Antisemitismus an der Basler Fasnacht: «Die Herren der Welt»

Basel, 21.2.15 (kath.ch) Das Fasnachtscomité in Basel hat dieses Jahr ausdrücklich darum gebeten, auf Mohammed-Karikaturen zu verzichten. Doch nicht zu jeder Zeit wurde auf die religiösen Gefühle anderer Glaubensgemeinschaften Rücksicht genommen: In den zwanziger Jahren etwa paradierten antisemitische Sujets und Laternen durch die Strassen Basels.

David Klein

Laut dem Basler Comité-Obmann Christoph Bürgin sollen aus Respekt vor dem Islam und den hiesigen Muslimen, an der diesjährigen Fasnacht «keine religiösen Gefühle beleidigt werden». Auf Mohammed-Karikaturen mögen die Fasnächtler «doch bitte verzichten».

Deutlich weniger rücksichtsvoll war man seinerzeit den Basler Juden gegenüber. An der Fasnacht des Jahres 1923, Hitler war nach seinem gescheiterten Putschversuch noch nicht mal eine historische Fussnote, paradierte die Clique «Sans-Gène» unter dem Sujet «Die Herren der Welt» eine Laterne durch Basels Strassen, die dem im gleichen Jahr gegründeten antisemitischen Hetzblatt «Der Stürmer» alle Ehre gemacht hätte.

Unter der Aufschrift «Die Juden und ihr Geld regier’n die ganze Welt» tanzen auf der einen Seite der kunstvoll gestalteten Laterne übel karikierte Juden mit fettem Wanst und überdimensionierten Judennasen auf einer Weltkugel, davor sitzen unter dem Judenjoch ächzende Büezer «Die Erd’ umspannen sie/ein enggeschlossner Kranz/in Kunst&Wissenschaft/in Industrie/in Handel&Finanz». Auf der anderen Seite räkeln sich in einander verschlungene Schlangen mit krummnasigen Judenköpfen, die kauernde Gestalten mit eisernem Würgegriff zur Unterzeichnung von Schuldscheinen nötigen. Über diesen Szenen thronen jeweils zwei geflügelte, hakennasige und hohläugige Fabelwesen, dazwischen zwei krallenartige Hände, die mit knorrigen Fingern und langen Nägeln, gierig nach der Weltherrschaft greifen.

Ein klein wenig antisemitisch

Gemalt hatte das Prachtstück der bekannte Basler Maler Burkhard Mangold (1873-1950), Begründer der künstlerischen Plakat-Lithographie in der Schweiz, Erneuerer der Glasmalerei und Antisemit, was ihn jedoch nicht massgeblich von seinen Zeitgenossen unterschied.

In einem Sonderdruck der «Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte» von 2005, mit dem Titel «Wir waren alle ein klein wenig antisemitisch», analysiert Heiko Haumann, emeritierter Professor für Osteuropäische und Neuere Allgemeine Geschichte, den weit verbreiteten Antisemitismus in Basels Honoratiorenkreisen am Beispiel des Basler Gelehrten Jacob Burkhardt (1818-1897), der sich in seinen Schriften gegen das «Judenpack» wandte. Sein Neffe Jacob Oeri (1844-1908) schwadronierte in Briefen an seinen Onkel vom «schmutzigen polnischen Judenthum».
Andere Exponenten des Basler «Daig» engagierten sich für das Schächtverbot von 1893, nach dessen Annahme eine Menschenmenge auf dem Basler Marktplatz «Tod den Juden» skandierte oder unterstützten die seit 1904 erscheinende vulgär-antisemitische Basler Kulturzeitschrift «Der Samstag».

Der Basler Carl Jacob Burkhardt (1891-1974), ein weiterer Verwandter von Jacob Burkhardt, war ebenfalls «ein klein wenig antisemitisch». Er vertrat die Ansicht, die Juden treffe an der Verfolgung durch die Nazis «eine Schuld» sowie dass ein «bestimmter Aspekt des Judentums unsittlich und verderbt» sei und von einem «gesunden Volk bekämpft werden muss». Das war wohl auch der Grund, weshalb Burkhardt, ein häufiger Gast bei Adolf Hitler, sich während des Zweiten Weltkriegs weder als Völkerbundshochkommissar, noch als IKRK-Präsident für die europäischen Juden einsetzte.
Brunnenvergifter

Dass vor allem den Baslern derartiger Antisemitismus so leicht von der Hand geht, kommt nicht von ungefähr. Die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) ist historisch die dritte jüdische Gemeinde der Stadt. Die erste und älteste auf dem Gebiet der heutigen Schweiz fand während der Pestepidemien von 1348 bis 1350 ein schreckliches Ende. Nachdem man die Juden als Verursacher der Pest diffamiert hatte, wurden die Basler Juden im Januar 1349, noch bevor die Pest in Basel ausbrach, als «Brunnenvergifter» in einem eigens dafür gebauten Holzhaus auf einer Rheininsel verbrannt. Alle Schuldner der Basler Juden wurden von ihren Verpflichtungen freigesprochen und man schwor, 200 Jahre keine Juden mehr aufzunehmen.

Nach dem verheerenden Erdbeben von 1356 brauchte Basel jedoch dringend finanzielle Mittel für den Wiederaufbau der verwüsteten Stadt, und die finanzkräftigen Juden von einst, die sich damals schon massgeblich an der Finanzierung der ersten Rheinbrücke aus Stein beteiligt hatten, wurden schmerzlich vermisst. Der erst vor wenigen Jahren ausgesprochene Schwur war schnell vergessen und es entstand ab 1362 eine zweite Gemeinde. Als im Elsass aufgrund von Seuchen erneut eine judenfeindliche Atmosphäre entstand, sahen sich die Basler Juden 1397 zur Flucht gezwungen. Erst 400 Jahre später, im Jahr 1805, entstand die heutige IGB.

Obwohl der italienische Chronist Gabriel de Mussis bereits 1347 schrieb, die Pestkranken «verströmen mit jedem ausgesprochenen Wort Gift aus ihrem Mund», die Pest also als Ansteckungskrankheit bekannt war, bestand die Schweiz auf der Kolportage der Brunnenvergifter-Legende und trug so massgeblich zu deren weltweiten Verbreitung bei. Im September 1348 fand im waadtländischen Schloss Chillon ein Prozess statt, der den Boden für die zahlreichen Judenpogrome bereitete und «allen späteren Judenverfolgungen den rechtlichen Schein verlieh», wie Justus Friedrich Curt Hecker schon 1832 in seinem Buch über den »Schwarzen Tod im vierzehnten Jahrhundert» festhielt.

Rabbiner oder Hassprediger

Heute noch werden Juden in der Herzl-Stadt Basel gesondert behandelt. So wurde der scheidende Rabbiner der IGB, Yaron Nisenholz, bei seinem Amtsantritt vor einigen Jahren bei der Fremdenpolizei vorgeladen. Da er aus einem «gefährlichen Land» komme (damit meinten die hiesigen Beamten vermutlich die pluralistische Demokratie Israel), wollte man ihn bezüglich seiner «Einstellung gegenüber der Schweiz» und den «Themen seiner Predigten» vernehmen. Einen jüdischen Mann, der in Basel im Gefängnis einsass, musste er im allgemeinen Besuchersaal betreuen, während der katholische Priester dafür einen gesonderten Raum zugewiesen bekam. Das für die christlichen Seelsorger selbstverständliche Privileg musste sich Nisenholz per Anwalt erstreiten. (dk)

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