Radiopredigt 25. Juli 2021 Festtag des Heiligen Jakobus

Vreni Ammann, Pfarreibeauftragte, St. Gallen. Weg zur Mitte. Mit Texten zum Pilgern von Hannes Steinebrunner, vertont von Roman Bislin-Wild

Guten Tag liebe Hörerin, lieber Hörer

Heute reisen meine Gedanken in den westlichsten Zipfel Spaniens, nach Santiago de Compostela.
Der 25. Juli ist der Festtag des Heiligen Jakobus, dessen Grab in Santiago verehrt wird. Dieses Jahr ist es ein besonderes Fest. Denn immer, wenn der 25. Juli auf einen Sonntag fällt, wird ein Heiliges Jahr ausgerufen.

Ich ahne die grosse Kathedrale voller Pilgerinnen und Pilger, in feierlicher Stimmung.
Ich sehe vor meinem Inneren Auge, wie Weihrauch aufsteigt aus dem grossen Weihrauchfass, von dem man sagt, dass es acht kräftige Menschen braucht, um es in Bewegung zu setzen.


Nicht nur an einem Festtag wie heute, sondern jahrein, jahraus pilgern Menschen aus aller Welt ans Grab des Apostels.
Wie auch immer sie ankommen, mit wunden Füssen von der langen Wanderung, mit einem schmerzenden Hinterteil nach vielen Kilometern auf dem Velo oder fit und munter nach einer Busfahrt oder gar einer Flugreise, etwas hat diese Menschen zum Aufbruch bewegt. Der Wallfahrtsort hat eine grosse Ausstrahlungskraft über Länder und Kontinente hinweg.
Obwohl ich selber nie am Grab des Heiligen Jakobus war, habe ich schon einige Wegetappen Richtung Santiago unter die Füsse genommen. Das ist wohl das Spezielle an diesem Wallfahrtsort, dass der Weg genauso lockt wie das Ziel.

Gedanken zum Hintergrund des Pilgerns und zur Bedeutung des Heiligen Jakobus hören sie von meiner Kollegin Alke de Groot heute in der reformierten Radiopredigt. Sie ist eine leidenschaftliche Pilgerin.

Ich will mit Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer zum heutigen Sonntag fünf poetische Texte zum Pilgern teilen. Diese stammen aus der Feder des Theologen Hannes Steinebrunner und wurden vom Musiker und Komponisten Roman Bislin Wild vertont.

Die Kompositionen trägt den Titel «Weg zur Mitte».

Wie ein Refrain wieder holt sich immer wieder der Satz: Ich such den Weg zur Mitte in mir im Gehen, mein Gott, begegne ich dir.

Jeder Weg beginnt mit dem Aufbruch. So heisst es im ersten Liedtext:

Aufbrechen

aufwachen
aufstehen
aus Tagträumen
aus einer traumlosen Nacht
auferstehen
hinein
in das Licht
eines neuen Tages
den Weg vor Augen
das Ziel im Herzen
die Reise beginnt.

Pilgern ist ein Gleichnis fürs Leben.

Der Jakobsweg führt in den Westen, dorthin wo die Sonne untergeht.
Er ist ein Symbol für das Unterwegssein des Menschen von der Geburt bis zum Tod. Für die Geburt steht der Sonnenaufgang, für das Sterben der Sonnenuntergang.
Das Leben beginnt und eines ist gewiss, ich werde irgendwann sterben.
Dazwischen bin ich unterwegs, mal mutig, voll Zuversicht und vielen Ideen, mal rastlos mit grossen Herausfordergen, mal ernüchtert, mit lähmenden Enttäuschungen.
Hie und da verliere ich mich auf Umwegen. Dann ist es gut inne zu halten, zur Ruhe zu kommen.

Innehalten

Müde geworden
stolpere ich über mich selbst
in kühlender Rast
schau ich zurück
auf den lichtvollen Anfang
erschöpft
macht die Zukunft mir Angst.
Innehalten
zur Ruhe kommen
für eine Zeit lang
den Weg vergessen
die Ruhe schenkt Kraft.

Das Innehalten aus Erschöpfung ist meist verbunden mit Selbstzweifeln:
Habe ich alles falsch gemacht, habe ich versagt?

Doch das Innehalten ist nicht die Endstation.
Es ist ein Ort der Orientierung, der Ausrichtung, der Sammlung von neuer Kraft zum Weitergehen, immer weiter.

Weitergehen

aufbrechen immer wieder
aufstehen aus vorläufigen Zielen
sich aufmachen
das Ziel im Herzen nicht vergessen
immer wieder neu anfangen
der Weg nimmt mich mit.

