KAB SG, 21.02.2018, 14:11

Ethik-Talk: «Fragen nach einem gutem Sterben gehen jedermann an».

Medienmitteilung

St. Gallen. – Zum zweiten Mal fand am Donnerstag den 15. Februar 2018 im Festsaal St. Katharinen, dem Tag nach Aschermittwoch, ein von der Christlichen Sozialbewegung KAB SG organisierter «Ethik-Talk in der Stadt» statt. Diesmal mit dem Thema «Was heisst gutes Sterben für mich»? Es wurde der Frage nachgegangen, wie auf den Einzelnen mit seinen je eigenen medizinischen, psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnissen am Lebensende eingegangen werden kann. Mit diesem öffentlichen Podium wollte man in den Fragen um «gutes Sterben» zur Werte-Orientierung beitragen. Was kann die Palliativmedizin? Welche Voraussetzungen und Grenzen hat Selbstbestimmung? Was kann gutes Sterben für die Angehörigen bedeuten?

Dr. med. Daniel Büche, Leitender Arzt des Palliativzentrums des Kantonsspitals St. Gallen und Dr. theol. Thomas Wallimann, Leiter des Sozialethischen Instituts «ethik22», hielten zu Beginn je ein Kurzreferat. Anschliessend fand ein von Prof. Dr. med. Christian Kind geleitetes Podiumsgespräch mit Vreni Bärtsch, Pflegefachfrau, Matthias Angehrn, Klinik- und Heimseelsorger, und den beiden Referenten statt.

Norbert Ackermann von der KAB hiess die über 100 Zuhörer und Zuhörerinnen willkommen. Einleitend sagte er, der «Ethik – Talk» sei jeweils bewusst am Tag nach Aschermittwoch. Das Thema «Was heisst gutes Sterben» gehe jeden an. Die Sterbehilfeorganisation Exit habe letztes Jahr über 10’000 neue Mitglieder gewonnen, die 68’er wollen immer mehr selbstbestimmt sterben. Im Gegensatz dazu habe er erfahren, dass der Bruder von Papst Benedikt XVI. jeden Tag für sich und seinen Bruder um eine gute Sterbestunde bete.

Dr. Christian Kind bemerkte anschliessend, dass Sterben und Tod keine Tabus seien, sie seien Themen in unserer Gesellschaft. Gehe es um den persönlichen Tod, bestehe dann eine Hürde. Der stattfindende Abend könne diese Hürde etwas kleiner machen. Heute stehe die Autonomie im Vordergrund. Autonomie bedeute eigentlich, einen Weg zu finden, der zu sich selbst passt.

Der Tod ist nicht machbar.

Dr. Daniel Büche hielt das erste Kurzreferat. Er hat jeden Tag mit diesen Fragen zu tun. Gutes Sterben, gibt es das überhaupt? Für wen gut? Zuerst für den Sterbenden. Da gehe es zuerst um die Schmerzen, dann um die Einsamkeit.

Wie gehen wir nun konkret, in Realität mit dem Sterben um? Viele hoffen, im Schlaf sterben zu dürfen. Gute Medikamente reichen nicht. Der Tod ist nicht machbar. Soll man zum Beispiel eine Lungenentzündung am Ende des Lebens noch behandeln? Der Arzt ist nicht Herr über Leben und Tod. Des Weiteren sei der Mensch auch ein Sozialwesen. Ein Drittel aller Haushalte sind Ein-Person-Haushalte. Menschen können sterben, ohne dass es jemand bemerkt. Nicht Selbstbestimmung steht deshalb im Vordergrund, sondern Mitbestimmung. Wesentliche Begriffe sind Palliativ, was Sorge tragen um den Menschen heisse. Dann Bescheidenheit, was der Arzt bieten kann, soziale Beziehung und Respekt vor dem Göttlichen. Mitmenschlichkeit betont den sozialen Aspekt, Autonomie sei wichtig vor allem im spirituellen Sinn.

