Die Klosterkirche in Einsiedeln SZ
Schweiz

Andy Crestani hat Kirchen im Kanton Schwyz «exakt von der Mitte aus» fotografiert

Von A wie Arth bis W wie Wollerau: Andy Crestani hat alle Pfarrkirchen im Kanton Schwyz fotografiert. Sein Bildband zeigt Fotos, die das «menschliche Auge aus normaler Sicht nicht erfassen kann». Was hat es damit auf sich?

Raphael Rauch

Haben Sie eine Lieblingskirche im Kanton Schwyz?

Andy Crestani*: Die Kirchen sind sehr vielfältig, jeder Innenraum hat seine eigene Faszination. Daher kann ich keine Lieblingskirche nennen. Aber ein paar Lieblingsbilder habe ich schon: zum Beispiel die Aufnahme der Viertelskirche St. Sebastian in Bennau und die Pfarrkirche St. Apollonia in Alpthal. Oder die Pfarrkirche St. Verena in Wollerau, die ich als Titelbild ausgewählt habe.

Kirche in Wollerau SZ
Kirche in Wollerau SZ

«Das läuft über das Unterbewusstsein und ist sehr subjektiv.»

Was macht diese Kirchen so besonders?

Crestani: Ehrlich gesagt ist es ein Gefühl. Das läuft über das Unterbewusstsein und ist sehr subjektiv. Natürlich kann ich als Fotograf ein Foto am Bildschirm anschauen und technische oder künstlerische Kriterien abklopfen. Aber dann gibt es immer noch den Gesamteindruck, den man vor Ort hatte. Und rein subjektiv haben mich die Kirchen in Bennau, Alpthal und Wollerau am meisten angesprochen.

Michael Tomaschett, Fotograf Andy Crestani und Markus Bamert
Michael Tomaschett, Fotograf Andy Crestani und Markus Bamert

In einer Würdigung heisst es, Sie zeigen die «Axialität und Symmetrie des Kirchenbaus auf eine Art und Weise, wie sie das menschliche Auge aus normaler Sicht nicht erfassen kann». Was heisst das auf gut deutsch?

Crestani: Ich habe die Kirchen exakt von der Mitte aus fotografiert. Es wirkt so, als sei der linke und rechte Teil gespiegelt. Zudem erweitere ich den Blickwinkel nach oben und zur Seite. Mit einer speziellen Technik zeige ich den Raum als sphärisches Panorama, bei dem die senkrecht fallenden Linien aber alle begradigt sind. So sehe ich auf einen Blick etwa so viel, wie wenn ich den Kopf zur Seite und nach oben drehen würde. Diese Bilder waren sowohl bei der Fotografie wie auch bei der Bildbearbeitung äusserst aufwändig. Aber genau dieser Effekt ist es, was unseren Bildband auszeichnet.

Kirche in Alpthal SZ
Kirche in Alpthal SZ

Sie haben die Kirchen während des Lockdowns im Frühjahr 2020 fotografiert. War das eine Art Corona-Projekt – oder hätten Sie das so oder so gemacht?

Crestani: Die Idee zu diesem Projekt hatte ich schon vor dem Lockdown, doch die Finanzierung über Stiftungen war noch nicht sichergestellt. Im Lockdown schien die Geschäftswelt plötzlich von einem auf den anderen Moment stillzustehen. Deswegen habe ich mich entschieden, mit der Fotografie bereits zu beginnen. Natürlich immer mit dem Risiko, dass aus den Bildern nie ein Buch realisiert würde. Aber ich hatte ja plötzlich mehr Zeit als erwartet. Zum Glück hat es am Ende doch noch geklappt.

Kirche in Seewen SZ
Kirche in Seewen SZ

Warum haben Sie sich für den Kanton Schwyz entschieden?

Crestani: Ich stamme aus Graubünden, wohne aber schon seit bald 15 Jahren im Kanton Schwyz. Wenn ich in Luzern wohnen würde, wäre vielleicht ein Buch über die Kirchen im Kanton Luzern entstanden.

