Wir sind Kirche, 07.04.2016, 15:01

«Nagelprobe für die Reformfähigkeit der gesamten Kirche»

Medienmitteilung

Die KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche sieht das postsynodale Schreiben «Amoris laetitia» (»Freude der Liebe»), das am Freitag veröffentlicht wird, als Nagelprobe für die Reformfähigkeit der gesamten Kirche. Nach dem inhaltlich in Vielem enttäuschenden Abschlusspapier (»relatio finalis»), das die Bischofssynode Ende Oktober 2015 Papst Franziskus übergab, wird jetzt das Schreiben des Papstes ein erster, aber hoffentlich wegweisender Schritt sein, die jahrhundertealte Fixierung der katholischen Lehre auf eine rechtlich rigorose Sexualmoral zu verändern.

Angesichts der vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestrebten und jetzt durch Papst Franziskus forcierten Synodalität und Dezentralisierung der römisch-katholischen Kirche wird es darauf ankommen, wie die von Franziskus gesetzten Grundlinien, Impulse und Gestaltungsspielräume von den Bischöfen und Diözesen in aller Welt aufgenommen und – im jeweiligen kulturellen Kontext – weitergeführt werden. Dabei sind auch die wissenschaftliche Theologie und die Humanwissenschaften gefragt. Insofern stellt nicht nur das Schreiben des Papstes, sondern vor allem das daraus resultierende zukünftige Handeln der Bischöfe und der Kirchen vor Ort eine Nagelprobe für die Reformfähigkeit der gesamten Kirche dar.

So wie es in der Enzyklika «Laudato si›» gelungen ist, komplexe Zusammenhänge korrekt und doch verständlich darzustellen, so ist zu hoffen, dass Franziskus in diesem Schreiben die bisher vor allem auf die Sünde fixierte katholische Sexuallehre in den größeren Zusammenhang der christlichen Hoffnungsbotschaft stellen wird. Gemäß der Doppelsynode «Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung» und ihre «Berufung und Sendung in der modernen Welt» muss es zunächst um die Frage gehen, wie es angesichts der vielfältigen Nöte und Herausforderungen in vielen Teilen der Welt Familien unterschiedlicher Art heutzutage gelingen kann, verantwortlich Partnerschaft und Elternschaft zu leben und wie Kinder in Sicherheit und Geborgenheit aufwachsen können.

Wenn auch nicht mit einer generellen Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zu den Sakramenten zu rechnen ist, so wird Papst Franziskus hoffentlich doch die Tür für Einzelfallregelungen öffnen, deren angemessene Ausgestaltung dann in der Verantwortung der Bischofskonferenzen liegen wird (Prinzip der Dezentralisierung). Dazu hatte die deutschsprachige Synodengruppe im Oktober 2015 einen sehr frühen theologischen Weg aufgezeigt, der unter Verweis auf Thomas von Aquin (1225-1274) und das Konzil von Trient (1545 und 1563) die Anwendung der Grundprinzipien mit Klugheit und Weisheit auf die jeweilige, oft komplexe Situation ermöglicht – in diesem Fall des Wortes Jesu von der Unauflösbarkeit der Ehe. Die deutschsprachige Synodengruppe, der so unterschiedliche Kardinäle wie Gerhard Ludwig Müller und Walter Kasper angehörten, hat auch die geschichtliche Entwicklung der kirchlichen Ehelehre betont.

Bezüglich homosexueller Menschen sollte das Schreiben über die bestehenden Katechismus-Aussagen hinausgehen, dass ihnen mit «Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen» sei. Aufgabe der Kirchen in aller Welt muss es allein vom christlichen Menschenbild her sein, sich aktiv gegen jede Kriminalisierung und Diskriminierung dieser Menschen einzusetzen.

Das postsynodale Schreiben wird hoffentlich dazu beitragen, dass die katholische Weltkirche eine neue Sprechfähigkeit und Glaubwürdigkeit für eine dem Gewissen verantwortete Sexualethik findet – getreu dem Pauluswort: «Wir sind nicht Herren eures Glaubens, sondern Diener eurer Freude.» Denn seit dem Verbot künstlicher Verhütungsmittel in der Enzyklika «Humanae vitae» von 1968 hat die katholische Kirche ihre Sprechfähigkeit im Sexualbereich verloren; und der Glaubwürdigkeitsverlust durch die sexualisierte Gewalt und ihre Vertuschung innerhalb der Kirche dauert noch an. Auch wenn Franziskus in seinem Pontifikat einen auf Barmherzigkeit ausgerichteten pastoralen Ansatz verfolgt, so werden doch auch in der Dogmatik und im Kirchenrecht Korrekturen und Weiterentwicklungen notwendig sein, um den Kurs einer wieder mehr auf das Evangelium ausgerichteten Sendung und Kirchenstruktur unumkehrbar zu machen.

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