Der Mensch im Zentrum.

Thomas Wallimann fragte im zweiten Kurzreferat ganz konkret: «Was ist ein guter Tod»? Dazu gehöre: In Frieden gehen können; Menschen dabei haben, die einem lieben; Würdevoll die letzten Stunden, besonders nach schmerzvoller Zeit; Die Kontrolle haben; Wissen, dass mein Leben nicht sinnlos war, dass die Dinge geregelt sind. Letztendlich sind aber die Umstände nicht programmierbar. Die Situation ist immer einmalig, speziell. Auch Patientenverfügungen regeln nicht alles. Welchen gesellschaftlichen Zwängen ist man da ausgesetzt?

Sozialethisch gesehen gehe es darum, wie gestalten wir Strukturen, damit Menschen gut sterben können. Im Sinne des Christentums ist, dass wir uns das Leben nicht selbst gegeben haben, dass ich nicht alles tun muss, sondern getragen bin, auch am Lebensende. Im Zentrum muss der Mensch stehen. Solidarität bedeute die Frage, wer sind die Schwächsten in diesem System. Es gelte, eine Gesellschaft aufzubauen, in der es auch den Sterbenden gut geht. Sich von Gott getragen fühlen, aber auch alles machen für ein gutes Sterben.

Loslassen und Abschied nehmen.

Im anschliessenden Podiumsgespräch bemerkte die Pflegefachfrau Vreni Bärtsch, dass viele zu Hause sterben möchten. Das sei vielfach nicht möglich. Auch im Spital könne man gut sterben, zum Beispiel im Sterbehospiz. Man müsse sich verabschieden können. Das bedinge, dass man sehr offen ist. Auch Versöhnung sei wichtig, ein Beziehungsnetz haben. Die Krankheit annehmen, dann komme das Loslassen und das Abschiednehmen.

Der Klinik- und Heimseelsorger Matthias Angehrn verwies auf die «Ars moriendi» im Mittelalter. Man müsse ein Leben führen, das zu einem guten Sterben beiträgt. Ist der Tod nun Ziel oder Ende? Beerdigungen helfen, sich mit dem Tod zu beschäftigen. Man sollte einiges wissen, wie das Sterben funktioniert. Sterben ist ein dichter Vorgang, nicht nur eine medizinische Angelegenheit.

Dr. Christian Kind fragte, was man machen könne, damit mehr Menschen zu Hause sterben können. Man sei auf einem guten Weg. Zurzeit stirbt die Mehrheit allerdings im Pflegeheim (37%) und im Spital (30%). Je spezialisierter ein Arzt sei, desto weniger Medikamente brauche es. Sedation brauche man eigentlich selten. Je schlechter der Arzt, desto mehr Medikamente werden gegeben. Das Sterben sei wie das Leben.

Bei Fragen aus dem Publikum wurde auch die Todesangst thematisiert. Alle oder fast alle haben Angst vor dem Tod. Auch eine religiöse Haltung befreit nicht unbedingt von Angst. Eindruck machte die Geschichte eines Arbeitnehmers, der nicht nach Haus gehen durfte, als der Vater im Sterben lag. Das sollte nicht vorkommen. Trost spendete die Ansicht einer Frau, die die Ungewissheit vor dem Tod mit der Ungewissheit vor der Geburt ihres ersten Kindes verglich. Geburt und Tod sind tatsächlich nahe beieinander.

Allerdings können Menschen an Sterbebetten an ihre Grenzen kommen, besonders wenn der Sterbende dauerhaft stöhnt oder keine Luft bekommt. Als Folge davon ist es leider so, dass viele Angehörige von Menschen in Pflegeheimen nicht etwa sofort benachrichtigt werden wollen, wenn der Tod naht. Bitte gebt uns erst Bescheid, wenn alles vorbei ist, werde häufig verlangt. Mit diesen Bemerkungen ging das Podiumsgespräch zu Ende.

Theodor Looser, Freier Journalist, Altstätten

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