«Auch die Gespräche vor Ort mit den Sakristanen waren bereichernd.»

Was haben Sie über die Kirchen im Kanton Schwyz gelernt?

Crestani: Markus Bamert und Michael Tomaschett haben als Autoren mitgewirkt – im Gespräch mit ihnen habe ich viel über die Architekturgeschichte im Kanton Schwyz gelernt. Und auch die Gespräche vor Ort mit den Sakristanen waren bereichernd. Es war ja die Zeit des ersten Lockdowns. Es war einfach schön, sich mit Menschen real zu unterhalten und nicht stets über Videokonferenzen.

Die Klosterkirche in Einsiedeln SZ
Die Klosterkirche in Einsiedeln SZ

Macht es als Fotograf einen Unterschied, ob man eine Fabrikhalle oder eine Kirche fotografiert?

Crestani: Für die Fotografie selber macht es für mich keinen grossen Unterschied, ob ich den Innenbereich einer Fabrikhalle, eines Hotels, eines Schulhauses, einer Turnhalle oder einer Kirche fotografiere. Technisch gesehen ist es bestimmt eine Herausforderung, wenn ich generell eher dunkle Räume vorfinde und starkes Sonnenlicht durch die Fenster eindringt. Aber hier habe ich meine eigene Technik entwickelt, um die Anmutung der Raumausleuchtung homogen darzustellen – ohne dass es zu Über- oder Unterbelichtungen kommt. In der Bildbearbeitung hingegen macht es bei Kirchen schon einen Unterschied. Es gibt so viele Details zu entdecken, die es herauszuheben gilt – wesentlich mehr als bei einer Fabrikhalle.

Kirche in Buttikon SZ
Kirche in Buttikon SZ

Sie haben eine Schwarz-Weiss-Serie für einen Wettbewerb eingereicht. Was gewinnt, was verliert ein Kirchenfoto, wenn es schwarz-weiss ist?

Crestani: Es ist immer Ansichtssache, welche Präferenzen der Betrachter hat. Schwarz-Weiss-Aufnahmen haben einen ganz eigenen Charakter, gerade auch in der Architektur. Vor allem dann, wenn die Kontraste richtig hart gewählt sind. Diese Art der Fotografie fasziniert mich immer wieder – auch in anderen Genres. Porträts zum Beispiel fotografiere ich lieber in Schwarz-Weiss. Die monochrome Kirchenserie, die ich beim Wettbewerb eingereicht hatte, hat weichere Kontraste. Dies ist bewusst so gewählt, denn sonst würden die Sakralbauten meines Erachtens zu düster wirken.

Kirche in Tuggen SZ
Kirche in Tuggen SZ

Würden Sie gerne mal den Papst fotografieren? Oder finden Sie Kirchen ohne Menschen schöner?

Crestani: Ich habe mich auf Architekturfotografie fokussiert und fotografiere meist Gebäude und Räume. Aber auch Menschen finden den Weg vor meine Kamera – dann, wenn mich Unternehmen für eine Firmenreportage engagieren. Aber auch Einzelpersonen begleite ich gerne eine Zeit lang durch den Tag und porträtiere diese. Den Papst einen Tag lang zu begleiten und seinen Alltag fotografisch zu dokumentieren, wäre bestimmt ein Erlebnis – oder generell eine Reportage über den Vatikan zu erstellen.

* Andy Crestani (52) ist Inhaber der Agentur «vimeco» und entwickelt vor allem Verlagsprojekte. «Die Fotografie ist mein zweites Standbein», sagt der gelernte Grafikdesigner.

Das Buch mit dem Titel «900 Jahre Sakralbau – Katholische Pfarrkirchen im Kanton Schwyz» kostet 69 Franken und ist im Buchhandel und online zu kaufen. Eine Leseprobe mit Beispielen aus Seewen, Alpthal, Lachen, Tuggen, Einsiedeln und Gross finden Sie hier.

Kirche in Immensee SZ
Kirche in Immensee SZ

Die Klosterkirche in Einsiedeln SZ | © Andy Crestani
27. Dezember 2021 | 18:20
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