Porträt

Bruder stirbt an Covid-19: Eltern und Glaube geben Kraft

Aide Fernandez trauert. Sie hat ihren Bruder an Covid-19 verloren. Halt geben der Ecuadorianerin ihre Eltern und ihr Glaube. «Ich schätze die klaren Regeln in der evangelikalen Kirche sehr», sagt sie.

Alice Küng

«Es war schrecklich», sagt Aide Fernandez. Eine Träne läuft ihr hinter der Maske die Wange hinunter. Sie erzählt vom Schicksalsschlag des letzten Frühlings. «Wegen Covid-19 war zuerst die Frau meines Bruders im Spital», sagt sie.

Ihr Bruder blieb zu Hause und kümmerte sich um seinen jüngeren Sohn, der ebenfalls Corona hatte. «Er wollte ihn nicht alleine lassen», sagt sie. Und das, obwohl ihr Bruder selbst an der Lungenentzündung litt.

Erst nach der Genesung seiner Frau ging er ins Spital. «Bei ihrem Austritt und seinem Eintritt sahen sie sich durch eine Plexiglasscheibe das letzte Mal», sagt Fernandez. Einen Monat später, Ende April, starb er. In einem Krankenhaus im Norden von Spanien.

Familie mit vielen Schicksalsschlägen

«Ich konnte mich nicht von meinem Bruder verabschieden», sagt Fernandez. Ihre Stimme bricht ab. Sie sass in der Schweiz fest. Hier lebt die Ecuadorianerin mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern. Vor sieben Jahren folgte sie ihrer Schwester nach Zürich. Seither arbeitet Fernandez als Reinigungskraft.

Ergriffen trocknet die 49-Jährige ihre feuchten Augen. «Mein Bruder war ein sehr positiver Mensch», sagt sie. Das ist bereits der dritte Todesfall in ihrer Familie. «Meine ersten beiden Brüder starben an einem Autounfall und an Krebs», sagt sie. Jetzt leben von den ursprünglich sieben Kindern nur noch die vier Töchter. Zwei in Spanien und zwei in der Schweiz.

Am 80. Geburtstag ihres Vaters sah Aide Fernandez ihren Bruder das letzte Mal.

Zufall zum richtigen Zeitpunkt

Auch nach mehr als einem halben Jahr sitzt der Schock noch tief. «Es gibt keine Worte für meine Trauer», sagt Fernandez. Trost findet sie bei ihren Eltern, die in Spanien leben. «Sie haben eine unglaubliche Kraft», sagt sie.

Normalerweise beschränkt sich der Kontakt mit den Eltern auf Telefongespräche. Die schwierige Zeit im letzten Frühling durchstand Fernandez aber in ihrer Anwesenheit. «Sie sind im Januar in die Schweiz gekommen und wegen des Reiseverbotes bis im Juni geblieben», sagt sie. Das habe ihr sehr geholfen.

Aide Fernandez ist ihre Familie sehr wichtig.

Neuer Glaube – besserer Mensch

Auch der Glaube gibt Fernandez Halt. «Ich gehe wöchentlich in die Kirche. Das stärkt mich», sagt sie. Sie besucht die evangelisch-apostolische Kirche im Namen Jesu in Glattbrugg. «Als ich sieben Jahre alt war, sind meine Eltern von der katholischen zur evangelikalen Gemeinde konvertiert», sagt die Ecuadorianerin.

Dieser Wechsel ist Fernandez in Erinnerung geblieben. «Früher hat uns meine Mutter manchmal geschlagen», sagt sie. Nach dem Übertritt zu den Evangelikalen habe das aufgehört. «Sie wurde ruhig und grosszügig», sagt sie. Dieses Erlebnis bestärkt Fernandez in ihrer Treue zur Kirche. «Ich schätze die klaren Regeln und das strikte Leben gemäss der Bibel sehr», sagt sie.

Hoffnung auf Heimkehr

Der Tod ihres Bruders hat Fernandez geprägt. «Ich habe Angst vor dem Virus», sagt sie. Besonders bangt sie um ihre Eltern. «Sie sind sehr alt.» Die 49-Jährige vermisst ihre Eltern und die Sonne in Spanien. In der Schweiz hält sie nur die Arbeit: «Wenn ich pensioniert bin, möchte ich nach Spanien zurückgehen.»


Seit sieben Jahren lebt Aide Fernandez in Zürich. | © Alice Küng
12. Januar 2021 | 05:00
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