Bischof Martin Happe von Mauretanien und Lucia Wicki-Rensch von Kirche in Not | © Regula Pfeifer
Schweiz
Bischof Martin Happe von Mauretanien und Lucia Wicki-Rensch von Kirche in Not | © Regula Pfeifer

«Ich kann nicht zwei Gottesdienste anbieten. Sie wollen einen einzigen.»

Zürich, 14.4.18 (kath.ch) Als kleine Gemeinschaft wirkt die katholische Kirche in der Islamischen Republik Mauretanien an der Verbesserung des Loses der Bevölkerung. Bischof Martin Happe will den Menschen auf ihrem Weg in die Zukunft weiterhelfen. Detailarbeit ist angesagt. Der Bischof weilt zurzeit in der Schweiz und besucht Pfarreien.

Georges Scherrer

Martin Happe ist seit 1995 Bischof von Nouakchott. So heisst die Hauptstadt Mauretaniens. Die Kirche dort sei «zu hundert Prozent nicht mauretanisch», habe aber einen sehr guten Ruf, erläutert der Bischof. In diesem islamischen Land sei der Begriff «katholische Kirche» ein Sesam-öffne-dich. Beim Zoll oder bei Polizeikontrollen erhalte man sofort freie Fahrt, wenn man sage, dass man zur katholischen Kirche gehöre. «Die Kirche hat jedoch keinen offiziellen Status», bemerkt Martin Happe, der 1945 in Sendenhorst (Norddeutschland) geboren ist.

«Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.»

Ihm stehen im Mauretanien zwölf Priester, die aus Afrika oder Indien kommen, sowie 25 Ordensfrauen zur Seite. Die Zahl der Kirchenmitglieder variiert. «Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Keiner weiss genau, wie viele es sind. Schätzungsweise 3500, 4000 Personen.»

Die grösste Anzahl der Kirchenmitglieder stammt aus Guinea-Bissau, Senegal und Zentralafrika. Aus Europa kommen einige hundert Franzosen. Frankreich betreibt eine grosse Botschaft in Nouakchott. Auch einige Unternehmer haben Niederlassungen im Land.

Ein Mauretanier ist automatisch Muslim

Einheimische gehören nicht zur katholischen Kirche. Das Grundgesetz der Islamischen Republik Mauretanien spricht Klartext: «Der Islam ist die Religion des Landes und seiner Bewohner.» Das Land sei seit dem 16. Jahrhundert zu hundert Prozent islamisiert, sagt der Bischof. «Hier ist man genauso selbstverständlich Muslim, wie man in meiner Kindheit im Münsterland, woher ich stamme, Katholik war.»

«Islamisten steckt man hier ins Gefängnis.»

Die Ausschliesslichkeit des Islam im Staat hindert die Kirche aber nicht, vor Ort aktiv zu sein. Mauretanien sei kein islamistisches Land – «Islamisten steckt man hier ins Gefängnis», meint der Bischof – sondern ein islamisches. Das sei ein feiner Unterschied. Als kleine Kirche verfügen die Katholiken über eine bedeutende Caritas mit hundert Mitarbeitern, die im Land sehr geschätzt sei.

Ausbilden und Kontakte fördern

Schulbüchereien sind dem Bischof ein wichtiges Anliegen. Er bestückt diese mit Schulbüchern, Dokumentationen und Arbeitsblättern, welche die Gruppenarbeit fördern. Das Material steht in französischer und arabischer Sprache zur Verfügung.

Bischof Martin Happe von Mauretanien und Lucia Wicki-Rensch von Kirche in Not | © Regula Pfeifer
Das kommt laut Martin Happe bei den Familien gut an. «Am Anfang sind die Eltern etwas skeptisch.» Die Schulleiter fördern aber diese Bibliotheken. In Zeiten, in denen der fundamentalistische Wahhabismus Druck ausübe, «ist es wichtig, dass wir in der Bevölkerung Kontaktmöglichkeiten fördern», bemerkt der Bischof.

