Miteinander. Vorwärts. Inspirationen für mutiges Verändern in der Kirche.

Medienmitteilung: Von einer Erneuerung der Kirche wird viel geredet, seit geraumer Zeit. Und bald schon startet der von Papst Franziskus weltweit ausgerufene synodale Prozess. Doch wie gelingt es, wirkliche Veränderung in Gang zu setzen? An ihrem gesamtschweizerischen Vernetzungsanlass lud die RKZ 2021 ihre Gäste erstmals zum Arbeiten ein: Im Gespräch entwickelten die rund 100 Teilnehmenden Leitsätze, die mutige Schritte möglich machen. Der Grundtenor war klar: Es muss etwas geschehen. Geschehen wird es aber nur, wenn alle mitwirken, Entscheidungen getroffen und Beschlossenes umgesetzt wird.

«Die RKZ treibt die Sorge um, dass zwar viel gesprochen und getan wird – aber keine wirkliche Veränderungsenergie frei wird. Obwohl viele Menschen spüren: So kann es nicht weitergehen.» RKZ Vizepräsident Roland Loos unterstrich die Dringlichkeit der Veränderung: «Wenn wir nichts tun, geht es nicht einfach ›weiter wie bisher’, sondern es wird gefährlich: für die Zukunftsfähigkeit der Kirche, für den Frieden, für das Klima und das Leben auf unserem Planeten.»

Am Anfang steht der Unmut

Welches sind «Kippmomente», die echte Veränderungen in Gang zu setzen vermögen? Unmut, das Bewusstsein einer Notlage! So unterschiedlich der Kontext der Referentin und des Referenten am RKZ Fokus 2021 auch war, so klar waren ihre Worte, um den Auslöser zu benennen: «Der Synodale Weg war kein freiwilliger Aufbruch, sondern eine Flucht nach vorn in grosser Not.» Claudia Lücking-Michel, Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und Mitgestalterin des 2019 gestarteten Prozesses schilderte eindrücklich, wie viel Druck es aus unterschiedlichen Kreisen brauchte, bis nach den erschütternden Erkenntnissen der im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erarbeiteten Studie zu den sexuellen Missbräuchen der Entscheid für einen synodalen Weg fiel.

Die CDU-Politikerin Claudia Lücking-Michel

Nicht weniger deutlich brachte Philippe Becquart, Verantwortlicher für das Departement «Erwachsene» in der katholischen Kirche im Kanton Waadt, den Auslöser für den synodalen Weg im Kanton Waadt auf den Punkt: «Die Pfarrei ist für eine Mehrheit unserer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zu einem verlassenen, unbewohnbaren Gebiet geworden – zum territoire déserté.» Dieses Bewusstsein führte dazu, dass die Waadtländer Kirche sich auf den Weg machte.

Synodalität in all ihren Facetten

In zwei rege geführten Tischdebatten suchten die Teilnehmenden zuerst Verben, die mit der anstehenden Veränderung in Verbindung stehen. «Die Diskussion an meinem Tisch war spannend,» fasste einer der Moderatoren die Ergebnisse zusammen «weil sie die verschiedenen Dimensionen der Synodalität zu Tage förderte: den Bruch mit dem Bestehenden, die Bewegung, die Arbeit an sich selber und die Qualität in der Beziehung zu anderen.

Was braucht es, um synodal Kirche zu sein und immer mehr zu werden? Auch hier spannen die erarbeiteten Leitsätze ein weites Feld auf (siehe Kästchen weiter unten). Doch sie weisen alle in die gleiche Richtung: Es gilt, nicht länger zu zögern und sich gemeinsam aufzumachen.

Ohne Wanderkarte aber mit klarem Ziel: mutige Veränderungen

Eine wichtige Erkenntnis auf dem bisherigen Weg in Deutschland: Es braucht Entscheide, nicht immer können Lösungsansätze nochmals geprüft oder wissenschaftlich vertieft werden. «Das Ganze darf nicht zur nächsten Gesprächstherapie fürs Kirchenvolk werden. Es muss etwas rauskommen – wenn nichts passiert, ist es schlimmer als vorher.»

Noch steht ein langer Weg bevor, da waren sich die Mitwirkenden einig. Und es braucht Mut, zumal es weder Wegbeschreibungen noch Patentrezepte gibt. Kraft gibt die Botschaft Christi. So sprach RKZ Präsidentin Renata Asal-Steger wahrscheinlich vielen aus der Seele: «Die Kirche liegt mir am Herzen. Weil wir eine Botschaft haben, die den Menschen guttut. Eine Botschaft, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Das spornt mich an.»

