Jublaversum ist «hönne geil»

Bern, 25.9.16 (kath.ch) Seit Freitag tummeln sich etwa 10’000 Kinder, Jugendliche, junge und ältere Erwachsene in Bern auf der Allmend. Fast alle gehören zum Jugendverband Jungwacht und Blauring (Jubla). Die «Jublaner», wie sie sich manchmal nennen, treffen sich zum Grossanlass «Jublaversum». Und sie finden es «hönnä geil». 

Francesca Trento

Samstagmittag im Bahnhof Bern. Menschenmassen drängen sich durch die Korridore, die Rolltreppe hinauf, der Sonne entgegen. Es ist Herbst, aber so heiss wie im Sommer. Wo ist das Jublaversum? In der Allmend. Wie man dahinkommt, wird an der Tramhaltestelle des Bahnhofs schnell beantwortet: Einfach den vielen Jugendlichen nachlaufen, die Schlafsack, Schlafmatte und einen grossen Rucksam mitschleppen. Ins Tram 9 einsteigen, Richtung Wankdorf Bahnhof. Ein paar von ihnen tragen Pullover mit Aufdruck «Jubla» und den Ort, woher sie kommen. Anderen ist es zu heiss und sie haben den Pulli um den Bauch gebunden. Doch gehören sie alle zu Jungwacht oder Blauring, also zur Jubla. Das steht sofort fest. «Wann kommen wir heim?», fragt ein Mädchen, etwa 16-jährig, im Tram die anderen zwei Jublanerinnen, mit denen sie im Tram sitzt. «Morgen sollten wir um 18.30 Uhr in Schaffhausen sein», antwortet ihre Mit-Jublanerin.

Auf dem Gelände der Expo Bern angekommen, wuseln rote, blaue, grüne, gelbe und rosa Caps, Shirts und Pullis über den riesigen Platz. Es wirkt wie ein Ameisenhaufen, die Farben verschmelzen miteinander und gehen wieder auseinander. Die Jublaner kreuzen sich, halten an, mal rennend, mal schlendernd. In der Halle des Platzes riecht es nach Essen. Tomatensauce. Bolognese. Käse. Die Tische sind besetzt. Das Mittagessen wird staffelweise herausgegeben, erklärt eine Helferin im Walliser-Dialekt. In der Halle mampft, murmelt oder singt es, chaotisch und doch harmonisch. «Essen ist toll», sagt ein kleiner Junge mit grünem Cap.

Blaue, rote, grüne, gelbe Caps

Verlässt man die Halle und überquert den riesigen Platz , ragen an dessen Ende zwei Holzkonstruktionen vom Boden empor. Hip Hop-Musik dröhnt aus den Boxen. Jugendliche turnen herum, rappen mit, liegen im Gras. Ihre Caps haben sie übers Gesicht gezogen. Mal blau, mal rot, mal grün. «Wir sind seit Freitagabend hier, wie auch die meisten Scharen», meinen zwei Jublaner. «Es ist hönnä geil!». beschreiben sie das Jublaversum. Was genau so «hönnä geil» sei? Das Mädchen erinnert sich an das idyllische Lagerfeuer vom Freitagabend. Der Junge meint damit die Drinks. Ein Jublaner, der zu ihnen gehört, liegt auf dem Boden, das Cap über das Gesicht gezogen. «Aber nur für die Leiter gab es Drinks», rufen die beiden hinterher, eher um sich selbst zu rechtfertigen. Der dritte liegt weiter regungslos. Er bestreitet scheinbar einen Katerkampf.

Typisch Jubla

Eine Gruppe in dunkelblauen Pullis singt im Kreis auf Französisch. «Jeeee suis», singt der Leiter vor, «un musicien!». Die ganze Gruppe klatscht und singt mit. Nicht zum ersten Mal, wie es scheint. Jeder und jede singt, klatscht und hüpft im selben Augenblick. Dass sie während dem Singen kurz de Selbstbeherrschung zu verlieren scheinen, stampfen, springen und johlen, interessiert niemanden. Typisch Jubla, sagen ein paar Jublaner aus St. Gallen beim Vorbeigehen, und lachen.

