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New Age aus christlicher Sicht

Sogyal Rinpoche und sein Rigpa-Netzwerk - ein Beispiel für Erfolg und Problematik des tibetischen Buddhismus im Westen

Unter den Meistern des tibetischen Buddhismus, die im Westen besonders viel Anklang finden, zählt Sogyal Rinpoche sicherlich zu den bekanntesten. Diese Popularität basiert vor allem auf seinem Bestseller "Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben"[1]. Bisher wurden mehr als anderthalb Millionen Exemplare dieses "spirituellen Klassikers", der mittlerweile in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde, verkauft. Im deutschsprachigen Raum lag 1998, also nur sechs Jahre nach Erscheinen, schon die 21. Auflage vor. Woher rührt dieser Erfolg? Das Werk vermittelt auf anschauliche Weise Antworten des tibetischen Buddhismus auf existenzielle Fragen um ein sinnvolles Leben und einen friedvollen Tod, letzteres auf dem Hintergrund des berühmten "Tibetischen Totenbuchs". Darüber hinaus gewährt es Einsicht in die Praxis des religiösen Lebens der Tibeter.

Sogyal Rinpoche hat als Kind noch das "alte" Tibet vor dem Einmarsch der Chinesen erlebt. Er wurde 1948 in Kham im Osten Tibets geboren und als Reinkarnation von Lerab Lingpa Tertön Sogyal (1856-1926), dem Lehrer des XIII. Dalai Lama (Vorgänger des derzeitigen Amtsinhabers), erkannt. Bei Meistern wie Jamyang Khyentse, Kyabjé Dudjom Rinpoche und Kyabjé Dilgo Khyentse Rinpoche erhielt Sogyal Rinpoche seine Unterweisungen. Er begann 1971 an der Universität Cambridge ein Studium in vergleichenden Religionswissenschaften und nahm drei Jahre später seine Tätigkeit als spiritueller Lehrer auf. 1975 gründete Rinpoche ein "Rigpa" genanntes Netzwerk von Gruppen und Zentren, in denen seine Lehren studiert werden. "Rigpa Deutschland"[2] stellt einen eingetragenen Verein dar, ist Mitgliedsgemeinschaft der "Deutschen Buddhistischen Union" (DBU) und verfügt über drei Zentren in München, Stuttgart und Berlin. Ausserdem existieren Meditations- und Studiengruppen in mehreren deutschen Grossstädten. Die wichtigsten europäischen Einrichtungen sind die Retreatzentren Lerab Ling in Südfrankreich und Dzogchen Beara in Irland.

Rigpa hat es sich zum Ziel gesetzt, "die Lehren Buddhas zu praktizieren, sie authentisch zu erhalten und allen zugänglich zu machen."[3] Zu diesem Zweck wurde ein Studien- und Praxisprogramm entwickelt, das aus derzeit drei Zyklen, sogenannten "Streams" besteht. In Stream 1 ("Einführung in den Pfad") werden die Teilnehmer an insgesamt 30 Abenden in die buddhistische Denkweise und Meditationspraxis eingeführt. Stream 2 ("Den Pfad betreten") vermittelt an insgesamt 90 Abenden eine Intensivierung der in Stream 1 erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten und leitet zu den "vorbereitenden Übungen des Vajrayana" über. In Stream 3, der sich über mehrere Jahre erstreckt, wird u.a. Patrul Rinpoches Werk "Kunzang Lama´i Shelung" ("Die Worte meines vollendeten Lehrers")[4] studiert. Stream 4 und 5 sind derzeit noch in Vorbereitung und sollen in einigen Jahren angeboten werden.

