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New Age aus christlicher Sicht

"Göttlich erleuchtete" Gemeinderäte?

Die kommunalpolitischen Ambitionen des "Ordens Fiat Lux"

Fiel der "Orden Fiat Lux" bisher eher durch düstere, chiliastisch-eschatologische Prophezeiungen auf, wandte er sich im Sommer diesen Jahres überraschend einem Gebiet zu, das sich mit Endzeiterwartungen eigentlich kaum verträgt: dem doch höchst irdischen Betätigungsfeld der Kommunalpolitik. Im August verkündete "Uriellas" Ehemann "Icordo" (alias Eberhard Bertschinger-Eicke), dass "Fiat Lux"-Mitglieder in den Südschwarzwälder Gemeinden Ibach, Görwihl, Todtmoos und Herrischried für die baden-württembergischen Kommunalwahlen am 24. Oktober zu kandidieren gedächten. "Icordo" selbst fungierte als "Spitzenkandidat" für die Ibacher Liste und kündigte darüber hinaus an, auch für den Kreistag des Landkreises Waldshut zu kandidieren.

Im Ibacher Ortsteil Lindau befindet sich in einem aufwendig restaurierten Gasthof die "Rohkosteremitage Bethanien" sowie das Versammlungszentrum der Gemeinschaft, hier empfängt "Uriella" auch meistens ihre angeblich göttlichen Kundgaben. Im Görwihler Ortsteil Strittmatt wurden dagegen Wohngemeinschaften gebildet, in denen "Fiat Lux"-Mitglieder wohnen, die in der Regel zum engeren Führungszirkel um "Uriella" und "Icordo" zählen dürften. In den übrigen Gemeinden (Herrischried und Todtmoos) wohnen nur einzelne Anhänger "Uriellas". Sie selbst hegte übrigens keine kommunalpolitischen Ambitionen. Dies verhinderte zum einen ihre Schweizer Staatsbürgerschaft, zum anderen sei ihr dies "viel zu weltlich" und sogar "zuwider", so "icordo" gegenüber den Medien ("Südkurier" vom 7.8. und 18.9.1999).

Am 21. August wurde in der "Rohkosteremitage" die Ibacher Liste der Öffentlichkeit vorgestellt. Neben "Icordo" kandidierten zwei Männer und fünf Frauen zwischen 28 und 64 Jahren, wobei die Listenzusammenstellung in geheimer Wahl vorgenommen worden sei. Als programmatische Schwerpunkte der "Liste Fiat Lux" wurden soziale Belange sowie der Natur- und Landschaftsschutz genannt. Selbst zur Mithilfe bei der Reparatur eines Skilifts zeigte man sich bereit. Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, lobte "Icordo" das angeblich harmonische Zusammenleben mit den Nachbarn des "Ordens". Nur einige wenige versuchten, dieses "allerbeste Einvernehmen" zu vergiften, erklärte er.

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus, denn immer wieder stoßen die penetranten Anbiederungs- und Unterwanderungsversuche von "Fiat Lux" auf Widerstand. So wurde die Caritas mit einer hohen Spende bedacht, auf die diese allerdings dankend verzichtete. Auch die "Ökologisch-Demokratische Partei" (ÖDP) reagierte wenig begeistert, als "Icordo" erklärte, er wolle auf ihrer Liste kandidieren. Insofern war ursprünglich also wohl keine eigene "Liste Fiat Lux" geplant. Doch schon vor der Ankündigung, bei der Kommunalwahl anzutreten, betrat "Fiat Lux" lokalpolitisches Terrain. Einige Mitglieder, allen voran wiederum "Icordo", setzten sich in einer Bürgerinitiative gegen den Ausbau der Landstraße ein, die an der "Rohkosteremitage" vorbeiführt. Offenbar gab es auch Versuche, die Leitung der Gruppe zu übernehmen bzw. sie wenigstens im eigenen Sinne zu beeinflussen, jedenfalls waren auch die Umweltschützer letztendlich nicht sehr glücklich über ihre Verbündeten aus dem Lindauer Tal. Auch gegen die kommunalpolitischen Ambitionen der Gemeinschaft regte sich Widerstand, der insbesondere von einer "Ibacher Bürgerliste" ausging, die ebenfalls zu den Wahlen antrat.

Es kann daher nicht erstaunen, daß zu einer Wahlveranstaltung von "Fiat Lux" am 16. Oktober zwar rund 200 Anhänger und zahlreiche Journalisten erschienen, die Ibacher Bürger als eigentliche Zielgruppe der Veranstaltung aber zu Hause blieben. Dabei hätte es sie vielleicht gefreut zu hören, daß die Gegend um das "Heiligtum" von den kommenden Katastrophen verschont werde. Die "Fiat Lux"-Führung ist also bei allem kommunalpolitischen Engagement nicht von ihren Endzeitvisionen abgerückt, vielmehr wurde behauptet, daß sich die Raumschiffe, die die wenigen tugendhaften Menschen von der Erde evakuieren würden, "bereits im Ätherreich" Position bezogen hätten, um jederzeit eingreifen zu können, wenn der "Weltenbrand" entfacht werde. Immerhin ist "Uriella" nun so vorsichtig, sich nicht mehr auf ein genaues Datum festzulegen - der Zeitpunkt der Reinigung werde ihr von Gott erst unmittelbar zuvor mitgeteilt.

Daß die "Trefferquote" von "Uriellas" Prophezeiungen jedoch immer noch zu wünschen übrig läßt, zeigt das Ergebnis der Komunalwahl: aus den vollmundig angekündigten zwei bis drei Mandaten wurde nichts, nur "Icordo" schaffte den Einzug in den Ibacher Gemeinderat. Da die "Fiat Lux"-Anhänger rund 10 % der 312 Ibacher Wahlberechtigten stellen, war damit zu rechnen. Die Ibacher versuchten zwar durch eine besonders hohe Wahlbeteiligung, "Fiat Lux" aus dem Rathaus fernzuhalten, doch muß "Icordo", wie das Wahlergebnis zeigt, auch von Nicht-Mitgliedern des "Ordens" einige Stimmen erhalten haben.

Ohnehin hat sich das Spektakel für "Fiat Lux" ausgezahlt: einmal mehr wurde "Uriella" ein Medieninteresse zuteil, das für eine Gruppierung von rund 750 Mitgliedern unverhältnismäßig hoch erscheint und kritisch hinterfragt werden sollte.

Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 14.01.2000

Freitag, 14. Januar 2000

 
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