Kirchlicher Protest gegen Wirtschaft in Frankfurt am Main | © Vera Rüttimann
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Kirchlicher Protest gegen Wirtschaft in Frankfurt am Main | © Vera Rüttimann

Das «Forum Kirche und Wirtschaft» gibt Einblick in seinen Betrieb

Baar ZG, 17.7.17 (kath.ch) Das «Forum Kirche und Wirtschaft» ist eine feste Adresse für wirtschafts-ethische und gesellschaftspolitische Themen. Kirche und Wirtschaft sind noch immer eine ungewöhnliche Paarung. Stellenleiter Christoph Balmer weiss jedoch: Beide können viel voneinander lernen.

Vera Rüttimann

Im Büro des Forums Kirche und Wirtschaft im Haus der Katholischen Kirche in Baar an der Landhausstrasse 15 herrscht trotz Sommerzeit Hochbetrieb. Christoph Balmer, der das Forum leitet, verwaltet hier eine riesige Datei von Adressen aus Wirtschaft, Politik, Bildung und Kirche. Hunderte Print- und Mailankündigungen zu Events sind aus diesem Büro schon zu Privatpersonen, Institutionen, Verbänden und Wirtschaftsclubs versandt worden. Christoph Balmer ist zudem der «Spin-Doctor» des Forums. Hier plant und konzipiert er Themen für Podien, Firmenbesuche und Vorträge.

Was bietet dieses Forum an? Die Fachstelle, die von der Katholischen Kirche im Kanton Zug getragen wird, setzt sich für den Dialog und den Wissenstransfer zwischen Führungspersonen und Entscheidungsträgern aus Wirtschaft, Verwaltung, Kirche und Politik ein. An öffentlichen Veranstaltungen widmet sich das Forum ethischen, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen.

Auslöser war die Finanzkrise

Diese Stelle wurde entwickelt, als die Welt 2007 durch eine globale Krise der Banken und Finanzwelt erschüttert wurde. Christoph Balmer erinnert sich: «Die Frage nach Werten und Werthaltungen innerhalb der Wirtschaft war plötzlich hoch aktuell und angebracht.» Der Zuger machte sich 2009 ans Werk und gestaltete die Stelle von Grund auf neu. Ihm kam zugute, dass er es liebt, «Leute zusammen zu bringen, zu vermitteln und Türöffner zu sein.»

Die Frage nach Werten und Werthaltungen war plötzlich hoch aktuell und angebracht.

Balmer (64), der während 30 Jahren sein eigenes Unternehmen Bücher Balmer leitete, verfügt über ein grosses Beziehungsnetz. Das Thema Wirtschaft und Ethik liegt ihm im Blut. Er sagt: «Ich bin in einem christlichen Umfeld aufgewachsen und habe immer nach diesen Grundsätzen gearbeitet.»

Dass dieses Forum ausgerechnet am Rohstoffhandelsort Zug entstand, wo internationale Firmen wie «Glencore» ihren Sitz haben, erstaunt manchen. Die Türen aber waren, so Balmer, meist überall offen. Er erkannte schnell: «In der der Realität sind die Gräben zwischen Kirche und Wirtschaft weniger tief als angenommen.» Er fand Unterstützung bei Fachstellen, katholischen und reformierten Pfarrämtern, Kirchgemeinden, der öffentlicher Verwaltung und bei Wirtschaftsverbänden.

CEOs zu Gast im Kloster Kappel

Eine zentrale Veranstaltungsreihe des Forums Wirtschaft und Kirche heisst «Wirtschaft und Werte», die jeweils im idyllisch gelegenen Bildungshaus «Kloster Kappel» in Kappel am Albis stattfindet.  In Podien erhalten die Managerinnen und Manager Anregungen zur konkreten Umsetzungen ethischer Fragen im eigenen Betrieb. Der Auftakt zu den Veranstaltungen findet jeweils mit einem besinnlichen Teil in der Klosterkirche statt.

Unter den Gästen sind jeweils Frauen und Männer in Führungspositionen in Wirtschaft, Kirche und Gesellschaft. Zu den Höhepunkten zählt laut Balmer der Abend zum Thema «Kirche und Wirtschaft: Ist integres Handeln möglich? – Der Bischof und der Banker im Spannungsfeld von Markt und Ethik», an dem der Basler Bischof Felix Gmür auf Martin Scholl, Vorsitzender der Generaldirektion der Zürcher Kantonalbank, traf.  Ebenso spannend war der Abend mit dem Thema «Sieg um jeden Preis? Spitzensport im Spannungsfeld zwischen Leistung, Markt und Ethik» vergangenes Jahr.

Es geht nicht darum, einen Betrieb zu besuchen, sondern Themen kennen zu lernen, mit welchen die Unternehmen konfrontiert werden.

