Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Religiöse Sondergruppen ("Sekten") und (neu)religiöse Weltanschauungen - eine Herausforderungen an die Seelsorge

Referat anlässlich der Sitzung der SBK in Einsiedeln 4. Juni 2002

Die Welt der Religionen, der religiösen Sondergruppen ("Sekten") und der Neuen religiösen Bewegungen (NRB) ist in ihrer Vielfalt mit circa 1 000 unterschiedlichen Gemeinschaften in den deutschsprachigen Ländern präsent und macht - selbst in konfessionell mehrheitlich geprägten Regionen - einen deutlichen Wandel des Religiösen in den letzten Jahren deutlich, der aufzeigt:

  • Dass die christlichen Kirchen (römisch-katholisch; evangelisch-lutherische/-reformierte Kirchen) das Monopols der Lebens- und Sinndeutung verlieren oder schon verloren haben
  • Und eine Entwicklung zu Mehrheits- und Minderheitsreligionen stattfindet. Diese wird sichtbar auch im Wandel der Frömmigkeit im Dorf-, Stadt- und Citybild ( z.B: wo früher eine Fronleichnamsprozession stattgefunden hat, kann man heute einer Krishna-Prozession zum hinduistischen Mondfest begegnen).
  • Dazu kommt eine sich verbreitende Säkularisierung und eine Verdunstung des Christlichen aus dem Alltagsleben. Die Prägung einer Gesellschaft durch eine zunehmenden Zahl an Konfessionslosen ist ein weiterer Ausdruck dieser Entwicklung. Gerade für Deutschland bedeutet dies, dass seit dem Fall der Mauer circa 1/3 der Bevölkerung konfessionslos ist; in den grossen Städten der Schweiz wie z.B. Basel sind durch Kirchenaustritte ähnliche Zahlen anzutreffen.
  • Ein neues Selbstbewusstsein der freikirchlichen evangelikalen Gemeinschaften und christlichen Sondergemeinschaften (Sekten) ist in deren Auftreten in der Öffentlichkeit wahrzunehmen. Dies zeigt sich im Bau von Gemeindezentren und in einer verstärken Mission wie auch in der Bereitschaft, Rechtsmittel zur Anerkennung der Gemeinschaft und deren Interessen einzusetzen. Deutlich wird auch, dass einige Sondergruppen bemüht sind, ein ökumenisches Gespräch mit Vertretern der Kirchen oder ökumenischer Gremien (AGCK´s) zu beginnen (z.B. Siebenten Tags Adventisten; Neuapostolische Kirche), während andere Gemeinschaft sich um staatliche Anerkennung bemühen (Zeugen Jehovas) und bereit sind, Öffnung auf die Gesellschaft hin zu wagen.
  • Im Christentum entwickelt sich in den deutschsprachigen Ländern ein über- oder besser vorkonfessionelles Netzwerk charismatisch-pfingstlerischer Gemeinschaften und Bewegungen (z.B. Campus für Christus) mit einem ausgeprägten Willen zur Mission und zum Bekenntnischristentum. Missioniert wird auch unter christlichen Kirchen ("es kann auch Christen in den Konfessionskirchen geben"). Es ist ein Bekenntnis zu Jesus: ja - aber keine Entscheidung für eine Konfessionskirche, die eher als Hindernis angesehen wird. In diesen Gemeinschaften finden wir häufig antikatholische Stellungsnahmen und eine Ablehnung der kirchlichen Struktur. Gemeinde ist die Gemeinschaft vor Ort.
  • Die Menschen in den deutschsprachigen Ländern hinterfragen die Stellung und Privilegien der Kirchen innerhalb der Gesellschaft. Sie nehmen die christlichen Konfessions-Kirchen in ihrer Vielgestaltigkeit neu wahr (neue religiöse Gemeinschaften in den Kirchen, z.B. die "Movimenti" in der römisch katholischen Kirche). Sie fragen aber gleichzeitig: gibt es "Sekten" in der Kirche?.
  • Andererseits entfachen sie die Diskussion um eine neue Religionsgesetzgebung und um die Trennung/Entflechtung von Kirche und Staat zugunsten einer Vielfalt der Religionen.
  • Zahlen der Volkszählung 2000 (1990) für die Schweiz:
    Evangelisch-reformiert/incl. Freikirchen: 37 (40)%; röm.kath.:44 (46)%; christlich-orthodox 1,9 (1)%; Muslime 2,2 (4,5)%; Judentum 0,3%: Konfessionslos 12 (7,4)%;

