Tages-Anzeiger, 20.05.2005, 00:00 closed

Die kleinen jüdischen Gemeinden sterben aus

Von Sibylle Stillhart

Dieser Betsaal» , sagt Louis Hornung und deutet auf die leeren Holzbänke, «wird nur noch viermal im Jahr gebraucht.» An den hohen Feiertagen komme extra ein liberaler Rabbiner aus Zürich angereist, um aus der Thora zu lesen. Ansonsten, sagt der Präsident der jüdischen Gemeinde Kreuzlingen, sei der Raum so leer wie heute. Gerade noch vier Familien – das sind 18 Mitglieder – gehören der Gemeinde an. Den harten Kern bilden aber nur noch vier Personen, die sich alle im fortgeschrittenen Alter befinden. Deren Kinder und Enkel seien längst aus dem Thurgau ausgeflogen. Der 83-jährige Witwer zuckt mit den Schultern: «Das ist der Lauf des Lebens, da kann man nichts dagegen tun.» Man müsse sich wohl damit abfinden, dass die kleine Gemeinde in nächster Zeit aussterben werde.

Die Gemeinde wurde im Jahre des Kriegsbeginns, 1939, gegründet. Zuvor hatte sich das jüdische Leben vorwiegend im benachbarten Konstanz abgespielt. «Während der Nazi- Zeit flüchteten viele Juden aus Deutschland hierher» , sagt Hornung. Die meisten reisten allerdings weiter in die USA, in das damalige Palästina. Oder nach Haiti. «Arme Länder nahmen die Flüchtlinge aus Europa gerne auf.» Hornung selbst leistete während der Kriegszeit Militärdienst; er blieb von antisemitischen Übergriffen verschont. «Ich fühlte mich nie benachteiligt» , sagt er. Am Ende des Zweiten Weltkriegs umfasste diese Gemeinde 130 Mitglieder. «Damals war der Betsaal oft bis auf den letzten Platz gefüllt.»

Rückgang um 15 Prozent in 30 Jahren

Wie in Kreuzlingen haben die meisten jüdischen Gemeinden der Schweiz massive Nachwuchsprobleme. Gaben 1970 bei der Volkszählung noch 21000 Personen an, jüdischen Glaubens zu sein, waren es im Jahre 2000 noch knapp 18000. Im Klartext: In 30 Jahren hat sich die jüdische Bevölkerung hier zu Lande um 15 Prozent verkleinert.

Vor allem in ländlichen Gebieten spürt man die abnehmende Zahl gläubiger Juden empfindlich. «Der Mitgliederbestand der jüdischen Gemeinde wird leider stetig kleiner» , schrieb Werner Meyer- Moses, Vorsteher der Israelitischen Cultusgemeinde Bremgarten AG, schon vor über zehn Jahren in einem Aufsatz. «Trotz der betrüblichen Tatsache hält die Minigemeinde zusammen» , hielt er damals fest.

Seither hat sich die Situation weiter verschlimmert. «Heute zählen wir gerade noch acht Seelen» , sagt der 81- Jährige. Zudem sei man seit zehn Jahren erfolglos auf der Suche nach einem neuen Betlokal. «Mittlerweile» , sagt Werner Meyer, «wird das Judentum in Bremgarten eigentlich nur noch in unserer Familie gelebt.» Auch die meisten Städte verzeichnen einen Mitgliederschwund: St. Gallen zählt nur noch 130 Mitglieder – in den 1950er- Jahren gehörten 1300 Juden der Gemeinde an. Seit der Niedergang der Textilindustrie vor 50 Jahren begann, wanderten die Juden aus der Stadt ab. Inzwischen, sagt Rabbiner Hermann Schmelzer, sei die Synagoge, obwohl erst kürzlich restauriert, nur noch spärlich besucht. Auch um den Nachwuchs ist es schlecht bestellt: Gerade noch zehn Kinder gehören der Gemeinde an.

Basel weist gerade noch 1600 Seelen auf, obwohl die Infrastruktur der jüdischen Einrichtung doppelt so viele Leute versorgen könnte. Um der Abwanderung entgegenzuwirken, wurde man hier bereits einmal aktiv: Als sich Argentinien vor drei Jahren in einer schweren Wirtschaftskrise befand, hielt man Ausschau nach möglichen jüdischen Zuzügern, die von Südamerika nach Basel dislozieren wollten. «Leider erwies sich unser Vorhaben weit gehend als Fehlschlag» , sagt René Spiegel, Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel. «Nur wenige waren genügend qualifiziert, um hier in der Pharma- oder Chemieindustrie arbeiten zu können.»

Ungutes Gefühl in der Schweiz

Gründe für den Rückgang gibt es viele: «Ältere Mitglieder sterben, und die Jungen lassen sich dort nieder, wo sie interessante Stellen finden» , meint René Spiegel. In vielen Fällen sei das Zürich. Zudem führe oft eine Ehe mit einem nicht jüdischen Partner dazu, aus einer Gemeinde auszutreten. Andererseits sehen Leute mit religiösem Hintergrund ihre Zukunft eher in Israel. Auch den Basler Marcel Hess zog es nach Jerusalem: Seit der in den 1990er- Jahren geführten Debatte um die nachrichtenlosen Konti bei Schweizer Banken fühlte er sich nicht mehr wohl in der Schweiz, sagte er unlängst der «Basler Zeitung» . Heute betreibt er in Israel ein Geschäft mit koscheren Wurstwaren. Und ist dort beileibe nicht der einzige Eidgenosse.

«Rund 12000 Schweizer Juden leben bereits in Israel» , sagt Alfred Donath, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds. Im Vergleich zu den 18000 Juden in der Schweiz eine beachtliche Anzahl. Und der Trend hält an.

