Horizonte, 11.04.2016, 09:00

«Amoris laetitia» – Streit um Interpretation hat bereits begonnen

Knapp 200 Seiten veröffentlichte Papst Franziskus am vergangenen Freitag, 8. April 2016, als Abschlussdokument zur Familiensynode über Ehe, Sexualität und Familie. Die Reaktion fallen unterschiedlich aus.

Andreas C. Müller. «Amoris laetitia» ist ein Dokument der feinen Töne – typisch für Papst Franziskus. Die klaren Zeichen setzt er im Zwischenmenschlichen – und wird es kommendes Wochenende in Lesbos wohl wieder tun. Aber auch in dogmatischen Fragen folgt der Argentinier seiner Logik der Barmherzigkeit – mit viel Fingerspitzengfühl für den Spagat zwischen Hardlinern und Reformern. Seine Aussagen fallen in seinem jüngst veröffentlochten Lehrschreiben entsprechend vage aus. Dass das all jene, die klare Signale erhofft hatten, enttäuschen wird, zeichnet sich bereits ab.

Chur warnt, Basel zeigt sich erfreut

Der Sittener Bischof Jean-Marie Lovey sprach namens der Schweizer Bischofskonferenz SBK von einem «Weg des Unterscheidens und Begleitens.» Und: Das «Unterscheiden» müsse über einer katalogisierten Wahrheit stehen. Der Bischof verwies in seiner Stellungnahme überdies auf eine Textstelle zu Personen, die in komplexen, «irregulären» Situationen lebten. Dort heisse es: «Die Logik der Integration ist der Schlüssel ihrer pastoralen Begleitung… Sie sind Getaufte, sie sind Brüder und Schwestern, der Heilige Geist giesst Gaben und Charismen zum Wohl aller auf sie aus.»

Der Basler Bischof Felix Gmür zeigte sich erfreut über den Inhalt des Schreibens von Papst Franziskus zu Ehe und Familie. «Der Papst geht darin von der Wirklichkeit aus», so Felix Gmür. Nach dem Willen des Papstes müsse die «komplexe Wirklichkeit», die oft eine andere sei als die idealtypische, unterschieden und berücksichtigt werden. «Das ist ein Weg der Liebe und der Öffnung», so der Bischof.

Anders beurteilte dies der Churer Generalvikar: Die pastorale Praxis dürfe im Einzelfall nicht die Lehre der Kirche übergehen. Das würde der Glaubwürdigkeit der Kirche schaden, so Martin Grichting. Gleichwohl: Die Zeiten, wo die Römisch-Katholische Kirche in Fragen der Sexualmoral und Ehe verurteilt, scheinen – zumindest vorläufig – vorbei.

Die Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur, Eva-Maria Faber, erklärte gegenüber Radio SRF, dass sie in dem päpstlichen Schreiben einen neuen Ansatz erkenne. Die Wirklichkeit habe Vorrang vor der Idee – den Normen und Gesetzen. Die individuelle Situation der Gläubigen solle künftig stärker gewichtet werden. «Eine neue Aussage ist beispielsweise, dass nicht das Zerbrechen jeder Ehe eine schwere Sünde ist.» – Die Unterstützung der Betroffenen und deren Wiedereingliederung in die Glaubensgemeinschaft beinhalte auch den Empfang der Kommunion. «Wenn in der Vergangenheit immer wieder betont wurde, dass eine Wiederzulassung für die Betroffenen zur Kommunion nicht möglich ist, so sind die aktuellen Aussagen von Papst Franziskus ein Durchbruch in dieser Frage.»

«Franziskus knallhart»

Er erteile der Home-Ehe eine Abfuhr, geissele die freie Geschlechterwahl und wolle keine neuen Regeln für wiederverheiratete Geschiedene, urteilte der «Blick» als eines der ersten säkularen Medien über das neue päpstliche Lehrschreiben und titelte: «Franziskus knallhart». Peter Röthlisberger, Chefredaktor des «Blick», ruderte demgegenüber etwas zurück: Der Papst räume den Seelsorgenden mehr Spielraum ein, auch wenn er an den Fundamenten der katholischen Familienlehre nicht rüttle. Gleichwohl betonte der «Blick»-Chefredaktor: Der Papst vertrete wie alle seine Vorgänger die konservativen Werte, die seine Kirche seit 2000 Jahren prägen. «Auf allen Seiten Kompromisse einzugehen, heisst, die eigene Marke zu verwässern. Das wird der katholischen Kirche nicht passieren. Mit Machterhalt kennt sie sich aus», so Peter Röthlisberger.

Aus der Sicht der Basler Zeitung bleibt das Abschlussdokument oft vage. Der Papst biete keine einfachen Handreichungen oder strikte Anweisungen. Auch werde das kirchliche Lehrgebäude nicht eingerissen, allerdings öffne Franziskus «Räume, wo vorher keine waren». Enttäuschen dürfte das Dokument alle, die eine Revolution vom Haupt der katholischen Kirche erwartet hätten, und zugleich alle, die sich eine komplette Absage an Veränderungen erhofft hatten.

Enttäuschung für Homosexuelle

Für die «Aargauer Zeitung» rüttelt Papst Franziskus nicht grundsätzlich an der bisherigen Lehre, schlägt aber neue Töne an. Der Italien-Korrespondent der Zeitung, Dominik Straub, schreibt, der Papst wolle keine andere Lehre, sondern eine andere Haltung der Kirche. Er fordere Respekt und Mitgefühl auch für Gemeindemitglieder, die vom Pfad der katholischen Tugend abgewichen seien, und öffne auch inhaltliche, für die Praxis wichtige Spielräume. So sollten künftig die Ortsbischöfe entscheiden können, ob und unter welchen Bedingungen wiederverheiratete Geschiedene am kirchlichen Leben und an den Sakramenten teilnehmen können. Im Grunde «legalisiert» der Papst damit letztlich eine Praxis, die in vielen Diözesen ohnehin üblich ist.

Für die «Neue Zürcher Zeitung» können sowohl Reformer wie Bewahrer eine Bestätigung ihrer Positionen aus dem Dokument herauslesen. Das Schreiben stehe nicht für einen Kurswechsel in strittigen Fragen der Ehe- und Sexualmoral. Eine grosse Enttäuschung müsse das Schreiben des Papstes demnach für homosexuelle Menschen darstellen. Die Situation von gleichgeschlechtlichen Paaren komme so gut wie nicht vor. Insgesamt spiegle das Schreiben des Pontifex den Widerstreit der Bischöfe an der Familiensynode wider. Die Zeit des römischen Rigorismus scheine aber vorbei zu sein.

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