Benedikt XVI. und Papst Franziskus | © KNA
Vatikan
Benedikt XVI. und Papst Franziskus | © KNA

Benedikt XVI. sieht die Kirche als beinahe kenterndes Boot

Bonn, 17.7.17  (kath.ch) Noch Tage danach wird über die Beisetzung von Kardinal Meisner gesprochen. Wichtigstes Thema: die Botschaft von Benedikt XVI., die Erzbischof Gänswein im Kölner Dom verlas. Die Gedanken des Alt-Papstes waren nicht neu.

Ludwig Ring-Eifel

Dass die Worte von Benedikt XVI. bei der Beisetzung von Kardinal Joachim Meisner weithin Beachtung fanden, hat viele Gründe. Zum einen lag es an der stimmlichen Präsenz von Erzbischof Georg Gänswein, die viele Zuhörer mitriss. Hinzu kam die Tatsache, dass die Trauergäste im Kölner Dom die Worte eines Mannes hörten, der seit seinem Rücktritt vom Papstamt zurückgezogen im Vatikan lebt.

Aufwühlend war auch der Inhalt. Benedikt benutzte zwei Vergleiche, die er bereits mehrfach in unterschiedlichen Varianten gebraucht hatte. Und er spitzte sie abermals zu: Wörtlich formulierte er, dass die Kirche heute «besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.» Dann verglich er den Zustand der Kirche mit einem schwankenden Boot, das Gott aber «nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.»

In Kommentaren wurde dies als Kritik an denen gedeutet, die heute die Kirche leiten. Um sie richtig einzuordnen, hilft ein Rückblick auf andere Gelegenheiten, bei denen Benedikt XVI. diese Begriffe verwendete. Die «Diktatur des Zeitgeistes» ist eine Abwandlung des Wortes von der «Diktatur des Relativismus», die schon der junge Theologe Ratzinger 1961 ausmachte.

Desillusioniertes Abendland

Damals schrieb er: «Das Auftauchen neuer, weltweiter Perspektiven hat den Abendländer desillusioniert, ihm die Grenzen seiner kulturellen und geschichtlichen Bedeutung bewusst gemacht, aber damit zugleich eine der wichtigsten äusseren Stützen seines Glaubens an die Absolutheit des Christentums weggezogen und ihn einem Relativismus ausgeliefert, der wohl zu den kennzeichnendsten Zügen des Geisteslebens unserer Zeit gehört und untergründig bis weit in die Reihen der Gläubigen hineinreicht.»

Zugespitzt griff Ratzinger dieses Motiv in seiner Predigt vor der Papstwahl am 18. April 2005 auf: «Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ‘vom Windstoss irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen’, als die heutzutage einzige zeitgemässe Haltung erscheint», sagte er im Petersdom. «Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Mass nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten lässt.»

In derselben Predigt, die ihn zum Favoriten der konservativen Kardinäle beim Konklave werden liess, kam auch das Bild des schwankenden Bootes vor, das Bibellesern vom Sturm auf dem See Genezareth vertraut ist. Ratzinger erklärte: «Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden.»

«Schifflein Petri»

Vom Untergang bedrohte Schiffe waren auch ein Motiv in seiner ersten Grundsatzrede als Papst im Dezember 2005. Diesmal zitierte er einen Kirchenvater aus dem vierten Jahrhundert, um den Richtungsstreit zwischen Konservativen und Liberalen in der Kirche zu beschreiben.
Der grosse Kirchenlehrer Basilius habe die Lage der Kirche nach dem Konzil von Nikäa mit «einer Schiffsschlacht in stürmischer Nacht» verglichen.

Die Beobachtung, dass das «Schifflein Petri» (ein altes Sinnbild für die Kirche) von Wellen bedroht ist, stand auch bei seiner sensationellen Rücktrittserklärung vom Papstamt am 10. Februar 2013 im Mittelpunkt. Damals führte er aus: «Die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von grosser Bedeutung sind, hin- und her geworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.»

