Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

„Ups, ist das schon zu tief?“ oder Von der Last mit der Lust junger evangelikaler Christen

In den beiden grossen Landeskirchen wird die evangelikale Konkurrenz oft mit Argwohn betrachtet. Frömmigkeit und Bibeltreue erscheinen genauso suspekt wie die zumeist kompromisslose Haltung in Fragen der Sexualmoral. Zudem hat die Kampagne, mit der das evangelikale Lager unlängst gegen DJ Bobos Vampir-Song vorging, einmal mehr zu dem Eindruck beigetragen, dass es sich bei evangelikalen Christen um bigotte Spassbremsen handelt. Doch stimmt dieses (Vor-)Urteil?
Andreas Boppart ist ein junger evangelikaler Christ aus dem St. Galler Rheintal, ebenso landeskirchlich wie beim ICF Chur und dem Missionswerk „Campus für Christus“ aktiv. Er hat nun eine „wahre E-mail-Romanze“ mit dem Titel „rosa träumt blau – blau sieht rosa“ veröffentlicht, in der die Mails zwischen ihm und seiner Freundin bzw. jetzigen Frau Tamara erzählen, wie sie ein Paar wurden. Eigentlich sind Andreas und Tamara ganz „normal“, ihr Slang und ihre Lebensgewohnheiten unterscheiden sich kaum von denen anderer junger Menschen in diesem Land, und dass sie weder Humor noch Spass in ihrem Leben kennen, lässt sich beim besten Willen nicht unterstellen. Doch Andreas und Tamara entstammen beide freikirchlich geprägten Familien und deshalb wird bei der Lektüre des Buches schnell deutlich, warum die beiden eben doch nicht zum Schweizer Mainstream gehören.
Da ist zum einen natürlich die Frage nach dem Sex. Das Paar hatte sich vorgenommen, mit dem Sex bis zur Ehe zu warten. Trotzdem (oder gerade deshalb) beschäftigt sie die Frage, wie weit ihre körperliche Zärtlichkeit gehen darf. Boppart schreibt in einem der Zwischentexte: „Disziplin wurde zu unserem Schlagwort, wenn wir darüber sprachen, ob wir nun die Grenze überschritten hatten, welche wir uns im körperlichen Bereich gesetzt hatten. Uns war beiden ganz klar, dass wir erst nach der Hochzeit miteinander Sex haben wollen. Das waren wir uns einfach wert, da wir der Meinung waren und auch immer noch sind, dass diese intimste Sache der Welt nur im geschützten Rahmen der Ehe wirklich ohne Verletzungen und mit völliger Hingabe gelebt werden kann. Gott hat sich das nämlich sehr gut überlegt und perfekt geplant. Nur ist damit die Frage nicht erledigt, wie weit man denn miteinander gehen will, da nirgends auf dem gegnerischen Körper eine rote Linie zu finden ist, die man nicht übertreten darf. (…) Anstrengend und energieraubend sind ja vor allem die Schuldgefühle, mit denen man danach ständig zu kämpfen hat.“ (S. 129). Diese Schuldgefühle werden ebenso spürbar wie die eigene Verunsicherung, was nun noch „erlaubt“ ist und was nicht. In einer E-Mail Tamaras heisst es beispielsweise: „Dicker Schmatzer auf den Bauch! Ups, ist das schon zu tief? Okay, dann halt ein flüchtiges, harmloses Küsschen auf die Stirn!“ (S. 182)
Die Verunsicherung ist geradezu mit Händen zu greifen, als Andreas erfährt, dass Tamara – wenn auch nur ein einziges Mal – gekifft hat. Darf das denn eine junge Frau, „die Jesus liebt“? Und so fällt bei der Lektüre des Buches immer wieder auf, wie die beiden zwischen der Autonomie eigenverantwortlichen, individuellen Handelns und einem Leben nach evangelikalem Schrift- und Moralverständnis hin und her gerissen werden. Da hat Tamara bereits ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich „am Abend ins Bett fallen“ lässt, „ohne mit Gott Zeit verbracht zu haben.“ (S. 12)
Aus einer Aussenperspektive besonders eigenartig wirkt das Zustandekommen dieser Partnerschaft, denn die Entscheidung wird wiederum nicht autonom gefällt, sondern regelrecht an Gott delegiert. Andreas mailt Tamara: „(…) wir fragen doch Gott einfach einmal, aber ich habe mich fast ein bisschen entschieden, um nachher, wenn er nichts antworten würde, darauf zu vertrauen, dass er mich führt ... Und nicht nur einfach meine egoistischen Gefühle mich antreiben! (…) Habe dich trotz allem halt ... Aber das darf ich ja nicht sagen – sonst wirst du nur noch irgendwie manipuliert!!!“ (S. 95) Als dann klar ist, dass sie – anscheinend von Gott – für einander bestimmt sind, leben sie ihre Liebe mit einer Entschiedenheit und Eindeutigkeit, die sehr berührend ist und die man jungen Menschen in diesem Alter wohl nicht unbedingt zutrauen würde.
Fazit: „rosa träumt blau – blau sieht rosa“ gibt einen ebenso eindrücklichen wie spannenden Einblick in die Lebenswelt junger Evangelikaler, auch oder gerade wenn man gewisse Moralvorstellungen des Autors nicht teilen mag. Ohne dass es Andreas Boppart wahrscheinlich wollte, ist eine regelrechte Milieustudie entstanden, die zur Pflichtlektüre für alle werden sollte, die sich mit dieser Form des Christentums beschäftigen oder sogar auseinandersetzen. Und aus landeskirchlicher Sicht ist es vielleicht sogar tröstlich zu lesen, dass es auch innerhalb der Freikirchen kräftig menschelt…
Christian Ruch

Andreas Boppart, „rosa träumt blau – blau sieht rosa. Eine wahre e-mail-romanze“, ISBN 3-9069-59-15-5, Vertrieb durch MOSAICSTONES Thun und Campus für Christus Zürich, 26,80 Franken.

Quelle: Infosekten, 16.06.2007

Samstag, 16. Juni 2007

 
nach oben © Mittwoch, 17. Januar 2018, 05:57 Uhr · kath.ch/infosekten · infosekten@kath.ch