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«Wir beten für unsere Feinde»

Gewalt und Diskriminierung gegen Christen nimmt zu. Im vergangenen Jahr wurden weltweit 4136 Christen wegen ihres Glaubens ermordet.

Eine Wohnung in einem Städtchen im Mittelland. Amar* sitzt auf dem Teppich, trinkt Tee. Kürzlich ist er mit seiner Familie aus der Asylunterkunft hierher gezogen. Amar und seine Frau sind Afghanen – und Christen. Deshalb sind sie in der Schweiz. Vergangene Woche hat das Hilfswerk Open Doors seinen jährlichen Weltverfolgungsindex veröffentlicht. Es geht darin um Menschen wie Amar, die verfolgt werden, weil sie Christen sind. Laut Open Doors ist seit 2006 weltweit eine starke Zunahme von Feindseligkeit, Diskriminierung und Gewalt gegenüber Christen festzustellen. Allein 2018 wurden 4136 Christen wegen ihres Glaubens ermordet.

Auch Amar fürchtete um sein Leben, als seine Angehörigen an einem Familienfest herausfanden, dass er Christ geworden ist: Sein Cousin schlug ihn, bis er ohnmächtig am Boden lag. Als er wieder zu sich kam, verfehlte ihn eine Kugel nur knapp. Ein Freund brachte ihn in Sicherheit und Amar wusste, dass es nur einen Möglichkeit gäbe, um das Leben seiner Familie zu schützen: Die Flucht aus Afghanistan. Grösstenteils zu Fuss schlug er sich in den kommenden zwei Monaten mit seiner schwangeren Frau und den zwei Kindern bis in die Schweiz durch.

Afghanistan ist laut Open Doors neben Nordkorea und Somalia eines der drei gefährlichsten Länder für Christen. Immer wieder für Schlagzeilen sorgt auch Gewalt gegen die christliche Minderheit der Kopten in Ägypten. Die Koptin Samiha hat einen Anschlag auf ihre Kirche im Jahr 2006 überlebt. Da-bei wurde sie allerdings so schwer im Gesicht verletzt, dass ihr Mann sie kaum wiedererkannte. Zurzeit ist Samiha deshalb für eine Wiederherstellungsoperation in einer deutschen Klinik.

Medhat Klada kennt viele solcher Schicksale. Der in der Schweiz lebende Kopte kämpft unermüdlich für das Recht auf Religionsfreiheit in seinem Heimatland. Er spricht dafür im Europaparlament und vor den Vereinten Nationen. In einem Zürcher Café erklärt er, dass sich die Situation sowohl für die muslimische Minderheit der Schiiten wie auch für die Kopten in Ägypten zunehmend verschlechtere. Kirchen werden geschlossen, Christen im Alltag diskriminiert, Gewalt gegenüber den koptischen Mitbürgern werde nicht verfolgt. «Die ägyptische Regierung schützt muslimische Fanati-ker.» Das Recht auf Religionsfreiheit fordern in Ägypten aber nicht nur Christen, hält Klada fest. Auch Muslime kämpfen für eine Modernisierung des Islams. Einer davon ist der Intellektuelle Khaled Montaser. Gegenüber SonntagsBlick sagt er: «Wir müssen die religiöse Identität von Ägypten ändern.» Weg von einem islamischen hin zu einem säkularen Staat. Dafür allerdings müsste das Land seine Verfassung ändern. Denn das ägyptische Gesetz beruft sich darin auf muslimisches Recht.

Dieses Gesetz bekamen auch vier koptische Jugendliche zu spüren, die deswegen heute im Kanton Bern leben. Grund dafür ist ein privates 27-Sekunden-Video. Es zeigt einen der Jugendlichen am Boden kniend und betend, ein anderer macht eine Geste, als ob er ihm die Kehle durchschneiden würde – die Jugendlichen machen sich über den Islamischen Staat lustig.

Nachdem dieses Video in den sozialen Medien auftauchte, wurden die vier Jugendlichen mit dem Tod bedroht. Wegen Gotteslästerung kamen sie ins Gefängnis. Auf Druck von Menschenrechtsorganisationen konnten sie ausser Landes gebracht werden. Die Schweiz gewährte ihnen Schutz. Mittlerweile haben alle vier eine Lehre begonnen. Sie seien froh, hier zu sein, sagt Klada, der in engem Kontakt mit ihnen steht. Trotzdem vermissten sie ihre Heimat und ihre Familien.

Klada fordert, dass europäische Regierungen viel entschiedener Druck ausüben sollten auf Länder wie Ägypten, um religiöse Minderheiten zu schützen. Ebenso wichtig ist ihm aber auch Nächstenliebe zu leben: «Wir beten für unsere Feinde. " Damit Muslime und Christen irgendwann in Frieden zusammenleben können. l

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