Bleibt sich und seinem Denken treu

Wenn Benedikt XVI. nun, knapp viereinhalb Jahre später, das Bild vom gefährdeten Boot erneut vor grossem Publikum aufgreift, lässt das aufhorchen. Die Vermutung liegt nahe, dass er die Lage der Kirche im Jahr 2017 jedenfalls nicht für stabiler hält als in den Jahren 2005 oder 2013. (kna)

Grusswort von Benedikt XVI.

Für viele Emotionen und Diskussionen hat das Grusswort des emeritierten Papstes Benedikt XVI. in der Beisetzungsfeier von Kardinal Joachim Meisner gesorgt. Am Samstag (15. Juli 2017) war es von Kurienerzbischof Georg Gänswein, dem Privatsekretär von Benedikt XVI., im Kölner Dom verlesen worden.

«In dieser Stunde, in der die Kirche von Köln und gläubige Menschen weit darüber hinaus Abschied nehmen von Kardinal Joachim Meisner, bin auch ich in meinem Herzen und meinen Gedanken bei Ihnen und folge deshalb gern dem Wunsch von Kardinal Woelki, ein Wort des Gedenkens an Sie zu richten.

Als ich vergangenen Mittwoch durch ein Telefonat den Tod von Kardinal Meisner erfuhr, wollte ich es zunächst nicht glauben. Am Tag zuvor hatten wir noch über das Telefon miteinander gesprochen. Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür, dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor (25. Juni) noch an der Seligsprechung von Bischof Teofilius Matulionis in Vilnius teilgenommen hatte.

Die Liebe zu den Kirchen in den Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass der letzte Besuch in seinem Leben einem der Bekenner des Glaubens in jenen Ländern gegolten hat.

Was mich an den letzten Gesprächen mit dem heimgegangenen Kardinal besonders beeindruckt hat, war die gelöste Heiterkeit, die innere Freude und die Zuversicht, zu der er gefunden hatte. Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen und dies gerade in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.

Aber um so mehr hat es mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens loszulassen gelernt hat und immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.

Zwei Dinge haben ihn in der letzten Zeit immer mehr froh und gewiss werden lassen. Zum einen hat er mir immer wieder berichtet, wie es ihn mit tiefer Freude erfüllt, im Busssakrament zu erleben, wie gerade junge Menschen, vor allem auch junge Männer, die Gnade der Vergebung erleben – das Geschenk, wirklich das Leben gefunden zu haben, das ihnen nur Gott geben kann.

Das andere, was ihn immer neu berührt und freudig gestimmt hat, war das leise Wachsen der eucharistischen Anbetung. Beim Weltjugendtag in Köln war ihm dies ein zentraler Punkt – dass es Anbetung gebe, eine Stille, in der nur der Herr zu den Herzen spricht. Manche Experten der Pastoral und der Liturgie waren der Meinung, dass sich eine solche Stille im Hinschauen auf den Herrn bei einer so riesigen Anzahl von Menschen nicht erreichen lasse. Einige waren wohl auch der Meinung, eucharistische Anbetung sei als solche überholt, da ja der Herr im eucharistischen Brot empfangen und nicht angeschaut werden wolle.

Aber dass man dieses Brot nicht essen kann wie irgendwelche Nahrungsmittel und dass den Herrn im eucharistischen Sakrament zu ’empfangen’ alle Dimensionen unserer Existenz einfordert – dass Empfangen Anbeten sein muss, ist inzwischen doch wieder sehr deutlich geworden. So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein grosses Licht für ihn.

Als an seinem letzten Morgen Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten: Er war betend gestorben, im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: Im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm. So dürfen wir seine Seele getrost der Güte Gottes anempfehlen.

Herr, wir danken dir für das Zeugnis deines Dieners Joachim. Lass ihn nun Fürbitter für die Kirche von Köln und auf dem ganzen Erdenrund sein!

Requiescat in pace!

(gez. Benedikt XVI.)» (kna)

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