Hexenbasar, Schokokuss-Schleuder, Creperie und vieles  mehr. Unzählbare Ateliers füllen den Platz und ziehen sowohl Kinder, Jugendliche wie auch Erwachsene zum Spielen, Basteln, Reden oder Quatschen an. Auch Caritas hat einen Stand mit selbstgestalteten Papiersäcken: «30 Prozent Ihres Einkaufs landen im Abfall», ist da zu lesen. Auch das Young-Caritas-Projekt «Faires Lager» hat einen Stand. «Es geht hier um Recycling und Upcycling.», meint Helen Joss, Leiterin des Workshops «Faires-Lager» und Young-Caritas-Mitarbeiterin. «Die Kinder können aus Audioschrott Dinge basteln». Das sensibilisiere das Bewusstsein für Verschwendung und Wiederverwertung, so Joss. Vor dem Stand spielt und singt ein Mann auf einem Schlagzeug, das aus Abfällen zusammengebaut ist.

Lebensfreunde

Auf einem kleinen Hügel steht eine Rakete. Orange leuchtet sie in der Herbsthitze. An diesem sogenannten «Infopoint» laufen Scharen von Jungs und Mädchen vorbei, unermüdlich, mehrere hundert Meter zurücklegend, über eine Brücke. Wohin die alle laufen? «Zum Zeltplatz», meint ein Junge aus einer Jungschar. Seit gestern seien die meisten schon da, meinen ein paar Jungwächtler. «War eine ziemlich gute Party», lachen sie. Die Stimmung gleicht eher einem Openair als einem Treffen von Jublanern, deren Verband im Grunde zur Kirche gehört. Nicht etwa die allgegenwärtige Umgangssprache, die von Wörtern wie «geil» oder «hammer» geprägt ist, hinterlässt dieses Openair-Feeling. Es ist vielmehr das riesige Gelände mit einer Unmenge an Kindern und Jugendlichen, die «herumchillen» oder sich an einem der Posten die Zeit vertreiben; das ungehetzte Herumschlendern der Jublaner, ohne festen Plan, worauf sie als nächstes Lust haben. «Wir sind vollkommen frei zu tun, was und wann wir wollen», meint eine 17-jährige von der Jubla Rohrdorf.  Sätze wie «ah, wir schauen spontan, was wir noch machen», sind von überall zu hören. «Jubla ist einfach der Wahnsinn!», meint eine Rohrdorferin. «In der Jubla findet man Lebensfreunde», fügt eine Kollegin hinzu.

Neben einem Unterstand, der einem Tipi ähnelt, sitzen etwas ältere Gäste als auf den Plätzen. «Ehemalige» steht auf einem alten Bus neben dem Tipi. An einer Bar verkaufen eben diese «alten» Jublaner Bier. Im Zelt machen sie Crèpes und «Ribel»- ein Maisgericht – und schenken Sirup in jeder Farbe aus. Die Stimmung ist ruhiger, aber nicht weniger ausgelassen. «Ich bin seit zwölf Jahren nicht mehr bei der Jubla», meint einer der Bierverkäufer. «Ach was, so alt sind wir doch gar nicht!», scherzt sein Kollege.

Aufblasbare Kirche

Das Programm für die Jublaner ist riesig und man habe die «Qual der Wahl», meint ein Jungwächtler. Doch etwas fehlt: Die Kirche, die schliesslich die Jubla finanziert und initiiert hat. Wo bleiben Spiritualität und Glaube? Irgendwo in einer Ecke steht sie dann doch: eine graue, aufblasbare Kirche. Auf dem Programm stehen ein Gottesdienst und Singen mit Jugendbischof Marian Eleganti. Ein Gottesdienst mit Bischof Markus Büchel steht am Nachmittag bevor. Aber Besuch hat die Kirche kaum. Ein paar Adoray-Mitglieder stehen vor der Kirche bereit, um dann mit denen zu singen, die kommen. «Es läuft nicht so gut», meint eine junge Adoray-Frau. «Die Kirche ist in der Jubla nicht wirklich präsent, wie es scheint, wenn so wenige bis gar niemand in diese Kirche kommt». Auch Bischof Eleganti bedauert, dass das spirituelle Programm so abseits in einer aufblasbaren Kirche stattfindet, anstatt irgendwo auf einer grossen Bühne. «Das wäre natürlich viel besser. Die Kinder würden sich eher einem Gottesdienst anschliessen, der mitten im Geschehen ist, als in dieser Kirche aus Luft», so Eleganti. Aber das sei die Plattform, die die Organisatoren für das kirchliche Programm gegeben hätten. Das sei also besser als nichts. Und als ob nichts wäre, beginnt er in der leeren Kirche mit ein paar Adoray-Mitgliedern Loblieder zu singen. In der Hoffnung, es möge noch jemand vorbeikommen.

10’000 Jubla-Kinder testen am Wochenende in Bern den Handynotstand

«Das Jublalager ist anstrengend, macht aber Spass»

 

Jungwächtler beim «Rumcruisen»| © Francesca Trento
25. September 2016 | 12:06
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