Hugo Fasel | © Martin Spilker
Schweiz
Hugo Fasel | © Martin Spilker

Caritas-Direktor: «Wirtschaft fehlte an Nationaler Armutskonferenz»

Luzern, 23.11.16 (kath.ch) Bund, Kantone, Städte und Gemeinden haben sich am Dienstag an der Nationalen Armutskonferenz verpflichtet, gemeinsam gegen (drohende) Armut vorzugehen. Die gemeinsame Erklärung, die in Biel unterzeichnet wurde, sei ein «erster Schritt», der noch sehr im Grundsätzlichen verharre, sagte Caritas-Direktor Hugo Fasel auf Anfrage gegenüber kath.ch. Nun müssten «Konkretisierungen» erarbeitet werden.

Barbara Ludwig

Fasel zeigte sich zum einen zufrieden über den Anlass, weil die Konferenz klar unterstrichen habe, dass Armut eine Realität ist. «Es wurden Forschungsarbeiten und Studien diskutiert, die Armut als Tatsache festschreiben.» Zum andern habe die Konferenz dazu beigetragen, dass das Thema «Armut» wieder einmal in der Öffentlichkeit zur Sprache kam.

Nichts geändert habe die Konferenz hingegen auf der operativen Ebene: Der Caritas-Direktor denkt dabei an die staatlichen Sparmassnahmen bei den Sozialleistungen, etwa die Streichung von Prämienverbilligungen. «Hier ist ein Gegentrend in Richtung Sozialabbau im Gange», gegen den der Anlass in Biel nichts ausrichten konnte.

Als Defizit der Nationalen Konferenz gegen Armut bezeichnete Fasel die Abwesenheit von Wirtschaftsvertretern. Caritas Schweiz versuche kontinuierlich, die Wirtschaft auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen. «Wir weisen immer wieder darauf hin, dass es die Sozialpartnerschaft braucht. Zum Beispiel im Bereich der Weiterbildung.» Die Appelle des katholischen Hilfswerks genügen offenbar nicht.

Schneider-Ammann müsste Wirtschaft in die Pflicht nehmen

Aus Sicht von Fasel müsste deshalb Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann bei der Wirtschaft Investitionen in die Weiterbildung einfordern. Der Bundesrat könnte ein Gesetz erlassen, das Weiterbildungen in der Sozialpartnerschaft verankert, so Fasel. «Die Konzepte dazu gibt es bereits. Bundesrat Schneider-Ammann müsste sie nur noch dem Parlament vorlegen.» Man könne die Armutsbekämpfung nicht nur dem Staat überlassen, begründete der Caritas-Direktor seinen Vorschlag. «Um die Konsequenzen des wirtschaftlichen Strukturwandels, der ja notwendig ist, zu bewältigen, braucht es auch den Beitrag der Wirtschaft.»

Im Vorfeld der Konferenz hatte Caritas Schweiz gemahnt, Armut dürfe nicht bloss durch Leistungen der Sozialhilfe bekämpft werden. Oberstes Ziel müsse es sein, die Armut zu verhindern. So müsse etwa der Bund mehr tun für gezielte Weiterbildung und Nachholbildung.

Bildungschancen verbessern

Nach Angaben des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) sind rund 7 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz arm und 13,5 Prozent armutsgefährdet. Vor diesem Hintergrund fand am 22. November in Biel die Nationale Konferenz gegen Armut statt. Über 350 Fachleute aus der ganzen Schweiz hatten Gelegenheit, ihre Erfahrungen zu teilen und sich über den Stand der Forschung auszutauschen, wie das BSV am Dienstag mitteilte.

Im Rahmen des Anlasses verpflichteten sich schliesslich Bund, Kantone, Städte und Gemeinden in einer gemeinsamen Erklärung, ihre Bemühungen zur Armutsprävention fortzusetzen. So wollen sie die Bildungschancen von Kindern aus benachteiligten Familien über eine frühe Förderung und die Unterstützung der Eltern verbessern. Bei den älteren Kindern und Jugendlichen stehe der Erwerb von Grundkompetenzen und der Abschluss einer Berufsausbildung im Vordergrund, schreibt das BSV.

«Alain Berset, nehmen Sie endlich die Armut in der Schweiz ernst!»

News ›
Medienspiegel ›
Katholisches Medienzentrum