Um eine Veränderung in Gang zu setzen, braucht es nicht von Anfang an Einigkeit, wichtig ist die gemeinsame Richtung und der Wille zu handeln. Daniel Kosch knüpfte in seinem Schlusswort am Leitmotiv an, das dem RKZ Fokus 2021 zugrunde liegt: Vorwärts geht es nur miteinander. Und nur, wenn sich die Kräfte nicht im Pingpong erschöpfen – zwischen den Sprachregionen, im dualen System, zwischen oben und unten. «Wir können den synodalen Weg nicht delegieren, nicht an Rom oder die Bischöfe, nicht an die RKZ, nicht an den heiligen Geist.» Er schloss mit dem Gebet von Theresa von Avila «Gib uns ein Herz, gross um zu lieben und stark um zu kämpfen» und dem Wunsch, dass ein Kampf im Sinn konstruktiver Auseinandersetzungen und leidenschaftlichen Engagements für den gemeinsamen Aufbruch möglich werde.

Synodalität in all ihren Facetten

Der synodale Weg in Deutschland stellt die Anerkennung von Grundrechten, Fragen um Macht und Gewaltenteilung ins Zentrum. «Es geht um Gleichberechtigung und es geht um die Rechtssicherheit. Ausdrücklich geht es um die Gleichberechtigung von Frauen. Kein Wunder, dass eines der grossen Streitthemen die Frage sein wird, wie sich der synodale Weg zur Zulassung der Frauen (und nicht «alle Geweihten» zu den) zu allen Weiheämtern verhält.»

Das Waadtländer Projekt hingegen versteht die Pfarrei als «Labor der Synodalität» für die ganze Kirche. «Wir leben Synodalität von unten. Im Zentrum steht die Frage: Wie schaffen wir es, die Getauften zu Protagonisten zu machen?» Das Vorhaben hat mit Pastoralteams begonnen, die sich für das Pilotprojekt engagieren. Es erfordert sowohl die Bereitschaft zuzuhören, als auch den Mut zu wahrhaftigem Sprechen. Im Fokus steht das kirchliche Leben vor Ort. Angestrebt wird eine Synodalität, die von der Basis her wächst und alle beteiligt.

Leitsätze aus den Tischgesprächen

In zehn Tischgruppen vervollständigten die Teilnehmenden Leitsätze mit gleichem Satzbeginn und wählten für das Plenum einen aus. Dabei unterschied sich die Wortwahl der deutschsprachigen Gruppen von jener der französischsprachigen, weshalb die Originalsprache in Klammern angefügt ist.

Um synodal Kirche zu sein und immer mehr zu werden …

  • …braucht es die Reform des Kirchenrechts, vor allem das Konzept der sacra potestas muss gesprengt werden. (d)
  • …braucht es einen verbindlichen Prozess, welcher heute beginnt. (d)
  • …braucht es Kontinuität, Freiraum, Gleichberechtigung und Kreativität. (d)
  • …braucht es weniger Weltkirche und mehr Ortskirche. (d)
  • …empfangen wir die Liebe Christi, machen sie zum Herzen der Kirche und leben daraus, indem wir unsere Gastfreundschaft nicht an Bedingungen knüpfen, zuhören und verzeihen, eine Vertrauenskultur entwickeln und indem die kirchlichen Autoritäten die Zügel lockerlassen und innovative Experimente mit der Vielfalt der Getauften ermöglichen, die gut begleitet und durch entsprechende Bildungsangebote unterstützt werden. (f)
  • …entscheiden wir in Verantwortung und warten nicht. (d)
  • …müssen die Ortskirchen mehr Kompetenzen bekommen. (d)
  • …müssen wir die gemeinsame «Ratlosigkeit» anerkennen und miteinander losgehen. (d)
  • …müssen wir nach aussen gehen, Entscheidungen konkretisieren. (d)
  • …verbünden wir uns mit dem Leben, verbinden wir unsere Unterschiedlichkeiten um eine Gemeinschaft aufzubauen, die von Christus her ausstrahlt und brechen wir nicht die Brücken zu jenen ab, mit denen die Beziehung schwierig ist. (f)

Daniel Kosch, Generalsekretär der RKZ

Synodalität im Kleinen | © Vera Rüttimann
RKZ Römisch-katholische Zentralkonferenz
16. September 2021 | 15:17