Samuel M. Behloul | © 2015 Bistum Basel zVg
Schweiz
Samuel M. Behloul | © 2015 Bistum Basel zVg

Charlie Hebdo: Islamexperte der Bischofskonferenz warnt vor Polarisierung

Zürich, 7.1.15 (kath.ch)  Jeder vernünftige Mensch verurteilt einen derartigen Akt, sagt der Nationaldirektor der Migrationskommission der Schweizer Bischofskonferenz, Samuel M. Behloul, zum Attentat auf die Zeitschrift Charlie Hebdo. Er warnt vor Polarisierung und sieht die Muslime im Land weiter unter Druck kommen. Die Tat in Paris «geht uns alle an und macht uns allen Angst»

Von Georges Scherrer

Der Islamexperte der Bischofskonferenz warnt davor, dass sich jetzt die Auffassung durchsetzt, dieser Anschlag sei die Folge einer naiven Haltung westlicher Politiker gegenüber dem Islam. Der Vorsitzende des Schweizerischen Rates der Religionen, Hisham Maizar, fürchtet, dass sich die Hasskluft gegen den Islam weiter öffnet. Am Mittwochabend findet auf dem Bundesplatz um 18.30 Uhr ein Trauermarsch der Schweizer Journalisten statt.

Behloul ruft dazu auf, besonnen auf den Anschlag zu reagieren und die Untersuchungsergebnisse abzuwarten. Die Stimmung dürfe nicht weiter angeheizt werden. Behloul weist auf die Gefahr hin, dass vor allem linke Politiker ins Visier der Kritiker geraten, die an eine plurale Gesellschaft glauben, welche Vielfalt ermögliche. Dieser Politik werde vermutlich vorgeworfen werden, sie hätten seit Jahrzehnten die Gefahr nicht nur des Islamismus, sondern letztlich des Islam unterschätzt. Die nach dem Attentat von Mittwochmorgen bereits greifbaren Kommentare im Internet gehen zu neunzig Prozent in diese Richtung, erklärte Behloul.

Man könne nicht ausschliessen, dass dieser Anschlag zu einer Verhärtung der Fronten gegenüber den Muslimen führt. Die Islamkritiker jedenfalls sähen sich bestätigt, so Behloul. Nun sei es wichtig, dass man in den öffentlichen Debatten, die nach diesem Attentat einsetzen, vor allem auch die Muslime einbinde. Denn diese gerieten einmal mehr unter Druck und müssten sich wieder neu positionieren.

Tat geht alle an

Die Tat in Paris «geht uns alle an und macht uns allen Angst», so Behloul. Es gebe nicht auf der einen Seite die Muslime, die immer suspekt und tatverdächtig seien, und auf der anderen Seite die Nicht-Muslime. Solche Attentate gefährden alle, unabhängig von ihrer Religion.

Die Zeitung Charlie Hebdo sei dafür bekannt, dass sie mit ihren Beiträgen provoziert. Sie habe mit ihren Texten und Bildern viele Menschen, auch die Muslime immer wieder gekränkt. Dies rechtfertige eine solche eine Tat natürlich nicht, betont Behloul. Man könne davon ausgehen, dass eine militante islamistische Gruppe hinter dem Anschlag steckt.

Weit gefährlicher wäre es, wenn es sich um Einzeltäter handeln würde. Diese entziehen sich einer genauen Kontrolle und können unerwartet zuschlagen. Vergangenes Jahr wurde beispielsweise in London ein Soldat auf offener Strasse von zwei Extremisten zunächst mit einem Auto absichtlich angefahren und dann erstochen worden.

Haus der Religionen als Gegenbeispiel

Islam-Kritiker werden erklären, das Attentat sei der Beweis, dass man mit Muslimen nicht friedlich zusammenleben könne. Behloul weist auf das Haus der Religionen hin, das kürzlich in Bern eröffnet wurde. Diese bilde ein schönes Zeichen und auch einen klaren Gegenpol zum Attentat in Paris. Das Haus zeige, dass verschiedene Religionen unter einem Dach leben können. Das Haus zeige aber auch, wie wichtig Kommunikation ist.

Maizar: Hasskluft wird sich vergrössern

Hisham Maizar, Vorsitzender des Schweizerischen Rates der Religionen und Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz , erklärte gegenüber kath.ch: «Diese und alle ähnlichen Attentate und Greueltaten lehnen wir kategorisch ab.» Diese Attentäter missbrauchten die Religion und nützen sie für ihre terroristische Ziele aus. Der Islam rufe hingegen zu Vernunft auf und verabscheue Terror. Deshalb distanzieren wir uns von Gewalt und Aggression in jedwelcher Form.

Der Anschlag werde vermutlich dazu führen, dass sich die Hasskluft gegenüber den Muslimen auch in der Schweiz weiter öffnen werde und die Islamophobie zunehme. Moderate Muslime seien aber auch in der Schweiz Menschen, die friedlich leben und argumentieren wollen.

Pegida richtet sich gegen Demokratie

Die Muslime in der Schweiz seien sehr besorgt wegen Entwicklungen wie Pegida in Deutschland. Solche Bewegungen seien aber nicht eine Gefahr für den Islam, als vielmehr für die Gesellschaft und die Demokratie in Europa. Maizar geht davon aus, dass der Anschlag in Paris keine Kettenreaktionen auslösen wird. Es müsse im regionalen Zusammenhang in Frankreich gesehen werden. Der Anschlag diene jedenfalls nicht zur Verteidigung des Propheten.

Lenzin: Satire darf Menschen und ihren Glauben nicht herabsetzen

Auch die Muslimin Rifa’at Lenzin, Co-Leiterin des Zürcher Lehrhauses, verurteilt die Tat, aber ist auch kritisch gegenüber dem herrschenden Anti-Islam-Ton in der Satire: «Satire soll in Grenzbereiche vorstossen. Ich habe aber Mühe mit Mohammed-Karikaturen. Denn Satire darf nicht Menschen und ihren Glauben herabsetzen und lächerlich machen», sagt sie dezidiert im Video-Interview mit kath.ch.

Französische Bischöfe sind entsetzt

Die Französische Bischofskonferenz äusserte sich entsetzt über die Bluttat und rief zum Frieden auf. «Die Barbarei dieses Mordanschlags verletzt uns alle», erklärten die Bischöfe in Paris. «Nichts rechtfertigt eine solche Gewalt.» Sie wende sich gegen das Recht der freien Meinungsäusserung, die ein grundlegendes Element der Gesellschaft sei. Besonders in der jetzigen Situation sei die von Vielfalt geprägte Gesellschaft aufgerufen, auf ein brüderliches Miteinander zu achten und den Frieden zu wahren. (gs/kna)

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