Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Das "dritte Geheimnis" von Fatima - Ende eines Mythos?

Der Besuch Johannes Pauls II. im portugiesischen Wallfahrtsort Fatima im Mai diesen Jahres endete mit einer Sensation: Im Auftrag des Papstes gab Kardinal Angelo Sodano erstmals Näheres zum sogenannten "dritten Geheimnis" von Fatima bekannt. Es gibt wohl wenige Marienbotschaften, die in der katholischen Welt über Jahrzehnte für so grosse Aufregung sorgten wie eben diese spekulationsumwitterte Offenbarung.

Zwischen Mai und Oktober 1917 hatten drei Hirtenkinder Marienvisionen, wobei die Gottesmutter jeweils am 13. eines jeden Monats erschien. Am 13. Juli wurden ihnen drei Geheimnisse offenbart: Das erste bestand in einem Blick in die Hölle, das zweite verkündete das nahe Ende des Ersten Weltkriegs, den Glaubensabfall Russlands, aber auch einen neuen, weitaus schrecklicheren Krieg. Die dritte Botschaft wurde der Öffentlichkeit nicht bekanntgegeben. Erst 1941 schrieb Lucia dos Santos, seit 1925 Ordensschwester und einzige noch Lebende der drei "Seherkinder", das ihr anvertraute "dritte Geheimnis" nieder. Über den Bischof von Leiria gelangte der Text 1957 zum Papst, der ihn 1960 veröffentlichen sollte. Johannes XXIII. sei über den Inhalt jedoch so entsetzt gewesen, dass er dies unterlassen habe. Allerdings habe er den an der "Kubakrise" beteiligten Staatschefs den Text zukommen lassen. Es wurde daher oft vermutet, dass das "dritte Geheimnis" vor einem Atomkrieg warne.

Im Oktober 1963 wurde in der Zeitschrift "Neues Europa" eine Version des Geheimnisses veröffentlicht, die dies zu bestätigen schien, aufgrund ausbleibender Stellungnahmen des Vatikans aber unüberprüfbar blieb. Die von dem Magazin verbreitet Botschaft warnte vor einer "grossen Züchtigung" noch vor Ende des 20. Jahrhunderts: "Über die gesamte Menschheit und über die ganze Erde wird furchtbare Bedrängnis kommen. Feuer und Rauch werden vom Himmel fallen, und alles wird verdunkelt sein. Die Wasser der Ozeane werden verdampfen, und es wird eine so hohe Temperatur herrschen, dass die Gischt zum Himmel strahlt. Alles, was noch aufrecht steht, soll niedergerissen werden, und von einer Stunde zur anderen werden Millionen und Abermillionen Menschen sterben."

Ausserdem wurden heftige Auseinandersetzungen innerhalb der katholischen Kirche angekündigt: "Überall auf Erden regiert Satan. Es wird unter den Kirchenführern zu gegenseitigen Kämpfen kommen, denn Satan tritt in ihre Reihen. In Rom wird es zu gewaltigen Veränderungen kommen, denn was faul ist, fällt, und was fällt, soll nicht gehalten werden, denn die Lehren der Kirche sind verdunkelt. (...) Wehe den Mächtigen und den Spitzen der Kirche, wenn nicht von ihnen eine rasche Bekehrung ausgeht!"

Traditionalistische Katholiken interpretierten diese Botschaft dahingehend, dass die im Zweiten Vaticanum begonnene Öffnung der Kirche ein schwerer Fehler gewesen sei, wobei zwischen dem angeblich angedrohten Atomkrieg und den innerkirchlichen Veränderungen der Kurzschluss hergestellt wurde, dass beides Ausdruck eines Abfalls von Gott und dem Glauben sei. So erklärte der bei konservativen Katholiken besonders geschätzte Regensburger Bischof Rudolf Graber im Jahre 1967, dass "die Unterlassung von Gebet und Busse" angesichts des Vernichtungspotentials der ABC-Waffen einerseits und den Mahnungen der Madonna andererseits "ein Verbrechen an der Menschheit" sei.

Immer wieder gab es Marienerscheinungen, die die angeblichen Drohungen des "dritten Geheimnisses" aufgriffen und wiederholten. Im April 1954 erhielt die stigmatisierte Ordensschwester Helena Aiello im süditalienischen Cosenza die Botschaft: "Wenn die Menschen nicht durch Gebet und Busse zu Gott zurückkehren, wird die Welt in einen neuen, schrecklichen Krieg gestossen werden." Auch im umstrittensten deutschen "Gnadenort" - dem fränkischen Heroldsbach - wurde 1949/50 vor Katastrophen apokalyptischen Ausmasses gewarnt. Allerdings existierten auch schon vor Fatima Kundgaben, in denen ein Zusammenhang zwischen der Regentschaft des Satans über die Kirche und einem grossen Krieg hergestellt wurde, so z.B. in den Visionen an die Kinder von La Salette im Jahre 1846.

Vor dem Hintergrund all dieser oft blutrünstigen Prophezeiungen scheint sich die von Kardinal Ratzinger Ende Juni enthüllte Botschaft des "dritten Geheimnisses" fast etwas farblos und banal auszunehmen. Demnach sahen die Kinder einen "weiss gekleideten Bischof" - nach Schwester Lucias Überzeugung der Papst - zusammen mit anderen Bischöfen, Priestern und Ordensleuten einen Berg besteigen, auf dem sich ein hohes Kreuz befand. Als der "weiss gekleidete Bischof" den Berg erklommen hatte, kniete er nieder und betete. "Da wurde er von einer Gruppe von Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen. Genauso starben nach und nach die Bischöfe, Priester, Ordensleute und verschiedene weltliche Personen (...). Unter den beiden Armen des Kreuzes waren zwei Engel, ein jeder hatte eine Giesskanne aus Kristall in der Hand. Darin sammelten sie das Blut der Märtyrer auf und tränkten damit die Seelen, die sich Gott näherten."