Nomaden – und keine Städter

Die katholischen Ordensfrauen würden Schulungsstätten für Frauen betreiben. Dort lernen sie zuerst einmal Lesen und Schreiben und ganz alltägliche Sachen wie Färbetechnik oder Konfitüre zubereiten. «Also etwas, womit sie Geld verdienen können.»

Die Nomaden sind nicht auf die Städte vorbereitet.

Als Mauretanien 1960 in die Unabhängigkeit ging, waren 85 Prozent der Bevölkerung viehzüchtende Nomaden. Heute sind es wegen der fortschreitenden Verwüstung und der Dürren noch fünf Prozent. Die Leute ziehen in die Vororte der Städte und haben keine Ausbildung. Kurz: «Sie sind nicht dafür vorbereitet, in den Städten zu leben», stellt der Bischof fest.

Schulung geht zuhause weiter

Ein grosses Problem sind gemäss dem Bischof die vielen alleinerziehenden Mütter. «Sie haben Kinder von drei Männern und keinen Mann», fasst der Kirchenmann deren Lage zusammen. Wenn man verhindern wolle, dass sie «in der Prostitution kleben bleiben», dann muss man ihnen etwas anderes bieten, findet der Bischof. Auch diese Frauen haben Zugang zu den «bescheidenen Zentren» der katholischen Ordensfrauen.

«Zuhause muss das weitergehen, was in der Tagesstätte angefangen wird.»

Die einzige Tagesstätte im Lande für geistig und körperliche Kinder werde von der Kirche geführt. «Von Anfang an war es mir wichtig, dass die Mütter in diesen Stätten dabei sind. Denn zuhause muss das weitergehen, was in der Tagesstätte angefangen wird.»

Ferien in Mauretanien

Die Zusammenarbeit mit den Muslimen funktioniere gut, der Islam sei in Mauretanien tolerant, erklärt Happe. Martin Happe wurde 2009 mit der deutschen Bernhard-Kleinhans-Plakette für seinen Einsatz im islamisch-christlichen Dialog ausgezeichnet.

Der Bischof lobt die Sicherheit im Land: «Ich fahre alleine über Land. Die Ordensschwestern auch.» Der Geistliche schwärmt von seinen Fahrten durch die Wüste: «Die Lichteinwirkung ist jedes Mal anders.» Wer etwas Neues entdecken wolle, für den seien Ferien in Mauretanien angesagt, meint er.

Flüchtlinge und Arbeitsmarkt

Mauretanien war früher für viele Flüchtlinge ein Durchgangsland. Nachdem die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex) den Weg nach Europa abgeriegelt hat, bleiben sie im Land. «Unsere Aufgabe ist es nicht, die Leute daran zu hindern, weiter zu gehen. Wir haben aber in die Ausbildung investiert.»

«Wir müssen nur darauf achten, dass Flüchtlinge und Einheimische im Klassenraum gemischt sitzen.»

Die Kirche bietet heute für Flüchtlinge und Einheimische Kurse an. «Wir müssen nur darauf achten, dass Flüchtlinge und Einheimische im Klassenraum gemischt sitzen. Das ist die beste Art, die Integrierung zu fördern», so der Bischof. Das Flüchtlingsproblem ist aber am Zunehmen. Früher fanden die Flüchtlinge leicht Arbeit, denn sie hatten im Gegensatz zu den Mauretaniern eine Ausbildung. Heute sei das anders. Die Mauretanier liessen sich in den verschiedensten Berufen ausbilden, sagt der Bischof. Auf dem Arbeitsmarkt stehe man sich nun im Weg. Den Einheimischen werde der Vortritt gegeben.

Schnellkurse für den Heimateinstieg

Viele Flüchtlinge gehen weiter oder zurück. Der Weg nach Europa ist gesperrt. Das Herkunftsland wird laut Happe wieder zur Option. «Mit dem Diplom, das sie uns gegeben haben, können wir nach Hause gehen. Wir stehen nicht mehr mit nix da.»

