Schweiz

Chantal Götz mischt die Kirche international auf

Chantal Götz und Papst Franziskus setzen sich für die katholische Kirche ein. Beide haben es in der Hand, die Geschicke der Kirche in neue Bahnen zu lenken. Der gemeinsame katholische Glaube verbindet den Papst und die Gründerin der Bewegung «Voices of Faith». Mehr aber nicht.

Georges Scherrer

Chantal Götz ist Geschäftsführerin der karitativen, gemeinnützigen «Fidel Götz Stiftung», welche ihr Grossvater, Fidel Götz, ein begeisterter Katholik, 1969 gründete. Dieser baute gemeinsam mit dem deutschen Kardinal Augustin Bea das vatikanische «Einheitssekretariat» auf, den heutigen Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen, der von Kardinal Kurt Koch geführt wird.

Dieses grossväterliche Engagement ist für Chantal Götz ein Beispiel dafür, dass Katholikinnen und Katholiken Einfluss nehmen können, wenn es um zeitgemässe Auslegung von Kirche geht.

Bischöfliche Empfehlung

Seit zwei Jahrzehnten setzt die 52-jährige, in St. Gallen geborene Liechtensteinerin den Zweck der Stiftung um. Das Rüstzeug dazu brachte sie unter anderem von ihrem Jurastudium in Bern mit. Oft ist es heute noch so, dass Projektanträge von katholischen Organisationen und Diözesen an Stiftungen die Empfehlung des jeweiligen Ortsbischofs benötigen.

«Die besten humanitären Projekte weltweit werden von Ordensfrauen initiiert.»

Das stiess der jungen Geschäftsführerin gleich von Anfang an auf. «Die besten humanitären Projekte weltweit werden von Ordensfrauen initiiert, aufgebaut und umgesetzt. Da braucht es keinen Bischof beziehungsweise dessen Erlaubnis.»

Selbstermächtigung des Vereins

Diese Bischofsempfehlungen seien reine Schikane, machten die Frauen hierarchie-abhängig und würden ihre Fähigkeiten zutiefst untergraben, sagt Chantal Götz. Die langjährige Erfahrung habe gezeigt, dass Ordensfrauen weitaus unternehmerischer seien als ein Bischof. Die Stiftung entschied daher, dass keine Anträge die Unterschrift eines Bischofs zu tragen hatten.

«Dann kommt einem doch immer wieder der Zorn hoch.»

Durch die Stiftungsarbeit änderte sich auch die Haltung von Chantal Götz gegenüber der Hierarchie: «Ich entdeckte, dass im Kirchensystem irgendetwas nicht stimmte.» Die Behandlung der Frau durch die offizielle Kirchenführung empfand Chantal Götz immer mehr als stossend – oft auch abstossend und entwürdigend. «Wenn frau des Öfteren Einblick in das vatikanische System hat, dann kommt einem doch immer wieder der Zorn hoch. Guter Wein hilft, die Emotionen wieder zu regeln.»

«Das Katholische ist bei mir in der DNA.»

Von sich selber sagt sie: «Das Katholische ist bei mir in der DNA.» Für sie steht das «christliche Miteinander in Würde und Liebe» im Zentrum ihres religiösen Empfindens. Dennoch stellt sie sich des Öfteren die Frage, «ob sie wirklich noch in dieser frauenfeindlichen Kirche» bleiben möchte.

Das immer grösser werdende Frauen-Netzwerk stärke sie, betont Götz. Es stärkt auch die Frauen gegenseitig. Die Verwirklichung einer «geschwisterlichen und gerechten Kirche ist fühlbar».

Franziskus bleibt Antwort schuldig

Ein Satz von Papst Franziskus aus dem Jahr 2013 war für «Voices of Faith» ausschlaggebend: «Wir müssen die Rolle der Frau in der Kirche stärken.» Die Antwort, wie er das bewerkstelligen wolle, bleibe Franziskus jedoch nach wie vor schuldig – oder vielmehr: Eine Antwort sollte auch nicht mehr erwartet werden, stellt Chantal Götz fest.

Die Tätigkeit in der Stiftung bedingt, dass Chantal Götz im Fürstentum Liechtenstein Wohnsitz hat. Das Stiftungsbüro ist in einem modernen Büroglasbau mit grossen, weiten Fenstern in «working-spaces»-Atmosphäre untergebracht. Durch die vielen Fenster geht der Blick in die Rheinebene hinaus.

Ganz anders der Vatikan, der von dicken Mauern umschlossen ist. Aufgrund der Verbindungen der Stiftung zum Vatikan, aber vor allem auch wegen des «monatelangen Insistierens» von Chantal Götz  konnte «Voices of Faith» 2014 erstmals innerhalb der Mauern den Internationalen Frauentag feiern.

«Die Herren haben von Anfang an die Flucht ergriffen.»

