Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Der WCC und "New Age" oder Vom fehlenden Mut zur Apologetik

"New Age in the Old World" lautete das Thema eines Seminars, das das Ecumenical Institute des World Council of Churches (WCC) vom 17. bis 21. Juli diesen Jahres in Bossey bei Genf durchführte. Schon der Titel machte stutzig, ist doch "New Age" kein Begriff mehr, der in den diversen Strömungen der Esoterik-Szene noch Aktualität besitzt oder diese zutreffend beschreibt. Es stellt sich also die Frage, ob der WCC den aktuellen Entwicklungen nicht um mindestens zehn Jahre hinterher hinkt.

Auch die Auswahl der ReferentInnen und Vortragsthemen erweckte nicht den Eindruck einer sorgfältigen Vorbereitung oder profunder Kenntnisse seitens der Veranstalter. Geboten wurde ein Sammelsurium oft durchaus interessanter und wegweisender Beiträge, die aber oft nur wenig miteinander zu tun hatten.

Dass "New Age" ein überholter Begriff ist wurde auf überzeugende Weise von Massimo Introvigne (Cesnur Turin) und Gordon Melton (Santa Barbara/USA) dargestellt. Beide sehen die Tendenz, dass sich die verschiedenen esoterischen Richtungen und Gruppierungen, die sich unter dem Label des "New Age" netzwerkartig verbunden hatten, wieder stärker unabhängig voneinander auftreten. Zu beobachten sei des weiteren der Trend zur Ausbildung hierarchischer Strukturen und Individualisierung: An die Stelle der Transformation des kollektiven Bewusstseins und der Erlösung des Planeten trete die Transformation und Erlösung des Individuums.

Als Ausdruck der "Sakralisierung individueller Erlebnisse" stellte Matthias Pöhlmann (EZW Berlin) das Phänomen des "Channeling" vor: Menschen begreifen sich als Medium höherer Wesenheiten und teilen deren Botschaften mit, wobei sich oft eine Tendenz zur "Klientelreligion" zeige. Als Beispiele hierfür nannte Pöhlmann u.a. das in Deutschland (noch?) kaum bekannte "Urantia"-Buch (siehe MD 7/99, 209ff.) und Neale Donald Walschs "Gespräche mit Gott" (siehe MD ? [falls es hierzu einen Artikel gibt]).

Paul Heelas (Lancaster/UK) sah in der Abkehr von den traditionellen christlichen Glaubensgemeinschaften einen "Turn to Life" und Ausdruck des Rückwurfs auf sich selbst. Dennoch oder gerade deshalb bleibe die Suche nach Transzendenz für die meisten Menschen aktuell. Als extreme Form dieser Suche sah Wiliam P. Harman (Greencastle/USA) die Darbringung von Menschenopfern, sei es in Form ritueller Morde oder Suizide. Das Opfer sei als ein Ausdruck der Unterordnung unter die Transzendenz zu verstehen, die sich von einer heil-losen, chaotischen, diesseitigen Welt abhebe.

Leider blieben die meisten Referate und Diskussionen auf einem phänomenologischen Niveau. Völlig nebensächlich und von den Veranstaltern auch explizit nicht erwünscht war der Bezug apologetischer Positionen - für eine Institution wie den WCC eine, wie ich finde, erstaunliche und befremdliche Haltung. Besonders deutlich wurde dies beim Referat von Norbert Bischofberger (München), der den Kirchen die Option vorschlug, über den Gedanken der Läuterung (Fegefeuer) eine Brücke zu den Anhängern der diversen Reinkarnationsvorstellungen zu bauen. Bischofberger erinnerte zwar dankenswerterweise daran, dass für die meisten Theologen das Christentum mit dem Gedanken der Reinkarnation unvereinbar sei, doch liess er selbst bewusst offen, ob man wiedergeboren werde. Dies sei ebensowenig beweisbar wie das Gegenteil. Umso begrüssenswerter war es, dass die schwedische Theologin Kajsa Ahlstrand (Uppsala) neue Schlüsselbegriffe für die Vermittlung christlicher Inhalte und die Auseinandersetzung mit der Esoterik vorschlug, so z.B. die "Autorität der Erfahrung" anstelle der "hierarchischen Autorität" oder der "verwundete hilfsbedürftige" Mensch anstelle des "erlösungsbedürftigen Sünders".

Alles in allem hinterliess das ganze Seminar leider den schalen Geschmack einer Alibi-Veranstaltung oder Pflichtübung des WCC. So interessant die einzelnen Beiträge z.T. auch waren, es fehlte der "rote Faden" ebenso wie ein klarer Positionsbezug. Am Ende war nicht einmal sicher, ob die Referate in einem Sammelband oder wenigstens im Internet zugänglich gemacht werden können. Die Anregungen der Teilnehmer, auf Grundlage dieses Seminars gemeinsam weiter zu arbeiten, dürften, so ist zu fürchten, in der trägen Bürokratie des WCC versickern und damit letztendlich ungehört verhallen.

Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 28.07.2000

Freitag, 28. Juli 2000

 
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