Berner Rathaus neben Kirche | © Regula Pfeifer
Schweiz
Berner Rathaus neben Kirche | © Regula Pfeifer

Bern: Theologen fordern einen religionspolitisch aktiven Staat

Bern, 6.6.15 (kath.ch) Auch in modernen Gesellschaften hat der Staat Aufgaben gegenüber den Religionen, fanden die referierenden und diskutierenden Theologen an der Tagung «Gesellschaft ohne Kirche? Über die öffentliche Bedeutung von Religion». Die Veranstaltung an der Universität Bern war als klärender Beitrag zur Debatte über das Verhältnis von Staat und Kirche im Kanton Bern gedacht. Im September entscheidet das Kantonsparlament über eine neue Ausrichtung.

Regula Pfeifer

«In Bern wird dieses Jahr Kirchengeschichte geschrieben, denn es gehe um politische Entscheidungen von grosser Tragweite», sagte Matthias Wüthrich, Mitorganisator und Oberassistent für Systematische Theologie an der Universität Basel, in seiner Einführung zur Tagung. In der Herbstsession im September entscheide das Berner Kantonsparlament, der Grosse Rat, nicht nur über finanzielle und strukturelle Veränderungen in der Beziehung zwischen Staat und Kirche. Vielmehr gehe es dabei um die Frage, «welchen Stellenwert die Religion im Kanton Bern nach parlamentarischer Einschätzung hat beziehungsweise haben soll und in welcher Weise dieser Befund sinnvoll in politische Regelungen zu fassen ist», so Wüthrich.

Es gehe also um eine Debatte über die Stellung der Religion in einem modernen Staatswesen und die Rolle von religiösen Gemeinschaften im Sozialgefüge dieser Gesellschaft, sagte Wüthrich weiter. Unter Berücksichtigung des aktuellen Religionspluralismus sei zu erörtern, wie die Aufgabe des Staates aussehen könnte, wie dieser religiösen Frieden und den Schutz der Religionsgemeinschaften gewährleisten könne. Umgekehrt sei zu fragen, welche Anforderungen ein Staat an religiöse Gemeinschaften stellen könne oder gar müsse, so der Referent.

«Die Universität will mit dieser Tagung einen klärenden Beitrag zur laufenden Debatte zu leisten», erklärte Wüthrich. Sie wolle politologische, theologische und religionssoziologische Sichtweisen einbringen und beziehe dabei die internationale Debatte mit ein. Denn die Universität habe den Auftrag, Analysen und Regelungsvorschläge für die Lösung aktueller und künftiger Probleme bereitzustellen.

Der Tagungstitel «Gesellschaft ohne Kirche?» sei übrigens nur als Gedankenexperiment gedacht, das die Debatte befeuern sollte. Tatsächlich kam auch keinerlei Votum in diesem Sinn zur Sprache, zumal – mit Ausnahme der Politikerin Gret Haller – protestantische Theologen die Veranstaltung bestritten. Die Tagung äusserte sich auch nicht zur politisch umstrittenen Frage, ob der Kanton Bern die kantonale Besoldung von Pfarrern aufgeben soll.

Staat soll Demokratieverträglichkeit der Religionen fördern

«Eine zentrale religionspolitische Aufgabe des Staates besteht darin, Religionen dabei zu helfen, ihre demokratieverträglichen und demokratieförderlichen Elemente zu entwickeln», befand Christiane Tietz, Professorin für systematische Theologie an der Universität Zürich, in ihrem Referat. Der Staat müsse dafür Bildung über Religionen sowie Begegnungen zwischen den Religionen fördern. So könnten diese Toleranz einüben, meint Tietz. Sie verlangt weiter vom Staat, öffentliche Orte zur Verfügung zu stellen, an denen «kritisch und modernitätsfähig über Religion reflektiert wird». Gemeint ist etwa die Einbindung der Religionen in die Universitäten. Die Lehre christlicher Theologie an staatlichen Universitäten habe dafür gesorgt, «dass sich das Christentum mit den philosophischen Modellen und religionskritischen Anfragen seiner jeweiligen Zeit auseinandersetzen musste und sich so zu einer modernen, demokratiefähigen Religionsform entwickelt hat», ist die Professorin überzeugt.

Auch Niklaus Peter, Pfarrer am Fraumünster in Zürich, plädierte in der anschliessenden Podiumsdiskussion für eine selbstkritische Beobachtung der Religionen. Geeignet dafür seien Theologien. Denn in deren Rahmen entstünden Diskurse. Da werde die eigene Religion interpretiert, und Radikalisationsprozesse könnten ausgehebelt werden, zeigte sich Peter überzeugt. «Eine Religion, die nicht wissenschaftliche Kriterien verträgt, ist gefährlich», befand er. Auch Reinhard Schulze, Professor für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern, befürwortete die theologisch-kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Religion. Gerade deswegen setzte er zu einem Plädoyer für das neue Islamzentrum an der Universität Freiburg an. So ein Zentrum verhelfe den muslimischen Gemeinden zur Selbstreflexion.

