Barbara Schmid-Federer und Roland Gröbli | © 2015 Sylvia Stam
Schweiz
Barbara Schmid-Federer und Roland Gröbli | © 2015 Sylvia Stam

Barbara Schmid-Federer: «Wer die Umwelt-Enzyklika gelesen hat, kann nicht für die zweite Gotthardröhre sein»

Zürich, 3.9.15 (kath.ch) Was will die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus erreichen? Diese Frage stellte die Paulus-Akademie am Mittwoch, 2. September, drei Vertretern aus Theologie, Politik und Wirtschaft im Pfarreizentrum Liebfrauen in Zürich. Vor einem zahlreich erschienenen Publikum diskutierten Barbara Schmid-Federer, Zürcher CVP-Nationalrätin, Roland Gröbli, Präsident der Vereinigung Christlicher Unternehmer Zürich, und Markus Vogt, Professor für christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

In seinem Eingangsreferat fasste Markus Vogt die zentralen Anliegen der Enzyklika «Laudato si» von Papst Franziskus zusammen. Als «Meilenstein in der katholischen Soziallehre» bezeichnete er die Tatsache, dass das Thema Ökologie erstmals in einem päpstlichen Lehrschreiben konsequent angegangen wurde, und zwar in Verbindung mit entwicklungspolitischen und sozialen Aspekten. «Erklärungsbedürftig ist nicht, dass ein Papst sich so äussert, erklärungsbedürftig ist, dass er es erst jetzt tut!», resümierte Vogt. Er hob ferner die bildreiche Sprache Jorge Bergoglios hervor und wies deren Verwandtschaft zum lateinamerikanischen Konzept des «Buen vivir» nach.

Ausführlich ging Vogt auf den Vorwurf einer gewissen Einseitigkeit des Schreibens zugunsten der Leidtragenden der Umweltzerstörung ein, der in verschiedenen Medien thematisiert worden sei. Er bestätigte und verteidigte diesen Vorwurf zugleich: «Laudato si» sei kein abgewogenes «Einerseits-Andererseits», vielmehr eine einseitige Zuspitzung, die aufrütteln wolle. «Der Papst wird so zur Stimme der am Rande Stehenden, die unter der Umweltzerstörung leiden». Damit nehme er mit seinem Schreiben durchaus eine prophetische Rolle ein. Dies gebe aber auch Anlass zu Diskussion.

Zu einer solchen lud Stephan Wirz von der Paulus-Akademie denn auch nebst Vogt zwei Vertreter aus Politik und Wirtschaft ein: Barbara Schmid-Federer, die derzeit für den Ständerat kandidiert, und Roland Gröbli.

«Vollkommen verwandelt»

«Dieses Buch hat mich vollkommen verwandelt», gestand Schmid-Federer, welche die päpstliche Enzyklika während einer Auszeit in einem Kloster gelesen hat. «Ich wünsche mir, dass es wirklich Konsequenzen hat». Für die Diskussion möglicher Konsequenzen für Politik und Wirtschaft blieb an diesem Abend leider etwas wenig Raum. Erörtert wurden stattdessen beispielsweise die Unterschiede zwischen der deutschen Übersetzung und dem spanischen Original, die befreiungstheologischen Einflüsse im Text oder die Frage nach einem Technikpessimismus des Schreibens.

Auch auf dem Podium wurde die Frage nach einer gewissen Einseitigkeit intensiv diskutiert. Moderator Wirz stellte als Advocatus Diaboli die Frage, ob die krasse Beschreibung der Zustände für Europäer nicht etwas schwer nachvollziehbar sei. Vogt wies auch hier auf das Potenzial der Wirkungskraft hin, wenn die Probleme in aller Schärfe benannt würden. Gröbli, der drei Jahre in den Slums von Bogotá, Kolumbien, gearbeitet hat, schilderte eindrücklich, dass der freie Markt bei Menschen, «die im Müll oder vom Müll leben», nicht spiele. «Europa hat eine soziale Marktwirtschaft in einem kapitalistischen System, aber mit sehr starken Organisationen» wie etwa den Gewerkschaften. Das gebe auch den Schwächeren einen Platz. «Wir tun dem Papst unrecht, wenn wir nach unserer europäischen Sicht verlangen», verteidigte Gröbli die Einseitigkeit der Enzyklika.

Kirche in der Pflicht

Barbara Schmid-Federer zeigte grosse Sympathien für die Ansichten des Papstes: «Nach der Lektüre des Buches kann keiner mehr für die zweite Gotthardröhre sein!» – ein Votum, das ihr spontanen Publikumsapplaus einbrachte. Die zweite Röhre erfordere einerseits ein erneutes Durchbohren des Berges, andererseits würde dieser zusätzliche Transportweg letztlich genau jenes Verhalten fördern, das der Papst anprangere, ja gar als Sünde bezeichne. Ihr Einsatz gegen die zweite Gotthardröhre habe allerdings zur Folge, dass der Gewerbeverband sie bei den Wahlen nicht unterstütze.

Der Abend war schon weit fortgeschritten, als die Frage nach einem Kurswechsel in Politik und Wirtschaft angesprochen wurde. Gröbli outete sich dabei als Optimist und gab seiner Hoffnung auf eine positive Wirkung Ausdruck. Auch Schmid-Federer zeigte sich optimistisch, obschon ihr kein Parlamentarier bekannt sei, der das Buch gelesen habe. Die Frage sei, ob es dem Papst gelingen werde, Leute aufzurütteln, die ihn nicht unbedingt hören wollten, und ob er seine Botschaft auch in kürzerer Form zu verbreiten wisse. Vogt glaubt an die Tiefenwirkung des Buches trotz oder gerade wegen seiner Länge. Er erinnerte zudem an die Fähigkeit Bergoglios, über Gesten zu kommunizieren. Vor allem aber sieht Vogt die Kirche als Weltgemeinschaft in der Pflicht: «Die Kirche hat hier eine Aufgabe, die sonst niemand wahrnehmen kann!» (sys)

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Markus Vogt | © 2015 Sylvia Stam
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