Familienbande | © zVg
Schweiz
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Nein zu «AHVplus» ist Ausdruck von fehlendem Solidaritätsverständnis

Bern, 25.9.16 (kath.ch) Die Volksinitiative «AHVplus» wollte die 1. Säule der Altersvorsorge in der Schweiz ausbauen. Die Stimmberechtigten sagten mit rund 60 Prozent Nein zu diesem Vorschlag. Hier wurde eine Chance vertan, die Solidarität zwischen den Generationen zu stärken, sagt der Theologe und Sozialethiker Thomas Wallimann-Sasaki.

Wenn 40 Prozent Ja sagen zu einem Vorschlag, sei das eigentlich viel,  sagt Thomas Wallimann-Sasaki, Interimspräsident der Bischöflichen Kommission «Justitia et Pax» und Geschäftsführer des Sozialinstituts der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB). Er ist sich aber auch bewusst, dass im politischen Alltag ein Verhältnis 3:2 eine deutliche Abfuhr bedeutet.

Zeitgemässe Form für das vierte Gebot

Der Sozialethiker hat vor der Abstimmung zu allen drei Vorlagen Stellung genommen. «Was ich bei Abstimmungen vermisse, ist eine grundlegende Wertediskussion», sagte Wallimann-Sasaki am Abstimmungssonntag gegenüber kath.ch. Am Beispiel der AHV-Initiative erläutert er dies so: Sowohl von Seiten der Gegner wie auch von Seiten der Befürworter sei die Debatte leider nur über die Finanzierbarkeit der in der Initiative geforderten Veränderungen geführt worden. Die AHV sei aber ein Solidaritätswerk zwischen Generationen, so Wallimann-Sasaki.

Die Solidarität zwischen Eltern und deren Kindern und umgekehrt sei, so der Theologe, nichts anderes als das auf die heutige Zeit übersetzte vierte Gebot in der Bibel im Alten Testament. «Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.», heisst es dort.

Gesellschaft auf «heute» fokussiert

Heute müsse in einer Gesellschaft selbstverständlich über die eigenen Familie hinausgeschaut werden, wenn es um Solidarität mit der Elterngeneration gehe, so Wallimann-Sasaki. Doch genau diese Haltung des Vorausschauens vermisst der Ethiker an vielen Orten. Wenn im Abstimmungskampf von einer «Schwächung der AHV» die Rede war, so sei dies aus einer Haltung der Besitzstandswahrung heraus erfolgt.

Wallimann-Sasaki stellt grundsätzlich fest, dass die Diskussion um ethische Haltungen in unserer Gesellschaft wenig Platz finde. Er vermisst tiefergehende Debatten über grundlegende Fragen des Zusammenlebens, die über das Hier und Jetzt hinausreichen.

Keine Parolen, aber Debatten gefragt

Bei dieser Kritik nimmt er auch die Kirche nicht aus. Bei sozialen und ethischen Fragestellungen in der Politik gehe es für die Kirche nicht darum, Parolen zu fassen, sondern die Debatte aus christlicher Sicht mitzugestalten.

Nach dem Nein zur «AHVplus»-Initiative werden sich dem Sozialethiker neue bedeutende Fragen aus der Politik stellen. Und er wird sich weiter dafür stark machen, dass sich die Kirche zu Wort meldet. »Die Kirche hat die dazu notwendige Glaubwürdigkeit», ist Wallimann-Sasaki überzeugt. (ms)

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