Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Auf dem Snowboard zur Erlösung?

Der ICF als Herausforderung für die Volkskirchen

Ein Gespenst geht um in den Kirchen der Schweiz und, wer weiss, vielleicht auch schon bald in Deutschland: das Gespenst der "International Christian Fellowship Church" (ICF). Sie ist derzeit zweifellos der Star und eine Art "Trendgemeinde" (Georg Schmid) unter den Schweizer Freikirchen und schafft es, grosse Massen vorwiegender jüngerer Menschen anzuziehen und für sich zu begeistern. Der evangelikal orientierte ICF hat mittlerweile Ableger in Basel, Bern und vier weiteren Schweizer Städten sowie in Nürnberg und Berlin. Das Projekt ist klar expansionsorientiert: "icf-unlimited will den missionarischen Auftrag von icf-zürich, Menschen in eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus zu führen, über Zürich hinaus in die Schweiz und die Welt tragen. Die Vision von icf-unlimited ist es, die Gründung neuer icf´s zu fördern und Partnergemeinden von icf zu unterstützen." Daneben wird als Zielsetzung auch die "Unterstützung reformbereiter Gemeinden" genannt.

Der ICF in seiner heutigen Form entstand 1996 durch den Zusammenschluss Stadtzürcher Gruppierungen des evangelikalen, erwecklichen Spektrums. Seit dieser Zeit stellt die "ICF Church" eine eigenständige Gemeinde dar. Die Zahlen der Gottesdienstbesucher entwickelten sich beeindruckend: besuchten 1996 bereits 700 Personen die beiden Sonntagsgottesdienste, nahmen im November 2000 nach ICF-Angaben jeden Sonntag über 2000 Menschen (inklusive Kinder und Jugendliche) an den inzwischen vier (inhaltlich identischen) Gottesdiensten teil.

Was nun macht den ICF vor allem für jüngere Menschen so attraktiv? Die "Church" kommt ausgesprochen poppig und peppig daher, gepflegt wird ein betont "cooler", soll heissen: unkirchlicher Jugendslang mit der für Zürich mittlerweile typischen Mischung aus Englisch und "Züridüütsch". Im Gottesdienst kommen modernste Medien, Lichteffekte und eine Rockband zum Einsatz, und obwohl eine solche Veranstaltung 1 ½ Stunden dauert, wirkt sie auch auf den nüchternen Beobachter nie langweilig. Das Durchschnittsalter der Besucher dürfte zwischen Anfang und Mitte 20 liegen, wobei die Frauen klar in der Mehrheit sind. Kinder und Jugendliche (bis 19 Jahre) besuchen in der Zwischenzeit ihre eigenen Veranstaltungen.

Die Gottesdienste stehen immer unter einem aktuellen Themenschwerpunkt wie z.B. Israel, Esoterik oder Reality-Shows ("Big Brother", "Girlscamp" usw.). Den Mittel- und Höhepunkt des Gottesdienstes bildet die Predigt, deren Inhalt jedoch in einem krassen Gegensatz zum sonst so trendigen Erscheinungsbild des ICF steht. Geboten wird ein ziemlich eindimensionaler, wenig differenzierender und reflektierender Fundamentalismus, dem es allerdings gleichzeitig an theologischer Tiefe mangelt. So werden etwa Erscheinungen wie "Big Brother" unter Bezugnahme auf 1. Joh. 2,15-18 als Indiz für die heraufdämmernde Herrschaft des Antichristen gedeutet. Hier zeigen sich deutlich Brüche zwischen Anspruch und Auftreten des ICF: Einerseits wettern die jungen "Pastoren" gegen Fleisches- und Augenlust, präsentieren aber andererseits junge Gottesdienst-Moderatorinnen, deren Chic und Outfit nichts zu wünschen übrig lassen. Aufgerufen wird einerseits dazu, das sündhafte Wesen der Welt zu erkennen und ihr zu entsagen, andererseits wirbt der ICF für seine Freizeitevents, in denen der "Fun" nach eigenem Bekunden nicht zu kurz kommt. Vielleicht ist es gerade diese widersprüchliche Mischung, die den ICF so attraktiv erscheinen lässt: moralische Rigidität gepaart mit den Annehmlichkeiten der Spassgesellschaft und einer in sich selbst verliebten Gemeinschaft. Gepredigt wird eigentlich nicht sehr viel mehr als die Botschaft: Hauptsache, ich werde gerettet! Deshalb scheint auch eine wie immer geartete karitative Aktivität beim ICF nicht vorgesehen zu sein. Der Katholischen Arbeitsgemeinschaft "Neue religiöse Bewegungen" ist bezeichnenderweise der Fall eines schwer krebskranken jungen Mannes bekannt, der beim ICF Trost und Verständnis suchte, aber mit Redensarten beschieden wurde, die auf wenig Sensibilität und Verständnis für seine Situation schliessen lassen. Hinter das Versprechen, der ICF wolle den Menschen "Nächstenliebe anbieten", muss also ein grosses Fragezeichen gesetzt werden.

Die eigentliche Bindung an den ICF erfolgt über sogenannte "Workshops" auf Stadtteilebene, an denen laut ICF inzwischen 800 Anhänger teilnehmen sollen. Hier ist der Ort für das Bibelstudium, Taufen und Gebete. Für den ICF ist der "Workshop" die eigentliche Gemeinde: "Dort finden Menschen ein geistliches Zuhause und Freunde fürs Leben. (...) Im Workshop nimmt man sich bei Kaffee und Kuchen Zeit für den Austausch und für Gemeinschaft. Die Seele findet anschliessend in der Worshipzeit zur Ruhe und Begegnungen mit Gott werden möglich."

