Kofi Annan | © Keystone
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Kofi Annan | © Keystone

Bis zuletzt wollte Kofi Annan, der «Papst vom East River», dazulernen

Bern, 19.8.18 (kath.ch) Schon in seiner Amtszeit machte Kofi Annan als Weltgewissen eine besondere Figur. Bis zuletzt zeigte er eindrucksvoll, dass körperliches und geistiges Alter bei weitem nicht dasselbe sind. Ein Nachruf auf den Friedensnobelpreistäger, der am Samstag in Bern verstorben ist.

Alexander Brüggemann

Irgendwie war man immer ein bisschen bei ihm, wenn man ihn in den so bekannten Posen sah: leise, geduldig, etwas geschafft. Und ein bisschen traurig wie ein altgedienter Lehrer, der eine Sache zum hunderttausendsten Mal erklärt – weil die Schüler es doch endlich begreifen müssten. Und das höfliche, leicht gequälte Lächeln, das am Ende doch Hoffen wider alle Hoffnung ausdrückte.

Ein Held, aber kein Gewinner

Am Samstag ist Kofi Annan im Alter von 80 Jahren gestorben. Der Mann aus Ghana war ein Stück Weltgewissen, eine Art säkularer Papst. Ein Held, aber kein Gewinner. – Weil die anderen es am Ende eben wieder nicht begriffen haben.

Bis zuletzt war der frühere Uno-Generalsekretär und Friedensnobelpreisträger ein gefragter Redner und Troubleshooter, und bis zuletzt hatte er die grossen Zukunftsfragen im Blick. Nicht nur die «klassischen» wie Hunger, Kriege, Menschenrechtsverletzungen. Sondern auch die neuen, aufkommenden Fragen: Verfall der demokratischen Diskussionskultur durch die «Sozialen Medien»; Vormarsch von künstlicher Intelligenz und digitaler Überwachung; den Kollaps des Multilateralismus.

Auf die Jugend gesetzt

Und dabei setzte er, der Altersweise, gar nicht vorrangig auf die Altersweisheit, sondern auf die Jugend und ihre Bereitschaft, Herausforderung anzunehmen, wie er noch Anfang 2018 in einem Interview erläuterte. «Er stellte selbstlos andere in den Vordergrund und strahlte wahre Freundlichkeit, Wärme und Brillanz in allem aus, was er tat», heisst es in der Mitteilung seiner Familie zu seinem Tod nach kurzer Krankheit.

Er blieb immer der Hoffnungsträger zum Umsteuern des Tankers «Weltgemeinschaft»

Von 1997 bis Dezember 2006 sass er zehn lange Amtsjahre auf dem heissen Stuhl am East River. 11. September, Afghanistan- und Irak-Krieg, Sudan-Konflikt: Zwischen den Klippen von Terrorismus, «Clash of Civilizations» und Völkermord hatte er als Uno-Generalsekretär viele Havarien zu erleiden und blieb doch immer der Hoffnungsträger zum Umsteuern des Tankers «Weltgemeinschaft».

Unzählige Meilen hat er im Dienst für die Völkergemeinschaft zurückgelegt. Kofi Annan, der Geschmeidige, war sich nie zu schade für die täglichen Spagate, die der «unmöglichste Job der Welt» mit sich bringt.

Der «Ritter der traurigen Gestalt»

Nicht nur bei der UN-Reform, auch als ehrlicher Makler in den nie aufhörenden lokalen Konflikten in Afrika, Zentralasien oder dem Nahen Osten geriet Annan zuweilen in die Rolle des Ritters von der traurigen Gestalt. Denn Konsequenzen konnte er nie androhen. «Nie wieder Ruanda», so beschwor Annan die zerstrittene internationale Gemeinschaft. Er selbst hat 1994 als mitzuständiger UN-Diplomat beim Völkermord in Ostafrika seine bitterste Stunde erlebt. Das Versagen der Vereinten Nationen in Ruanda nahm er auch persönlich auf seine Kappe.

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem höchsten Amt verkörperte er die Uno: Rund ein halbes Jahrhundert stand Kofi Annan in ihrem Dienst. Seit 1962 führten ihn seine Tätigkeiten unter anderem nach Addis Abeba, Kairo und Genf. Die irakische Besetzung Kuwaits 1990 und die Massaker an Zivilisten im Bosnien-Konflikt waren diplomatische Feuertaufen für das Amt als oberster Friedenswahrer.

Er erhielt den Nobelpreis wohl auch für seine Frustrationstoleranz.

In der Sprache seines Fante-Stamms im Westen Ghanas bedeutet Kofi «Freitag». An einem Freitag im Dezember 1996 wurde der Häuptlingssohn zum siebten Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt. An einem Freitag des Jahres 2001, einen Monat nach den Terroranschlägen des 11. September, erhielt Annan den ersten Friedensnobelpreis des neuen Jahrtausends zugesprochen: für seinen Einsatz um den Frieden in der Welt, aber wohl auch für seine Frustrationstoleranz.

Beharrlich bis an die Grenzen gegangen

Geistreich und beharrlich hat Annan immer versucht, der internationalen Gemeinschaft und ihrem theoretischen Friedenswillen eine neue Autorität zu geben. Immer wieder bekam er schmerzlich seine Grenzen aufgezeigt: durch Islamisten, die keinen Frieden wollen; durch die USA, die als grösster Schuldner der Vereinten Nationen in der Vergangenheit immer gerne die Erpressungskarte spielten, wenn es darum ging, genehme politische Entscheidungen herbeizuführen. Oder, wie bis August 2012 als Vermittler im Syrien-Krieg, durch Machtpokerer, die ihre eigenen Interessen über die Nöte der Opfer von Gewalt und Konflikten stellen.

Es ehrte den leisen Don Quixote aus Ghana, dass er es trotzdem immer wieder versuchte. Und dass er dabei geistig so viel jünger und lernfähiger blieb als viele Politiker der nachfolgenden Generationen. (kna)

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