Bischof Martin Happe von Mauretanien und Lucia Wicki-Rensch von Kirche in Not | © Regula Pfeifer
Solches Lob kriegt der Bischof immer wieder zu hören. Die Schnellkurse für Hotelküche und Konditor sind in Mauretanien ein Riesenerfolg. Der Bischof ist überzeugt: Flüchtlinge, die eine Ausbildung erhalten, haben zuhause eine Chance.

Auf Hilfe von aussen angewiesen

Die katholische Kirche in Mauretanien kann von alleine nicht bestehen. Sie verfügt weder über die personellen noch über die finanziell nötigen Ressourcen. «Wenn die Schwesterkirchen nicht helfen, dann kann die Kirche in Mauretanien nicht leben.»

Für den täglichen Bedarf genügten die Spenden der Kirchenmitglieder. Was darüber hinausgehe, wie die Anschaffung von Schulmaterial, Transportfahrzeugen oder die Besoldung der Mitarbeitenden, sei mit dem Geld aus Mauretanien nicht zu schaffen.

«Ohne euch wäre ich nicht das, was ich heute bin.»

Wie das Flüchtlingsdrama beendet werden kann, dafür hat der Bischof «auch keine Lösung». Er ist überzeugt, dass die heute bestehenden Mauern früher oder später wieder fallen. Er setzt sein Vertrauen in die Arbeit, die er in Mauretanien leistet. Werden die Hilfsgelder in Einrichtungen wie die Caritas investiert, dann tragen diese Früchte. «Ein Mann, der bei uns eine Ausbildung erhielt, ist heute Werkstattchef bei Peugeot. Er verweist jeweils stolz auf uns und sagt: Ohne euch wäre ich nicht das, was ich heute bin.»

Das Gemeinschaftsgefühl

Abschliessend sagt der Bischof: «Auch wenn es für viele im Inneren des Landes schwer ist, sind die Lebensbedingungen besser geworden.» Krankenpflege, Wasserversorgung, ein ausgezeichnetes Strassennetz zeugten von Fortschrift. Fast mit Tränen in den Augen denkt der Bischof an die Begeisterung, mit welcher die Gemeindemitglieder die Gottesdienste feiern. Und auch an das Zusammengehörigkeitsgefühl: «Am Sonntag kann ich nicht zwei Gottesdienste anbieten. Sie wollen alle am gleichen Gottesdienst teilnehmen, auch wenn die Hälfte der Gottesdienstbesucher draussen stehen und sich die Messe über Lautsprecher anhören muss.» Da sind mehr Leute «draussen als drin. Wir haben 400 Sitzplätze.»

Bis zum 22. April besucht der Bischof die Orte Meggen LU, Udligendswil LU, Bülach ZH, Bern, Gossau SG, Hagenwil b. Amriswil TG, Kloten ZH, Wegenstetten AG, Langnau-Gattikon ZH und Luzern und berichtet über sein Wirken.

Bischof Martin Happe von Mauretanien mit Firmlingen | © zVg Kirche in Not
Bischof Martin Happe von Mauretanien mit Firmlingen | © zVg Kirche in Not
Fische trocknen in Mauretanien | © zVg Kirche in Not
Fische trocknen in Mauretanien | © zVg Kirche in Not

«Verschiedene Facetten der Kirche»

Bischof Martin Happe weilt auf Einladung von Kirche in Not in der Schweiz. Dem Hilfswerk liegt es daran, auch kleine Minderheiten wie die katholische Kirche in Mauretanien zu unterstützen, erklärt die Informationsbeauftragte Lucia Wicki-Rensch gegenüber kath.ch. Das gehöre auch zu den Aufgaben des Hilfswerks neben der Fokussierung auf jene Brennpunkte im Nahen Osten, die politisch interessant sind und wo die Kirche bedroht ist. Die Hilfe für die Kirche in Mauretanien ist verglichen mit der Nothilfe in Krisengebieten verhältnismässig klein. «Es geht auch darum zu zeigen, dass die Weltkirche ganz verschiedene Facetten hat», so Wicki. (gs)

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