Staatliche Auseinandersetzung in der Schweiz als Beispiel:

  1. Bericht der Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Nationalrates 1999: "Sekten oder vereinnahmende Bewegungen in der Schweiz": Vor dem Hintergrund des Gruppensuizids der Sonnentempler in der Schweiz hatte sich die GPK die Frage gestellt, ob hier der Bund nicht eine Aufgabe hat und wenn ja, wie diese wahrgenommen werden könnte. Ergebisse: Der Bundesrat soll (Art. 15 Abs 4 BV) eine Sektenpolitik formulieren, da eidgenössische wie kantonale Behörden in mannigfacher Weise mit Sektenproblemen konfrontiert seien. Die GPK fordert eine klare Haltung des Bundesstaates: Der Bund habe eine Koordinationsaufgabe administrativer wie inhaltlicher Art wahrzunehmen. Daneben fordert sie die Einrichtung einer Informations- und Beratungsstelle auf Bundesebene (gesamtschweizerisch, konfessionsunabhängig). In Einzelbereichen solle das geltende Recht ergänzt bzw. eine bessere Rechtssprechung gefördern werden.
  2. Stellungnahme des Bundesrates 29. Juni 2 000: Die Grundrechte stehen allen, auch religiös vereinnahmenden Gruppierungen zu; daher sieht der Bundesrat keine Notwendigkeit für eine spezifische Sektenpolitik. Er lehnt die Schaffung einer konfessionsunabhängigen Informations- und Beratungsstelle ab und verweist auf bestehende Beratungsstellen, u.a. der Kirchen. Prüfens- und förderungswert ist die gezielte Informationen an Schulen, Jugendorganisationen, Beratungsstellen u.a.; Förderung der interdisziplinären Forschung (Nationalfondsprogramme). Ebenfalls soll die (Religions-)gesetzgebung der Kantone im Einzelfall ausgeschöpft werden.
  • Die Individualisierung des Religiösen (ich bestimme meine Religion selbst) und die Privatisierung des Religiösen (ich lasse mir durch keine Institution in meine Glaubensauffassung und mein Glaubensleben hineinreden) führen zur Entkirchlichung des christlichen Glaubens und zur Krise kirchlichen Identität. Patchwork-Religiosität entsteht: ich stelle mir aus unterschiedlichen religiösen Traditionen meine Religion zusammen.
  • Nicht mehr nur "schismatische" Bewegungen ("Sekten") innerhalb des Christentums werden erfahren, die mit einem neuen Selbstverständnis auftreten, sondern weltweite "Religion" in grossen religiösen Netzwerken prägen die religiöse Situation der deutschsprachigen Länder. So werden:
  1. zunehmend die Weltreligionen in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit, in ihren Hauptströmen, aber auch in ihren Sondergruppen ("Sekten") wahrgenommen. Dabei wird die Präsens der Vertreter der verschiedenen nichtchristlichen Religionen (Buddhismus mit über vierzig unterschiedlichen Richtungen, ähnlich der Vielfalt im Hinduismus und vor allem im Islam, der zwischenzeitlich in allen deutschsprachigen Ländern neben der evangelischen und römischkatholischen Kirche die grösste Religionsgemeinschaft darstellt, sichtbar. Afrikanische oder lateinamerikanische unabhängige Kirchen (meist charismatisch-pfingstlerischer Prägung) und afro - amerikanische Gemeinschaften (Macumbe, Candomble)) haben sich im letzten Jahrzehnt angesiedelt. Sie sind durch die internationale Arbeiter- und Asylantenwanderbewegung gekommen und beginnen nach einer gewissen Zeit, ihre Religionsgemeinschaft (oft Heimat im fremden Land) zu etablieren, zu institutionalisieren und zu missionieren.
  2. b) Neue religiöse Bewegungen und Sondergemeinschaften ("Sekten"), häufig christlich geprägte Neuoffenbarungsgemeinschaften mit ProphetInnen (z.B. Fiat Lux ("Uriella"); Michaelsvereinigung Dozwil (Paul Kuhn; Universelles Leben....) und entwickeln sich im Rahmen eines Etablierungsprozesses. Mit der Zeit findet ein Prozess der Verkirchlichung dieser Gemeinschaften statt
  3. c) Auf der Suche nach religiöser und gesellschaftlicher Identität und wider eine spürbare Verunsicherung in der Gegenwart prägt der religiöse Fundamentalismus alle Religionsgemeinschaften und führt zu einem organisierten Netzwerk, das über die jeweilige Konfession oder gar Religion hinausgehen kann.
  4. d) Als weltweites Netzwerk versteht sich auch die Esoterik (früher: New Age), das im Symbol des Regenbogens die unterschiedlichsten Traditionen miteinander versöhnen und verbinden möchte. Mehrere Stichworte dazu: Suche nach Heilung führt zu unterschiedlichsten (Alternativ-)Therapien; Suche nach Antworten auf die Fragen nach Zukunft, Sinn und Glück führen zu unterschiedlichsten Angeboten für Sinnfindung und Zukunftsdeutung. Suche nach dem Geheimnisvollen führen zu einer modernen Patchworkmystik und unterschiedlichsten Formen der Meditation.
  5. e) Okkultismus, das Interesse an Magie, das sowohl neue Hexen als auch als neue Form den (Jugend-)satanismus aufleben lässt, verbunden mit Neogermanen- und Keltentum spiegeln weitere Aspekte dieser Vielfalt.

