Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Privatoffenbarung Vassula Ryden

Im Gegensatz zu den protestantischen Kirchen akzeptiert der Katholizismus das Phänomen sogenannter "Privatoffenbarungen". Dazu zählen beispielsweise die Marienerscheinungen von Lourdes und Fatima oder die Kundgaben an Einzelpersonen. Mit der Anerkennung der einzelnen Privatoffenbarungen als Kundgabe tatsächlich göttlichen Ursprungs tut sich die katholische Kirche allerdings oft schwer und verhält sich dementsprechend zurückhaltend bis kritisch. Trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - ist in der Strömung des traditionalistischen und konservativen Katholizismus in jüngster Zeit ein regelrechter Boom von bzw. ein Bedarf an Privatoffenbarungen festzustellen. Katholisch-konservativ ausgerichtete Institutionen wie der Miriam-Verlag im südbadischen Jestetten oder der Schweizer Parvis-Verlag warten mit immer neuen Büchern voller Jesus- und Marienbotschaften auf, und auch die angeblichen Marienerscheinungen im saarländischen Marpingen stehen zweifellos für diesen Trend.

Zu den zur Zeit besonders beliebten Privatoffenbarungsmedien dieser Strömung zählt die Griechin Vassula Ryden (*1942), in deren Anhängerschaft sich allmählich auch organisatorische Strukturen zu bilden beginnen. Nach einem laut eigenen Angaben "mondänen" Leben als professionelle Tennisspielerin erfuhr die Ehefrau und Mutter zweier Söhne 1985 durch einen Engel Daniel ihr Bekehrungserlebnis, das sie von nun an Gottes Stimme hören und das Gehörte niederschreiben ließ. Diese Kundgaben werden unter dem Titel "Das wahre Leben in Gott" veröffentlicht und sind mittlerweile in 40 Sprachen übersetzt worden. Vassulas Botschaften werden außerdem in einigen deutschen "Offenen Fernsehkanälen" und im Internet verbreitet. Daneben haben sich in 12 deutschen Städten Gebetsgruppen gebildet. Diese Kreise haben bisher drei öffentliche Auftritte Vassulas in Deutschland organisiert, die jeweils von mehreren Hundert Personen besucht wurden.
Anläßlich der letzten Veranstaltung (im Juli 1998 in Freiburg) kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Organisatoren und dem erzbischöflichen Ordinariat, das die Zusage für die Vergabe des kircheneigenen Saales im letzten Moment zurückziehen wollte. Dies zeigt, daß die offizielle Kirche um Distanz zu Vassula bemüht ist. Umso mehr wird von ihren Anhängern darauf hingewiesen, daß sich unter ihnen zahlreiche Priester und Ordensleute befänden und sich hochrangige Kirchenvertreter wie Kardinal Ratzinger oder Erzbischof Emmanuel Milingo positiv über Vassula geäussert hätten. Offensichtlich befinden sich ihre Anhänger in einem Zwiespalt: einerseits sind sie absolut papst- und kirchentreu, andererseits tief enttäuscht über das fehlende Placet der offiziellen Kirche. Das Ausbleiben der kirchlichen Anerkennung der Vassula-Botschaften als dogmenkonforme Privatoffenbarungen wird zumeist verhalten kritisiert, hinter vorgehaltener Hand bisweilen aber auch als Indiz für die angebliche Vorherrschaft freimaurerischer und antichristlicher Kräfte im Vatikan gedeutet, die den alten und kranken Papst daran hinderten, Vassulas Wirken den Segen der Kirche zu erteilen. Es ist daher sicher kein Zufall, dass sich die Vassula-Anhänger im März, als Johannes Paul II. das Heilige Land besuchte, ebenfalls in Israel trafen. Offenbar erhoffte man sich eine Begegnung zwischen Vassula und dem Papst und von dieser eine Art Durchbruch. Dazu scheint es aber nicht gekommen zu sein.

Es fällt auf, daß sich Vassulas Sympathisanten in der Regel auch für andere - oft ebenfalls nicht kirchlich anerkannte - Offenbarungsmedien interessieren, so etwa die Marienerscheinungen von Medjugorje und Garabandal, die Botschaften der Italienerin Maria Valtorta (1897-1961) und des kürzlich verstorbenen Johannes Widmann (siehe MD 4/2000, S. ....). Im Gegensatz zur Gefolgschaft einiger Neuoffenbarungsmedien wie z.B. dem "Universellen Leben" oder "Fiat Lux" erheben weder Vassula noch ihre Anhänger den Anspruch, daß sie derzeit das einzige authentische Offenbarungsmedium sei. Auch wird die Bibel in keiner Weise als unvollständig, verfälscht und daher als ergänzungs- oder korrekturbedürftig angesehen. Vielmehr suchen die Vassula-"Gläubigen" in der Bibel und anderen Kundgaben Bestätigung für den göttlichen Charakter der Botschaften Vassulas - ohne dabei zu bemerken, daß sich viele Privatoffenbarungen insbesondere in ihren Aussagen über die Zukunft diametral widersprechen (so z.B. in der Frage eines dritten Weltkrieges).

Die Botschaften Vassulas bedienen sich biblischer Bilder und Themen, wirken aber sehr repititiv und dadurch eher inhaltsarm. Zudem zeichnen sie sich - zumindest für den nüchternen protestantischen Beobachter - durch eine äußerst süßlich-kitschige Sprache aus. Vermittelt wird Jesus, der softe Traummann. Der Jesus des Neuen Testaments, der hart, fordernd und verletzend sein konnte, kommt in Vassulas Visionen nicht vor.

Welches Fazit ist also zu ziehen? Vassula-Anhänger bilden mit Sicherheit keine gefährliche "Sekte". Diese Gefahr bestünde m.E. erst dann, wenn sie den Rahmen und damit auch die soziale Kontrolle der katholischen Kirche verlassen würden. Ihrerseits steht die Kirche vor einer schwierigen Aufgabe: einerseits sollte sie alles daran setzen, integrierend zu wirken, andererseits wäre es sicher nicht gut, die kritische Haltung zu den zahlreichen Privatoffenbarungen aufzugeben. Hier einen Mittelweg zu finden, dürfte eine der kommenden Herausforderungen für den Katholizismus werden. Eines darf nämlich nicht übersehen werden: die neue Lust auf Privatoffenbarungen ist nicht nur Ausdruck von Endzeitängsten im Zusammenhang mit der Jahrtausendwende, sondern auch Ausdruck eines anti-modernistisch motivierten Unbehagens traditionalistischer Kreise an der seit dem Zweiten Vaticanum weltoffeneren Kirche. Der Boom der Privatoffenbarungen ist damit Ausdruck eines Differenzierungsprozesses, der auch vor katholischen Kirchentüren nicht Halt gemacht hat.

Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 31.03.2000

Freitag, 31. März 2000

 
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