Für David Krammer ist Israel keine Alternative. «Dort wäre es für mich zu heiss» , sagt der Heimleiter, während er durch das Israelitische Alters- und Pflegeheim in Lengnau AG führt. Es ist kurz vor Mittag, in der Küche herrscht Hochbetrieb. Der Koch, der kein Jude ist, erteilt Anweisungen, und der täglich anwesende Koscherinspektor – ein älterer Herr mit schwarzer Kippa und weisser Schürze – achtet peinlichst genau darauf, dass Fleisch- und Milchprodukte getrennt zubereitet werden. Das Verbot, ein Zicklein in der Milch seiner Mutter zu kochen, bildet den Ursprung der Speisevorschrift, an die sich orthodoxe Juden halten. «Das ist auch der Grund, weshalb wir getrennte Kühlschränke und Waschmaschinen haben» , erklärt Krammer.

Seit drei Jahren führt der gebürtige Holländer zusammen mit seiner Frau das Alters- und Pflegeheim im Aargauer Surbtal. Die Arbeit hier sei genau richtig für ihn. Krammer hat eine Mission: «Ich möchte die kleine jüdische Gemeinde hier vom Aussterben bewahren.» Wohl ein frommer Wunsch, denn David Krammer, seine Frau und die beiden Kleinkinder bilden nur mehr die einzige orthodoxe jüdische Familie, die im 4500- Seelen- Dorf Lengnau lebt. Was nicht immer einfach sei, sagt Krammer. «Es ist schon vorgekommen, dass ich mit einem Hitlergruss gegrüsst worden bin.»

Aargauer Judendörfer

Dabei waren Lengnau und sein Nachbardorf Endingen Ende des 18. Jahrhunderts die einzigen so genannten Judendörfer der Schweiz. Damals durften sich Personen jüdischer Herkunft nur im Aargauer Surbtal niederlassen. Rund 1500 Juden wohnten damals in dieser Gegend; heute sind es gerade noch 40 Mitglieder, die der jüdischen Gemeinde Endingen/ Lengnau angehören. Obwohl noch heute die stattlichen Synagogen in Lengnau und Endigen die Dorfzentren bilden, ist das jüdische Leben auch hier bald Vergangenheit. Die Abwanderung nach Baden und Zürich begann bereits, als die Aargauer Juden 1874 die volle bürgerliche Gleichstellung erhielten. Inzwischen dienen die Synagogen im Surbtal vermehrt als Museen; nur noch in Ausnahmefällen werden dort Gottesdienste abgehalten. Und der Rabbiner, heute im Nebenamt, besucht von Zürich aus die Gläubigen im israelitischen Altersheim.

Auch dort macht sich der demografische Wandel bemerkbar: Das erste jüdische Altersasyl der Schweiz wurde um 1900 ausschliesslich von betagten Juden bewohnt. Von den insgesamt 56 Bewohnern sind inzwischen gerade noch elf jüdischen Glaubens. «Bei uns wird jede Religion akzeptiert» , sagt David Krammer.

Auf das friedliche Zusammenleben sei man besonders stolz. Doch, sagt er, wird das Altersheim strikt nach jüdischen Regeln geführt. So käme es niemals vor, dass beispielsweise Schweinefleisch serviert werde. Allerdings könne in den Zimmern jeder machen, was er möchte.

Die Sogwirkung von Zürich

Auch wenn die Anzahl gläubiger Juden in der Schweiz grundsätzlich sinkt – in Zürich sieht es anders aus: «Zürich hat für viele eine Sogwirkung» , sagt Marcel Ebel, Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich (ICZ). Hier finde man eher Arbeit; zudem verfüge die ICZ – mit ihren rund 3000 Mitgliedern die grösste Gemeinde der Schweiz – über eine umfassende Infrastruktur. Kindergarten, Schule, Religionsunterricht gehören zum Angebot, was für viele Juden ein Grund sei, der ICZ beizutreten. Doch Ebel ist klar: Hätte man keine Zuzüger, würden die Zahlen auch sinken.

Von einer «leichten Zunahme» kann auch die Israelitische Religionsgesellschaft Zürich (IRGZ), eine orthodox geführte Gemeinde mit ungefähr 350 Mitgliedern, reden. «Wir führen dies vor allem auf unsere kinderreichen Familien zurück» , sagt IRGZ- Präsident José Rhein.

Auch die liberale jüdische Gemeinde Or Chadasch konnte in den letzten 20 Jahren einen Zuwachs von 100 auf 530 verzeichnen. «Das hat damit zu tun, dass bei uns Frauen und Männer die gleichen Rechte und Pflichten haben; zudem akzeptieren wir die Mischehen» , sagt Präsidentin Nicole Poëll. «Vor allem für jüngere Juden sind wir eine Alternative, weil wir uns der modernen Gesellschaft anpassen.» Was aber nicht heisse, fügt Poëll an, dass man weniger religiös sei.

Für Louis Hornung aus Kreuzlingen sind diese Entwicklungen logisch. «Grosse Gemeinden können den Jungen etwas bieten» , sagt er. Da habe er auf dem Land keine Chance. «Dafür» , sagt er, und seine Augen blitzen, «haben wir in Kreuzlingen den schönsten jüdischen Friedhof der Schweiz.» Ist das Wetter gut, sieht man vom Friedhof in Bernrain, etwas oberhalb von Kreuzlingen, weit über den Bodensee hinaus, manchmal sogar bis nach Bregenz.
Auf dem Land verschwinden jüdische Gemeinden. Die Jungen wandern ab – nicht nur in die Städte: Bald könnten in Israel so viele Schweizer Juden leben wie in der Schweiz.

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