Eine neue Phase der Religionswahrnehmung wie auch der Religionskritik hat begonnen, die in den verschiedenen Ländern unterschiedlich wahrgenommen wird. Grundsätzlich hat sich die Stellung von Religion und die der christlichen Kirche(n) innerhalb unserer individualisierten wie säkularisierten Gesellschaft verändert und wird sie weiterhin mit zunehmender Geschwindigkeit verändern. Die Vielfalt religiöser Orientierung zwischen exklusiver Christlichkeit, anderen Weltreligionen und diffuser Religiosität wie der Synkretismus unterschiedlichster Prägung sind Merkmal eines religiösen Marktes heute, auf den die Kirchen in ihrer Arbeit zu reagieren haben.

Was ist das - eine "Sekte"?

In der Auseinandersetzung um "Sekten" werden unterschiedliche Begriffe verwendet, die deutlich machen, wie schwierig dieses Phänomen begrifflich zu fassen ist: Destruktive Kulte, Konfliktträchtige Religionsgemeinschaften, Vereinnahmende Bewegungen, Neue religiöse Bewegungen, Neue religiöse Wellen u.a. sind im Gebrauch.
Um zu verstehen, was eine "Sekte" ist, stellen die Beauftragten der Kirchen heute die Frage: was macht Religion krank. In der Schweiz benutzen wir heute dazu das Bild des "Sektenthermometers" mit seinen Temperatureinheiten:

  1. Normaltemperatur: ich bin/die Gruppe ist etwas Besonderes; ich engagiere mich, weil ich noch besser werden will/die Gruppe zum Erfolg kommen soll. Der Lehrer unterrichtet religiöse "Lebenskunde" und tritt mit dem Schüler in einen Dialog.
  2. Leicht erhöhte Temperatur: ich bin be-geist-ert: ich bin/die Gruppe ist besser als die Anderen; dass das so bleibt, dazu braucht es mein Engagement/die Gruppe muss zusammenhalten. Die Leute sollen das nur merken. Identitätsstiftende Merkmale werden wichtig.
  3. Es wird fiebrig: Mein Meister lehrt ein neues Menschsein - ich werde aufgefordert, mein früheres Leben aufzugeben. Ich gehöre nun zur besten Gruppe; was ich tue, sollen möglichst alle tun. Missionarischer Druck entsteht: ich muss andere davon überzeugen: allein diese Gruppe ist die richtige - in ihr ist Heil.
  4. Das Fieber steigt: nur ich/meine Gruppe hat das Heil/die Wahrheit: Die Lehre ist vollkommen und vom Himmel abgedeckt (himmlische Stimmen). Der Prophet ist allein "Werkzeug Gottes". Wer anders glaubt/lehrt, ist verloren. Wer nicht mitmacht, ist verloren. Die Aussenwelt/meine frühere Welt (Eltern, Ehepartner, Kollegen) ist dämonisch, ebenso alle anderen Religionen. Das Datum meiner Konversion/meines Eintritts in die Gruppe entscheidet mein Leben; ich kann neu in Hell (das jetztige Leben) und Dunkel (das frühere Leben) unterscheiden.. Identitätsmerkmale bestimmen das Leben im Alltag (neuer Name, besondere Kleidung, spezielle Nahrung). Jede Kritik ist für mich/ für die Gruppe gefährlich. Das Verhalten des Einzelnen wird kontrolliert. Strafmassnahmen werden verfügt.
  5. Vom Fieber zum Kollaps: der Meister ist göttlich; ich allein bin nichts. Von mir wird Ich-losigkeit verlangt. Wir als Gemeinschaft sind allein selig machend, uns gehört der Himmel allein; alles andere ist zu verdammen. Ungläubige (besonders die des früheren Lebens - Eltern, Geschwister, Freunde) sind zu meiden, ja zu bekämpfen; Unglaube ist Dämonie, ist Verschwörung gegen die Gruppe. Isolation der Gruppe von der "Welt" wird verlangt. Nur diese Gemeinschaft allein hat (Über-) lebensrecht (Arche Noah). Beruht kann ich dem nahen Weltuntergang entgegensehen, denn ich werde gerettet werden. Heiliger Krieg ist legitim, Martyrium als Leiden für den Glauben führt ins Paradies; ebenso kann Selbstmord als Suche nach der anderen, besseren Welt = Paradies legitim sein.
  6. Untertemperatur: ich gehöre auf dem Papier der Gemeinschaft/Kirche an, nehme - weil ich dafür Kirchensteuer bezahle - die Dienstleistungen der Gemeinschaft (z.B. Taufe, Firmung, Ehe, Sterbebegleitung und Beerdigung) - in Anspruch. Ich entferne mich jedoch zusehens. Die Gemeinschaft wird mir gleichgültig. Ich trete aus.

Neuere Literatur zum Thema "Sekten - Neue religiöse Bewegungen"

Allgemeine Literatur - Auswahl

Gasper H. - Müller J. - Valentin F., Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen, 7. überarbeitete Auflage, Herder Spektrum 5228, Freiburg 2001.

Handbuch der Evangelistisch-missionarischen Werke, Einrichtungen und Gemeinden, Stuttgart 1997.

Hempelmann R.(Hg), Panorama der neuen Religiosität, Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jh., Gütersloh 2001.

SPI - Kath.AGNRB (hg.), Neue Gruppierungen im Schweizer Katholizismus, Zürich 2000.

Müller J. (hg.), Informationen zur neuen religiösen Szene, Bd. 1 - 13 (10.: Ghezzi E., Faszination Esoterik; 11: Müller J., Neue geistliche Gemeinschaften; 12.: Müller J., Apokalypse; 13.: Satanismus) Kanisiusverlag 93ff.

Buchreihe: Weltanschauungen im Gespräch, Bde. 1 - 19 ( 16.: Mayer J.-F., Der Sonnentempel; 17.: Vom Ende der Zeiten. Apokalyptische Visionen vor der Jahrtausendwende; 18.: Hildegard von Bingen. "Renaissance" mit Missverständnissen?; 19.: Buddhismus. Faszination und Grenzen einer Spiritualität), Paulusverlag 1987ff.

Katechetische Materialien: Schülerheft/ Lehrerunterlagen

Kantonaler Lehrmittelverlag St. Gallen, Postfach 9401 Rorschach. Tel.: 071/841 79 01

· "Okkultismus" (aktuell 4/95).
· Religiöse Sondergruppen - Neue religiöse Bewegungen (aktuell 3/98)
· Weltreligionen. I und II (aktuell 2000)
· Rechtsextremismus in der Schweiz (aktuell 4/2001)

Quelle: Infosekten, 04.06.2002

Dienstag, 4. Juni 2002

 
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