Nicht nur eine wissenschaftlichen Selbstbeobachtung der Religionen, sondern auch eine kritische Beobachtung von aussen, sollte der Staat ermöglichen, forderte Michael Welker, Seniorprofessor für Systematische Theologie in Heidelberg. Welker verlangte vom Staat zudem, den Religionen Entwicklungsschutz und Rechtsfreiheit zu gewähren. Er müsse sie aber auch verpflichten, die Freiheit in den eigenen Reihen und gegenüber anderen zu achten. Und grundsätzlich befand Welker: «Der Staat sollte den wohltätigen, aber auch potentiell gefährlichen Machtfaktor der Religionen im eigenen Land und international ernst nehmen.»

Kirchen sollen sich einbringen, aber ohne Absolutheitsanspruch

Die Kirchen sollten sich an der Debatte beteiligen, wie wir in dieser Gesellschaft leben wollen, sagte Tietz zur gesellschaftspolitischen Aufgabe der Religion. Insbesondere in Krisenzeiten sollten sie daran erinnern, dass alle Menschen, auch schwache, Teil der Gesellschaft sind. Die gesellschaftliche Beteiligung der Kirchen bedeute aber eine Herausforderung, gab Tietz zu bedenken. Die Kirchen dürften nicht die ewige Wahrheit verkünden, sondern müssten sich argumentativ einbringen. Dabei hätten sie die unterschiedlichen Religionen zu berücksichtigen, so die Professorin.

«Kirchen sollen ihre Argumente in die Politik einbringen, aber nie mit einer religiösen Begründung», befand auch Gret Haller, langjährige Bundespolitikerin. Sie sollten eine allgemeinverträgliche, demokrativerträgliche Begründung liefern. Der Mensch als Ebenbild Gottes etwa könne nicht angeführt werden, um Menschenrechte zu begründen. Das sei eine christliche Argumentation, womit sich Hinduisten oder Muslime nicht identifizieren könnten. Argumentiere die Kirche in der Politik religiös, habe das mit einem absolutem Wahrheitsanspruch zu tun. Doch ein solcher religiöser Wahrheitsanspruch sei nur im Privaten erlaubt, nicht in der Politik, befand Haller.

Gefährliche Tendenzen

Die Redner verwiesen auf weitere Zusammenhänge und religionsverwandte Themen. Die Integrationskraft der Kirche, die der Gesellschaft Werte vermittelt, sei heute nicht mehr gewährleistet, sagte Schulze. Er verwies auf normative Formen der Religion, die sich an den Rändern der Gesellschaft entwickelten und das bisherige Gleichgewicht von Religion und Gesellschaft bedrohten. Dabei erwähnte er Jugendliche, die sich dem Islamischen Staat anschlossen, weitete das Problem aber aus auf christliche, jüdische und muslimische Gruppierungen, die sich eine eigene Welt schafften, mit der Folge sozialer Desintegration ihrer Mitglieder.

Haller, ganz Politikerin, zog den Bogen von den europäischen Religionskriegen des 17. Jahrhunderts bis zu den Kriegen aufgrund Nationalismus im 19. Jahrhundert und jenen aufgrund von Ethnozentrismus im späten 20. Jahrhundert. Zwischen den drei Phänomenen, die alle zu Krieg führten, gebe es Parallelen, zeigte sich Haller überzeugt, das sehe man nur schon am Auftritt der zerstrittenen Konfessionen in Nordirland, der jenem von Nationalsozialisten ähnlich sei. Sie forderte die Kirchen auf, sich klar gegen nationalkonservative Strömungen in der Schweiz auszusprechen, etwa bei Themen wie dem Minarettverbot oder der Masseneinwanderungsinitiative.

Ausserdem forderte sie dazu auf, die Wirkung der Demokratie nicht zu unterschätzen. Diese Staatsform trage wesentlich dazu bei, dass Gesellschaften nicht auseinanderbrechen und Gewalttätigkeit vermieden werde, betonte sie. Demokratie sei die Voraussetzung für eine gelungen Relation von Religion und Gesellschaft, nahm Schulze den Faden auf. Doch das bedeute nicht, dass die Religion selbst demokratisch sein müsse, wie man an der katholischen Kirche sehe.

Der religiös neutrale Staat soll aktiv sein in Sachen Religion

Zum Schluss wünschte Mitorganisator und Podiumsmoderator Wüthrich den anwesenden Grossrätinnen und Grossräten im September «eine gute Debatte und weise Entscheidungen». «Jede Regelung muss Ausdruck davon sein, dass der Kanton Bern entschlossen ist, seine religionspolitische Verantwortung wahrzunehmen», hatte er zuvor gefordert. In einer religiös pluralen Gesellschaft erhöhten sich die religionspolitischen Aufgaben des Staates, sagte Wüthrich. Der Staat sei verantwortlich für den Schutz der Entfaltungsmöglichkeit religiöser Praxis, die Bereitstellung von Konfliktlösungsmassnahmen, die Förderung religiöser Bildung und die rechtliche Anerkennung religiöser Gemeinschaften. «Auch der religiös neutrale Staat muss ein in Sachen Religion aktiver Staat sein», forderte der Theologe. (rp)

 

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