Mich fasziniert die Ausstrahlung des Pilgerweges, der so vielfältige Menschen mitnimmt: Managerinnen und Aussteiger, Pensionierte und Studentinnen, Reiche und Arbeitslose, Fromme und Atheisten.
Der Weg ist ihr gemeinsamer Nenner. Der Weg lockt, nimmt mit. Der Weg ist nicht wählerisch und der Weg ist für alle gleich. Nur – was sie alle aus dem Weg machen, liegt an jeder, an jedem Einzelnen.  

Auf dem Hintergrund des Pilgerweges verstehe ich die Worte Jesu neu. Er sagt von sich «Ich bin der Weg». Er bietet sich an, steht zur Verfügung. Er ist bereit alle aufzunehmen. Er sortiert nicht, wählt nicht, er ist wie ein Weg, der für alle zugänglich ist. Das ist ein grossartiges Bild für Jesus.

Ein Weg ist ausgerichtet auf ein Ziel. Das Ziel der Pilgerschaft ist letztlich die Verbundenheit mit Gott.

Doch es gibt zu diesem Ziel nicht nur eine mögliche Route.

Wie es unzählige Wegabschnitte und Etappen gibt, die Richtung Santiago führen, so ist es auch mit dem Glauben. Es gibt vielfältige Wege.
Ich bin frei zu entscheiden, welchen ich nehme und ob ich darauf durchhalte, umkehre, mich neu orientiere.

Im Unterwegssein wächst mehr und mehr die Sehnsucht anzukommen.
Sinn, Heimat, Glück zu finden.

Ankommen

Mühe und Not sind vergangen,
verklärt durch das lichtvolle Ziel
das mich in Empfang nimmt
Erleichterung
aufatmen
Freude
ich jauchze vor Glück.

Wie schön, wenn ich ein Ziel erreichen darf, wofür ich alle meine Kraft eingesetzt habe. Wie schön, wenn eine Verheissung wahr wird, sich ein Versprechen erfüllt.
Es ist wie ein kleiner Vorgeschmack vom Himmel, eine leise Ahnung, wie es sein wird nach der Pilgerreise des Lebens, wenn einmal alle Mühe und Not vergangen sind, wenn das Licht des Zieles alle Schatten des Lebens beseitigt.

Doch die Stadt Santiago oder das Grab vom Heiligen Jakobus ist ja nicht wirklich das Ziel des Lebens, das weiss die Pilgerin, der Pilger. Santiago ist ein symbolischer Ort. Der Weg dahin ist voller Erfahrungen, die man nicht so schnell vergisst.
Diese Erfahrungen begleiten einem bei der Rückkehr in den Alltag, aus dem man aufgebrochen ist.

heimkehren

verwandelt vom Ziel kehr’ ich zurück
als neuer Mensch in die alte Welt
immer noch trag’ ich
die Sehnsucht im Herzen
die Sehnsucht nach der ganz grossen Heimkehr
die Reise beginnt …

Ich bin geprägt vom Weg, beflügelt vom Ankommen. Ich bin beschenkt mit neuen und überraschenden Erfahrungen. Diese trage ich in mir, zurück in die alte Welt.
Ich kann nicht erwarten, dass alles verstanden wird und schon gar nicht, dass sich auch alles um mich herum verändert hat.
Ich kann nur schauen, dass ich in mir das bewahre, was mich ermutigt und stärkt. So wird die Sehnsucht in mir wach bleiben und mich auf die Reise schicken, auf den Weg, der immer wieder vor mir liegt.

Manchmal seh’ ich das Ziel vor Augen,
manchmal frag’ ich: «wo will ich hin?»
Einmal bin ich nah bei der Mitte
einmal weiss ich nicht, wo ich bin

Ich suche den Weg zur Mitte in mir
im Gehen, mein Gott, begegne ich dir.

Ich kann mit meinen Füssen tausende Kilometer gehen oder einen inneren Weg auf mich nehmen. Es geht immer um das Gleiche!

Wir folgen der Sehnsucht nach Leben. Brechen auf mit einer Idee, halte inne mit Fragen, kommen an mit Dankbarkeit. Wir sind auf dem Weg und durch ihn verbunden mit Gott.

Wo Sie auch sind jetzt, in Ihrer Mitte oder rastlos, ob unterwegs, ob Sie innhalten oder einem Ziel nahe, ich wünsche Ihnen das Vertrauen, dass der Weg Sie trägt.

Wegweiser vor der Citykirche offener St. Jakob am Stauffacher in Zürich. | © Eva Meienberg
Gastbeitrag
25. Juli 2021 | 10:56