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New Age aus christlicher Sicht

"Uriella" unterliegt erneut vor Gericht

Einmal mehr hatte sich "Uriella" alias Erika Bertischinger-Eicke, die Chefin des "Ordens Fiat Lux" vor Gericht zu verantworten. Diesmal war es jedoch nicht die Staatsanwaltschaft, die sie anklagte, sondern ein ehemaliges Mitglied. Die heute 59 Jahre alte Frau aus dem Kanton Zürich, die über zehn Jahre "Fiat Lux" angehört und dort den Geistnamen "Jupita" getragen hatte, verklagte "Uriella" auf vorzeitige Rückzahlung eines Darlehens in Höhe von über 600 000 Schweizer Franken. Das Geld war wohl ursprünglich als Spende an "Fiat Lux" geflossen, aus steuerrechtlichen Gründen aber als Darlehen deklariert worden. Die Frau klagte vor dem Kantonsgericht Appenzell-Ausserrhoden, wo "Uriella" eine Naturheilpraxis betreibt, mit der Begründung, sie sei im "Orden" so starkem psychischen Druck ausgesetzt gewesen, dass sie zeitweise nicht urteilsfähig gewesen sei. "Uriella" habe bei ihr und ihren Kindern fälschlicherweise Krebs diagnostiziert und die Familie damit an sich und den "Orden" gebunden.

Am 10. April wurde - unter grossem Medieninteresse (wie immer wenn es um "Uriella" geht) - das Verfahren eröffnet, wobei das selbsternannte "Sprachrohr Gottes" weder selbst vor Gericht erschien noch sich durch einen Anwalt vertreten liess, sondern ihren Ehemann Eberhard Bertschinger-Eicke alias "Icordo" als ihren Fürsprecher entsandte. Im Gegensatz zu den Strafverfahren in Waldshut und Mannheim waren auch keine Heerscharen von "Fiat Lux"-Mitgliedern im Gerichtssaal anwesend. Offenbar sollten sie von den Klagen einer "Aussteigerin" ferngehalten werden. "Icordo" wies die Vorwürfe gegen seine Frau und den "Orden" naturgemäss weit von sich und bestritt vor allem, dass "Fiat Lux"-Mitglieder einer Art "Gehirnwäsche" ausgesetzt seien.

Das Kantonsgericht liess sich jedoch auf die Erörterung dieser Frage nicht ein. Es urteilte lediglich, dass das Vertrauensverhältnis zwischen "Uriella" und der Klägerin nicht mehr existiere und diese deshalb die vorzeitige Rückzahlung des Geldes verlangen könne. "Icordo" kündigte umgehend Berufung an und will den Fall notfalls bis an das Schweizer Bundesgericht ziehen. Dennoch sei, so urteilte der Schweizer Journalist und Sektenexperte Hugo Stamm, "Uriella" wieder "mit einem blauen Auge davongekommen. (...) Die Appenzeller Richter haben leider die Chance verpasst, mit Beweisverfahren und Gutachten das zentrale Problem des Sektenphänomens zu prüfen." Immerhin sei deutlich geworden, "dass es Uriella gelingt, mit falschen Krebsdiagnosen, Endzeitängsten und moralischem Druck Psychoterror auszuüben und die Persönlichkeit ihrer Anhänger zu brechen" (Tages-Anzeiger Zürich vom 13. April 2000).

Der Prozess war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:

  • Zum ersten Mal musste sich "Fiat Lux" öffentlich mit den Aussagen eines ehemaligen Mitglieds auseinandersetzen.
  • Der Verzicht auf einen Anwalt und der Versuch, durch Berufungsverfahren Zeit zu gewinnen, sprechen dafür, dass die finanzielle Lage des "Ordens" nicht zuletzt durch die im Mannheimer Prozess verhängten Bussgelder angespannt ist.
  • Trotz des ausgebliebenen Grundsatzentscheids könnte das Urteil anderen "Fiat Lux-Trägern" oder den Anhängern anderer Glaubensgemeinschaften und Sekten Mut machen auszusteigen, sofern sie sich ebenfalls unter Druck gesetzt fühlen.
Man darf also gespannt sein, welche Folgen dieser Prozess haben wird.

Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 13.04.2000

Donnerstag, 13. April 2000

 
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