Bericht wirft Pennsylvanias Kirchenoberen «Kultur des Vertuschens» vor

Washington, 16.8.18 (kath.ch) Wieder erschüttert ein Missbrauchs-Bericht die Kirche in den USA. Der Report für Teile Pennsylvanias listet hunderte Übergriffe durch Priester auf – und wirft den Kirchenoberen systematische Vertuschung vor. Nun ist auch Papst Franziskus gefordert. Bei seinem Besuch am 25. August in Irland werden von ihm klare Worte erwartet.

Christoph Schmidt

Es sind skandalöse Zahlen und abstossende Details über sexuelle Gewalt, die Pennsylvanias Generalstaatsanwalt Josh Shapiro am Dienstag der Presse vorstellte. Mehr als tausend Opfer nennt der Bericht einer staatlichen «Grand Jury» und führt 301 zumeist verstorbene Priester an, die sich in den letzten 70 Jahren an Kindern und Jugendlichen im US-Bundesstaat vergangen haben sollen.

Zwar ist der Untersuchungszeitraum lang und nicht alle Fälle sind bewiesen. Doch dass Hunderte Geistliche an hilflosen Schutzbefohlenen unsagbar Schlimmes angerichtet haben und Bischöfe die Taten gedeckt und verschwiegen haben, ist nach Lektüre des 1400 Seiten starken Reports eindeutig.

Sechs von acht Bistümern des Bundesstaats hat die Jury durchleuchtet. Philadelphia, das grösste Erzbistum in Pennsylvania, war schon 2005 Gegenstand einer solchen Untersuchung gewesen, und damals wurden dort bereits 63 Täter identifiziert. Im neuen Bericht ist die Industriemetropole Pittsburgh ein Schwerpunkt der Verbrechen.

«Kultur des Vertuschens»

Damals wie heute ist die Rede von einer «Kultur des Vertuschens» durch ranghohe Kirchenobere. Straffällig gewordene Priester wurden in andere Gemeinden versetzt. Fast alle Taten sind rechtlich verjährt, zwei Drittel der Täter bereits tot.

Die meisten Opfer waren der Untersuchung zufolge Jungen, viele von ihnen noch nicht in der Pubertät. Priester hätten Alkohol und Pornografie eingesetzt. Kinder seien begrapscht oder vergewaltigt worden. Laut Bericht wurden Mädchen in manchen Fällen nach einer Vergewaltigung schwanger. Ein Priester habe deshalb eine Abtreibung organisiert.

Der Skandal trifft die katholische Kirche kurz nach der Affäre um den Washingtoner Ex-Erzbischof Theodore McCarrick. Der einst landesweit beliebte Oberhirte trat im Juli aus dem Kardinalskollegium zurück, ihm werden Missbrauch von Seminaristen und mindestens zwei Minderjährigen vorgeworfen. Papst Franziskus hat ihm ein Leben in Gebet und Busse befohlen.

Kirche kooperierte aktiv mit staatlichen Ermittlern

In den amerikanischen Medien wird der Pennsylvania-Report gross gefahren. Schon mutmassen Beobachter, auf die Kirche rolle die «zweite Welle» eines Missbrauchsskandals zu, den sie längst überwunden glaubte. Um die Jahrtausendwende hatten Enthüllungen über massenhaften Missbrauch in US-Diözesen, im Mittelpunkt Boston, zu einem nationalen Aufschrei geführt. Entschädigungszahlungen brachten einige Bistümer an den Rand des Bankrotts.

Doch so manches ist diesmal anders. Nicht investigative Journalisten brachten die Verbrechen in Pennsylvania ans Tageslicht, sondern die Kirche hat in den 18 Monaten der Untersuchung aktiv mit den staatlichen Ermittlern kooperiert, Tausende Dokumente zur Verfügung gestellt und überführte Täter auf bischöflichen Webseiten kenntlich gemacht. Auch der Bericht vermerkt: «Vieles hat sich in den letzten 15 Jahren geändert.»

Kirchenbeobachter rechnen mit weiteren Enthüllungen

Nach der Veröffentlichung gaben die heutigen Bischöfe der betroffenen Diözesen beschämte Erklärungen ab, in denen sie die Opfer um Verzeihung baten und bekräftigten, die inzwischen erheblich verschärften Regeln zum Umgang mit Missbrauch in der Kirche rigide umsetzen zu wollen.

Gleichwohl steht die katholische Kirche als Ganze wieder unter Druck, muss sich Papst Franziskus nun erst recht am Anspruch einer «Null-Toleranz-Politik» gegenüber Tätern im Priestergewand messen lassen. Seit Monaten ringt er in einem ähnlich weit reichenden Missbrauchsskandal in Chile um das richtige Krisenmanagement. Andere Fälle beschäftigen die Kurie von Frankreich bis Honduras. Viele Kirchenbeobachter rechnen mit weiteren Enthüllungen in Ländern, die in puncto Missbrauch bisher noch nicht im Brennpunkt standen.

Klare Papstworte in Dublin erwartet

Schon kommende Woche könnte Franziskus beim Weltfamilientag in Dublin ein Zeichen setzen, dass er es mit Opferschutz und Täterverfolgung ernst meint. Sowohl Irlands Regierungschef Leo Varadkar wie Dublins Erzbischof Diarmuid Martin erhoffen vom Papst klare Worte zur Verantwortung der Kirche bei Missbrauch wie zu Misshandlung und Ausbeutung in kirchlichen Kinder-Heimen.

Jüngst war der Vatikan in Irland ins Visier der Kritik geraten, als berichtet wurde, der einstige Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano persönlich habe einst versucht, eine landesweite Strafverfolgung gegen Missbrauchstäter auf diplomatischem Weg zu verhindern. Klare Worte des Papstes werden erwartet. Wann und wo er Betroffene treffen wird, wurde bislang noch nicht mitgeteilt. (kna)

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