Ausland

Bolivien: «Entweder sterbe ich am Virus – oder an Hunger»

In Bolivien droht ein Corona-Desaster: Die Massnahmen der Regierung drängen die Menschen in den Grossstädten zu den Stosszeiten besonders dicht zusammen. Und das Gesundheitssystem ist überhaupt nicht vorbereitet.

Camilla Landbø

Unzählige Minibusse flitzen durch die engen Strassen von La Paz, darin eingepfercht viele Menschen. Schliesslich sind zusätzliche Sitze eingebaut. So sieht es aus an einem normalen Tag in der bolivianischen Millionenstadt auf rund 3600 Metern Höhe. Strassenhändler sind unterwegs, und in den kleinen aneinandergereihten Warenläden und auf den Gemüsemärkten wird rege gefeilscht. Und jetzt, in Zeiten des Coronavirus?

Virus in Südamerika angekommen

Das Virus, das Europa fest im Griff hält, ist nun auch in Südamerika angekommen. Chile, Argentinien, Peru: Alle rufen den Notstand aus, machen die Grenzen dicht. Am Montag will Brasilien als letztes Land nachziehen und keine internationale Flüge mehr zulassen. Die Länder Südamerikas haben auch Ausgangssperren verhängt – jedoch sind die Einschränkungen überall anders, und vor allem geht die Bevölkerung unterschiedlich damit um. In Bolivien etwa gilt das Ausgehverbot erst ab fünf Uhr nachmittags, bis zum nächsten Morgen um fünf. Genügt das?

«Nein», sagt Susanne Olschewski; «die Strassen sind tagsüber voll, die Minibusse auch, fast so wie immer». Die Deutsche aus Rheinland-Pfalz lebt seit zweieinhalb Jahren in La Paz, arbeitet als Sprachlehrerin am Goethe-Institut. Sie ist besorgt über die Gleichgültigkeit der meisten Bolivianer. Tagsüber werde keine Distanz eingehalten; alle Kleinläden seien weiter offen, die Menschen gingen arbeiten.

Kontraproduktive Massnahme

Bolivien hat seit Mittwoch eine eigentümliche Umsetzung einer Quarantäne gewählt. Schulen, Cafes, Restaurants und Kinos wurden zwar geschlossen; ansonsten sind die Einschränkungen aber nur zeitlicher Natur. Das heisst: Man darf von 8 bis 13 Uhr arbeiten gehen, Geschäfte dürfen bis drei Uhr nachmittags öffnen und Minibusse bis vier Uhr Fahrgäste transportieren.

Olschewski begreift das nicht. «Dadurch, dass jetzt alle gleichzeitig anfangen und aufhören müssen zu arbeiten, sind die Busse in diesen Stosszeiten besonders voll.» Die 42-Jährige ist froh, dass das Goethe-Institut seine Tore geschlossen hat und nun auf Online-Kurse ausweicht. Sie bleibt in Bolivien; die letzten Busse und Flüge haben an diesem Samstag das Land verlassen.

In Bolivien gibt es bislang 19 bestätigte Corona-Infektionen; noch eine niedrige Zahl. Am Freitag wandte sich die Regierung dennoch besorgt an die Bevölkerung: «Wir sind kurz davor, uns alle gemeinschaftlich anzustecken – bleibt bitte zu Hause.» Auch die Ärzte meldeten sich zu Wort; sie seien hilflos. Sie könnten gegen diese Pandemie nicht angehen, es fehle in den Krankenhäusern an allem. «Man schickt uns ohne Waffen in den Krieg.»

Keine Intensivstationen

Sergio Pasarin lebt in La Paz und kann das nur bestätigen. Der Architekt aus Spanien hat in den vergangenen Jahren vier neue Hospitäler gebaut, darunter das modernste des Landes in der Armenstadt El Alto, die gleich an La Paz grenzt. «Es ist fertig, aber nicht betriebsbereit», sagt er bedauernd. In Bolivien drehe das Rad nun mal langsam. Durch seine Arbeit kennt der 47-Jährige Boliviens Gesundheitssystem genau. «Wenn sich das Virus hier ausbreitet, wird das ein Desaster.» Die Krankenhäuser seien mehr als 50 Jahre alt; Intensivstationen wie in Europa gebe es nicht.

Immerhin: In La Paz wird das Ausgehverbot ab 17 Uhr gut eingehalten. Nicht so in El Alto. Am Freitag kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Bewohner der Armenstadt warfen mit Steinen nach Polizisten, als diese die Leute aufforderten, zu Hause zu bleiben. Architekt Pasarin sieht das Dilemma: «Viele Menschen in El Alto leben von Tag zu Tag. Sie können nicht einfach die Arbeit niederlegen.»

Die Stimmen nach einer Totalquarantäne nehmen auch in Bolivien zu. Möglicherweise wird sie die Regierung kommende Woche ausrufen. Für jene Städte, in denen die Menschen besser situiert sind, kann sich Pasarin das schon vorstellen. «Aber in El Alto, wo man buchstäblich fürs tägliche Brot arbeiten muss? Kaum.» In einem Land mit nach wie vor grosser Armut würden die Menschen vor die Wahl gestellt: «Entweder sterbe ich am Coronavirus – oder an Hunger.» (kna)

Die Stadt La Paz in Bolivien, im Hintergrund der Hausberg Illimani. | © Keystone
22. März 2020 | 07:00
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