Ausserdem scheinen die gemeinsam gestalteten Freizeitaktivitäten eine wichtige Bindungsfunktion zu besitzen. Auch hier wird wieder der eigenartige Spagat zwischen diesseitig ausgerichteter Spass- bzw. Konsumorientierung und transzendentem Anspruch deutlich. Zur Illustration sei an dieser Stelle der Bericht über ein ICF-Camp auf Sardinien zitiert, der eher an den Katalog eines Ferienclubs erinnert: "Sun, Fun & Living Water auf Sardinien. Weisser Sand und smaragdfunkelndes Meer, saftig grüne Hügel (...) und strahlend blauer Himmel (...) konnten auf Isuledda an der sardischen Costa Smeralda rund 400 Leute aus Zürich, Basel, Bern und Biel-Bienne gemeinsam geniessen. Ebenso genial wie die Landschaft und die interessanten Leute mit ganz unterschiedlichen Backgrounds war das Sport- und Freizeitangebot: von Tauchgängen und Tenniskursen über Beachvolleyturniere bis zum allmorgendlichen Fun-Aerobic gab es einfach alles. (...) Was Pasta für den Body bot, das waren die Abendprogramme für die Seele: viel klares Wasser. Klare Messages zu dem, was Jesus in unserem Leben bedeutet. Living Waters (lebendiges Wasser) war das Thema an den sehr abwechslungsreichen Events, zu denen man sich jeweils um 21 Uhr für Worship, Good News & Workshop in der Arena traf. So war es trotz der grossen Anzahl Camp-Teilnehmer möglich, ganz persönlich angesprochen zu werden. Berührte Herzen, gestärkte Souls und rund 35 Taufen am Donnerstag bei Mondschein und Fackellicht. Auch die Kinder waren natürlich voll dabei. Sie erlebten in ihrem speziellen Programm über Robinson Crusoe begleitet von einem super Team eine Schatzsuche, wo viele den grössten Schatz gefunden haben: JESUS! Praise the Lord!! Es war ein krasses Camp mit guten Chillout-Sessions und extremem Power. Let´s do it again!"

Die grossen Kirchen der Schweiz stehen dem Phänomen ICF mehrheitlich ebenso rat- wie hilflos gegenüber. Theologische Bedenken mischen sich mit dem freimütig eingestandenen Neid auf die Fähigkeit des ICF, anscheinend mühelos auch noch die grössten Säle mit Jugendlichen und jungen Familien füllen zu können, während die meisten volkskirchlichen Gottesdienste als spärlich besuchte Seniorenveranstaltungen ein Schattendasein führen. In den evangelisch-reformierten Landeskirchen wird offenbar diskutiert, ob man mit dem ICF nicht Formen der Kooperation finden könne und solle. Doch das lehnt dieser ab, und auch ein Anschluss an die "Evangelische Allianz" kommt für den ICF nicht in Frage. An theologischen Diskussionen, die sich daraus ergeben könnten, ist man offenkundig nicht interessiert, was aus Sicht der Wachstumsphilosophie des ICF nur logisch ist: katechetische Konturen und Akzente könnten einen Teil der Anhänger abschrecken oder die Attraktivität des ICF schmälern. Da der quantitative Zuwachs oberste Priorität geniesst, scheint man den Preis des theologischen Postmodernismus in Form eines "Anything goes" offenbar gerne zu zahlen. Auch aus diesem Grund lehnt der ICF die Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden ab: sie trage nichts zum eigenen Wachstum und missionarischen Erfolg bei. Die Chance eines fruchtbaren Dialogs mit dem ICF scheint daher gering. Zwar verweist er gerne auf das Attest Georg Schmids, dass es sich beim ICF nicht um eine Sekte handle, ansonsten aber herrscht nicht das geringste ökumenische Interesse.

Wie sollen die Kirchen also reagieren? Was die Präsentationsform religiöser Inhalte angeht, so können die etablierten Kirchen sicher viel vom ICF lernen. Was jedoch keine Alternative sein kann, ist der Rückzug auf einen (in diesem Falle) evangelikalen Minimalkonsens. Denn ob dieser und eine attraktive "Verpackung" den ICF dauerhaft tragen, wird sich erst noch erweisen. Sollte der ICF jedoch - und danach sieht es im Moment aus - seine Expansion kurz- bis mittelfristig fortsetzen, werden die beiden grossen Volkskirchen um einen deutlichen Positionsbezug nicht herumkommen. Das Schweigen aus Hilflosigkeit und Resignation ist jedenfalls die schlechteste Antwort, zumal eine dauerhaft starke Attraktivität des ICF bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen die landeskirchlichen Gemeinden substanziell bedrohen könnte.

Literatur: Es existieren m. W. noch keine Untersuchungen zum ICF. Verwiesen sei deshalb auf seine Homepage http://www.icf.ch sowie auf die Darstellung und kritische Würdigung Georg Schmids unter http://www.relinfo.ch/icf/info.html. Von diesen beiden Pages stammen auch die Zitate.

Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 12.06.2001

Dienstag, 12. Juni 2001

 
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