Vor dem Hintergrund der apokalyptischen Visionen, die das "dritte Geheimnis" beinhalten sollte, versucht der Vatikan offensichtlich, die Gemüter zu beruhigen. "Der Vorhang der Zukunft wird nicht aufgerissen", schrieb Kardinal Ratzinger. Die Prophezeiungen werden im Sinne von § 67 des Katechismus der katholischen Kirche als "Privatoffenbarung" eingestuft, die nicht die endgültige (biblische) Offenbarung Christi "vervollkommnen", sondern helfen sollen, "in einem bestimmten Zeitalter tiefer aus ihr zu leben."

Des weiteren fällt auf, dass der Vatikan bemüht ist, die in den Visionen gesehenen Bilder durch Ereignissen der Vergangenheit wie die Glaubensverfolgung im Ostblock und das Papst-Attentat vom 13. Mai 1981 zu deuten. Immer wieder hat Johannes Paul II. den auf ihn verübten Anschlag mit Fatima in Verbindung gebracht. Schon das Datum, der Jahrestag der ersten Marienerscheinung, ist für ihn ein Hinweis darauf, dass er seine Rettung der Gottesmutter zu verdanken habe. Die Patrone, die den Papst getroffen hatte, wurde übrigens in die Krone der Marienstatue von Fatima eingearbeitet. Zudem symbolisiert wohl kein Papst so sehr den Kampf gegen den Atheismus wie der amtierende Pontifex. Es ist daher wohl auch kein Zufall, dass Johannes Paul II. das "dritte Geheimnis" ausgerechnet in "seinem" Heiligen Jahr veröffentlichen lässt. Theologisch ergibt sich daraus das Problem, dass Fatima dadurch eine Art Vereinnahmung durch den jetzigen Papst und damit eine Verengung droht, so als ob die Heilsgeschichte Fatimas gleichsam in seiner Person ihre Vollendung finden würde.

Damit stellt sich die Frage nach der Interpretation und der Bedeutung Fatimas unter den Nachfolgern des jetzigen Papstes. Schon jetzt bangen traditionalistische Kreise wie etwa das kanadische "Fatima Center" - offensichtlich tief enttäuscht vom Inhalt des "dritten Geheimnisses" - um den Stellenwert "ihres" Wallfahrtsortes. Viele weigern sich anzunehmen, dass sich die Vision "nur" auf vergangene Ereignisse beziehen soll. Die schweren Kirchenverfolgungen, so glauben sie, stünden erst noch bevor. Auch sei keinesfalls davon auszugehen, dass Russland bereits bekehrt sei. Die hohe Abtreibungsrate dort beweise schliesslich das Gegenteil. Zudem vermissen sie, dass der veröffentlichte Text keine Worte Mariens enthalte.

Es ist zu befürchten, dass schon bald wieder Legenden und Verschwörungstheorien von der angeblichen Unterdrückung göttlicher Offenbarungen durch satanistisch-freimaurerische Zirkel innerhalb des Vatikans spriessen werden. Das "Fatima Center" beklagte bereits, dass nur ein Tag nach der Veröffentlichung des Geheimnisses Michail Gorbatschow an einer Pressekonferenz im Vatikan aufgetreten sei: "It is a disgrace that this pro-abortion, one-world governemnet globalist was made a guest of honor at the Vatican one day after wie are told about the Third Secret. This is a gross insult to the Blessed Virgin" ("Fatima News", 27.6.2000). Es könnte also sein, dass der Versuch des Vatikans, dem Mythos um das "dritte Geheimnis" die Attraktivität des Sensationellen zu nehmen, fehlschlägt, weil sofort neue Mythen an seine Stelle treten.

Die Geschichte von Legenden zeigt, dass die Widerlegung einer Legende immer auch als Beweis für ihre "Echtheit" interpretiert werden kann, sofern man nämlich unterstellt, dass die Widerlegung nur dazu dient, die "Wahrheit" zu vertuschen. So haben beispielsweise auch die Erklärungen der amerikanischen Regierung zum angeblichen "Ufo-Absturz" von Roswell viele Ufo-Gläubigen keineswegs überzeugt - ganz im Gegenteil. Bekanntlich kennt auch die Kirchengeschichte solche Phänomene - man denke etwa an den anscheinend unausrottbaren Glauben an die "Päpstin Johanna" oder die angebliche Verbannung der Reinkarnation aus dem christlichen Glauben durch spätantike Konzile.

Wer sich also sein apokalyptisch gefärbtes Fatima nicht kaputtmachen lassen möchte, wird wohl also auch in Zukunft an diesen Mythos glauben oder ihn durch einen neuen ersetzen. Die katholische Kirche wird damit leben und umgehen müssen. Schade und bedenklich ist es jedoch, sich durch eine pseudo-marianische Drohbotschaft ängstigen zu lassen anstatt auf die Frohbotschaft des Evangeliums zu vertrauen. Oder um es mit den Worten des katholischen Dogmatikers Medard Kehl auszudrücken: "Sie (die marianisch gefärbte Apokalyptik) führt in der Regel nicht zu mehr Vertrauen, Hoffnung und Liebe gegenüber Gott und den Menschen, sondern - dem strengen Gottesbild entsprechend - zu Angst und Enge, gerade auch zu Härte und Intoleranz allen anderen Christen gegenüber, die sich dieser Endzeiterwartung nicht anschliessen wollen."

Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 02.07.2000

Sonntag, 2. Juli 2000

 
nach oben © Mittwoch, 17. Januar 2018, 08:03 Uhr · kath.ch/infosekten · infosekten@kath.ch