«Wir haben uns zuerst einmal selbst zelebriert, denn die Herren haben von Anfang an die Flucht ergriffen», erinnert sich Chantal Götz. Alles lief gut, bis «Voices of Faith» entschied, dass «nett zu sein» und «sich den Regeln des Gastgebers anzupassen» nicht zu einer Mentalitätsveränderung beitrage.

«Extra muros» geht es besser

2018 wurden bei «Voices of faith» die Themen erweitert, um aufzuzeigen, dass die Ungerechtigkeit gegenüber den Frauen in der Kirche nicht mehr hinzunehmen sei, erklärt die Frauenrechtlerin. Es kam zu einem Eklat. Der Auftritt der ehemaligen irischen Präsidentin Mary McAleese, einer «authentischen, gestandenen Katholikin», kam in der Kurie nicht gut an.

Gesicherter Eingang zum Vatikan

Die irische Juristin schlug vor, darauf hinzuwirken, dass das Kirchensystem gendergerechter werde, so dass Würde und Gleichstellung umgesetzt werden könnten. «2018 entschieden wir, dass wir freier sind, wenn wir diese Diskussionen ausserhalb der Mauern des Vatikans führen», erklärt Chantal Götz.

«Meine Vision ist, dass die katholischen Frauen sich selbst ermächtigen.»

Die Initiative «Voices of faith» setzt sich unter anderem zum Ziel, die Frauen zu mobilisieren. Dazu gehören «selbstverständlich» auch die Ordensfrauen. «Meine Vision ist, dass die katholischen Frauen sich vernetzen und sich selbst ermächtigen.» Das laufe effizient an. Am 8. März 2020 wollen die engagierten Katholikinnen weltweit ein klares erstes Resultat dieser Vision präsentieren – so auch in Zürich.

Noch handelt die Kirchenführung – «gerade mal 0,01 Prozent aller Gläubigen» – gemäss dem Prinzip «divida e impera» (Teile und herrsche). Ein weiter Schritt bestehe somit darin, die Frauen-Kräfte zu bündeln. «Das hat es in der katholischen Kirche bisher nicht gegeben.»

«Es lohnt sich, sich für die Kirche im wahrsten Sinne einzusetzen.»

Eine «geschlechtergerechte Kirche» bleibt das Anliegen der Stiftung, in welcher der «Dialog» zwischen Männern und Frauen Wirklichkeit wird. «Voices of Faith» will sich auf jene Gläubigen konzentrieren, die sich für die Kirche – noch, so Chantal Götz – engagieren  und das Gefühl haben: «Es lohnt sich nach wie vor, sich für die Kirche im wahrsten und ursprünglichsten Sinne einzusetzen.»

Das Schweigen zum Zölibat

Einen Dämpfer erhielten die reformwilligen Katholiken und Katholikinnen am 12. Februar, dem Tag des Erscheinens von «Querida Amazonia». An dem Tag wurde bekannt, dass Papst Franziskus eine Lockerung der Zölibatspflicht für katholische Priester sowie die Einführung von Diakoninnen nicht befürwortet. Wie bewertet Chantal Götz diese Entwicklung?

«Diese Realität kommt im Papstschreiben überhaupt nicht zum Ausdruck.»

«Ich bin eigentlich sehr froh, dass keine offizielle Entscheidung hinsichtlich ‘viri probati’ oder ‘Diakonninen’ getroffen wurde», antwortet sie. Die Weihe verheirateter Männer zu Priestern hätte in Amazonien «sowieso nichts» gebracht, da 70 Prozent aller Gemeinden dort von Frauen geleitet werden. Diese Realität komme im Papstschreiben überhaupt nicht zum Ausdruck.

Das vatikanische Frauenbild sei nach wie vor «verheerend». Frauen stemmten die Hauptlast der Arbeit in Gesellschaft und Kirche. Sie kämpften für ihre Kinder. Oft litten sie unter gewalttätigen, alkoholabhängigen Ehepartnern und seien einer katholischen Kirche ausgesetzt, «die ihre Realität ausblendet. Da nützen alle schönen kirchlichen Worte über die zärtlichen Frauen nichts «.

"Frauen stemmen die Hauptlast der Arbeit ", sagt Chantal Götz.

Maria könne selbstverständlich das Vorbild für Frauen sein. Mit dem Magnifikat habe sie das Programm vorgegeben, «das wir alle unterschreiben. Ich hoffe inbrünstig, dass ‘Querida Amazonia’ so interpretiert wird, dass die Katholikinnen ermutigt werden, kreativ und aktiv zu sein und sich endlich selbst ermächtigen.»

Das Schreiben «Querida Amazonia» von Papst Franzikus «trifft sich wunderbar mit unserer globalen Botschaft für den kommenden Internationalen Frauentag: Katholische Frauen übernehmen Verantwortung und fragen nicht mehr nach ihrer Zukunft. Wir sind die Veränderung.»

Chantal Götz | © zVg
23. Februar 2020 | 10:23
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