Der Sportwissenschaftler und Soziologe Gunter Gebauer sprach über die Kehrseite der Fokussierung auf Medaillen, der Ethiker und Theologe Markus Huppenbauer hinterfragte das Streben nach Topleistungen. Einig waren sich Triathlonistin Natascha Badmann, Olympiarzt Walter O. Frey und Sportvermarkter Gian Gill, dass bei den angehenden Spitzensportlern eine hohe Verantwortung bei den Trainern liegt.

Zu Besuch mit «Wirtschaft live»

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt von «Forum Kirche und Wirtschaft» ist die Veranstaltungsreihe «Wirtschaft live». Hier treffen Mitarbeiter und Manager von Unternehmen auf Mitarbeitende der katholischen und reformierten Kirche. Kirchliche Mitarbeiter sollen für Wirtschaftsfragen sensibilisiert werden, so das Ziel. Christoph Balmer erläutert: «Dabei geht es nicht bloss darum, einen Betrieb zu besuchen, sondern Themen kennen zu lernen, mit welchen die Unternehmen aktuell besonders konfrontiert werden.»

Unlängst war ein Besuch bei Baumgartner Fenster in Cham angesagt. Christoph Balmer erzählt: «Ich engagierte einen Pfarrer, der aus theologisch-ethischer Sicht über den Unterschied von Transparenz und Klarheit sprach. Ein Architekt sprach über Nachhaltigkeit am Beispiel des neu gebauten Fabrikationsgebäudes. Abschliessend wurden Geschäftsleitung und Mitarbeiter von Baumgartner Fenster über ihre Ethik in der Tagesarbeit ihres Unternehmens befragt. Das war ein höchst interessanter Besuch.»

Wertvolle Gespräch im vertrauten Rahmen

Seit dem Sommer 2011 trifft sich alle sieben Wochen eine Gruppe von Frauen und Männern in Führungspositionen zu einem Gesprächsabend. In einer geschlossenen Runde, die von einem Theologen spirituell begleitet wird, beschäftigt man sich mit Fragen von Führung und Ethik, dem Unternehmeralltag, den Anforderungen an einen selber.

Wenn ein gut gehender Grossbetrieb aus strategischen Gründen eine Filiale schliesst, dann verstehen die Leute die Welt nicht mehr.

Es kommen auch die Schattenseiten der Arbeitswelt zur Sprache: Arbeitslosigkeit, Burn-outs oder Konflikte mit Mitarbeitern. Christoph Balmer: «Die Offenheit und das Vertrauen untereinander macht die Qualität dieser Gespräche aus.»

Coach und Ethiker

Ein weiteres Arbeitsfeld des Forums ist das Coaching von Führungspersonen. In diesen Einzelberatungen agiert Christoph Balmer als Zuhörer und Vermittler. Als ein Mensch, der «gut zuhört und andere aufrichtet und wieder neues Selbstvertrauen geben kann.» Die Leute, die mit ihren Anliegen zu ihm kommen, schätzen es, «einmal mit einer anderen Person zu sprechen, als mit einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes, Angehörigen oder Beratern».

Christoph Balmer hat Einblick in viele spannende Biographien. Meist gehe es um die Frage: Gibt es in der Arbeitswelt eine Ethik und wie sieht die konkret aus? Antwort darauf zu finden, sei nicht immer leicht. Christoph Balmer: «Wenn ein gut gehender Grossbetrieb aus strategischen Gründen plötzlich eine Filiale schliesst und 20 Leute auf der Strasse stehen, dann verstehen die Leute die Welt nicht mehr.»

Die Kirche darf nicht von der Kanzel hinunter predigen, die Wirtschaft darf nicht überheblich über die Kirche reden.

Die Aktivitäten des Forums Kirche und Wirtschaft kommen laut Christoph Balmer bei den Beteiligten gut an. Den Schlüssel zum Erfolg erklärt der ehemalige Buchhändler so: «Wir müssen uns auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Die Kirche darf nicht von der Kanzel hinunter predigen, die Wirtschaft darf nicht überheblich über die Kirche reden. Wenn das erreicht wird, dann gelingt es, für alle Beteiligte einen gegenseitigen Mehrwert zu schaffen und Berührungsängste abzubauen. Beide Seiten können viel voneinander erfahren und lernen.» (gs)

Demo von Ordensleuten für den Frieden vor der Deutschen Bank in Frankfurt. | © Vera Rüttimann
Demo von Ordensleuten für den Frieden vor der Deutschen Bank in Frankfurt. | © Vera Rüttimann
Demo von Ordensleuten für den Frieden vor der Deutschen Bank in Frankfurt | © Vera Rüttimann
Demo von Ordensleuten für den Frieden vor der Deutschen Bank in Frankfurt | © Vera Rüttimann
Christoph Balmer | © Vera Rüttimann
Christoph Balmer | © Vera Rüttimann
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