Grob vereinfacht gesagt wird bei Rigpa vor allem die Meditationspraxis des Dzogchen (tibet. eigentlich rdzogs pa chen po) gelehrt und praktiziert. Dabei geht es darum, durch tantrische Praktiken wie z.B. Visualisierungsübungen zur "essentiellen Natur des Geistes" (tibet. rig pa) zu finden, in der Leerheit und Mitgefühl vollkommen vereint sind.[5] Von Sogyal Rinpoche wird dies als "der ursprüngliche Zustand, der Zustand völligen Erwachtseins" beschrieben.[6] Dzogchen wurde in der Nyingmapa-Tradition entwickelt, der auch Sogyal Rinpoche und Rigpa angehören. Die Nyingmapas ("die Alten") stellen die älteste Schule des tibetischen Buddhismus dar. Sie soll auf Padmasambhava zurückgehen, der Tibet im 8. Jahrhundert erfolgreich missionierte, indem er die einheimische schamanistische Bön-Religion in den Buddhismus integrierte. Jede Tradition des tibetischen Buddhismus hat ihre eigenen Schwerpunkte in der Disziplin der Geistesschulung. Sind es für die Gelugpas, zu denen der Dalai Lama zählt, das Auswendiglernen von Texten und der Gelehrtendisput, haben für die Nyingmapas vor allem die Meditation und das Hören von Belehrungen eine besondere Bedeutung, was sich auch auf die Struktur der Rigpa-Streams auswirkt. Die einzelnen Abende des Streams 1 bestehen beispielsweise im wesentlichen darin, mittels Audio- und Videocassetten aufgezeichnete öffentliche Belehrungen Sogyal Rinpoches anzuhören und darüber zu meditieren. Darüber hinaus stehen den Kursteilnehmern ein reichhaltiges Angebot von Cassetten zur Verfügung, die von einer eigens dafür gegründeten Firma produziert[7] werden und für den Heimgebrauch erworben oder gegen geringe Gebühr ausgeliehen werden können. "Es ist", so wird bei Rigpa betont, "Rinpoches Wunsch, dass seine Schülerinnen und Schüler sich Belehrungen auf Kassetten anhören."[8] Im Kursprogramm ist genau festgelegt, wann welche Cassetten und Texte zum Einsatz kommen; das Stream-Programm dürfte in München also genau gleich ablaufen wie in Berlin. Allerdings sind die einzelnen Streams eine Art "work in progress", so dass sie laufend überarbeitet und ihre Module neu gruppiert werden. Die Nyingmapa-Tradition zeichnet sich insgesamt durch einen undogmatischen Stil aus, der Raum für Spontaneität und Humor lässt, was u.a. daran liegt, dass in dieser Schule nicht nur Lamas, sondern auch Laien wie Sogyal Rinpoche als Lehrende tätig sind. Es mag auf den ersten Blick als Widerspruch erscheinen, dass die Nyingmapas als "nicht so pedantisch" gelten[9], das "Curriculum" genannte Rigpa-Kursprogramm aber normiert ist und auf einheitlichen Vorgaben beruht. Dies zwingt jedoch die jeweiligen Kursleiter dazu, sich auf einige vertiefende Erklärungen zu beschränken und sich ansonsten eher zurückzuhalten. Zwar sind auch die Rigpa-Kurse - wie im tibetischen Buddhismus generell üblich - stark auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis ausgerichtet, doch wird streng darauf geachtet, dass sich in den einzelnen Gruppen keine problematischen Beziehungs- und Abhängigkeitsstrukturen und damit keine Versektung des Rigpa-Netzwerkes ausbilden können. Die Kursleiter (auch "Instruktoren" genannt) werden mindestens ein Jahr ausgebildet und haben dann während einer Probezeit die Gelegenheit herauszufinden, ob ihnen diese Aufgabe zusagt.

Durch die starke Zurückhaltung der Kursleiter verstärkt sich bei Rigpa jedoch das grundlegende Vermittlungsproblem des tibetischen Buddhismus: eine sehr anspruchsvolle Religion des Ostens trifft auf den interessierten, aber im Grunde unvorbereiteten Menschen des Westens. Sicher ist es ehrenwert, dass man bei Rigpa bemüht ist, die Inhalte authentisch weiterzugeben und nicht bis zur Unkenntlichkeit zu verwässern, wie dies etwa im äusserst fragwürdigen Lifestyle-Buddhismus Ole Nydahls geschieht.[10] Dies hat aber zur Folge, dass die Kursteilnehmer mit Begriffen und Denkweisen konfrontiert werden, die dringend einer besseren Vermittlung bedürften. Das relativ starre Kursprogramm scheint Erklärungen kaum vorzusehen und lässt dafür schon zeitlich wenig Raum. Während Sogyal Rinpoches Bestseller die Inhalte durch zahlreiche Anekdoten auflockert und dem westlichen Leser dank der Kooperation mit zwei britischen Autoren sozusagen mundgerecht und konsumentenfreundlich präsentiert, geht das Rigpa-Kursprogramm implizit von Voraussetzungen aus, über die wohl die meisten Teilnehmer selbst nach der Lektüre des Buches nicht verfügen dürften.

Dieser Befund gilt auch für die öffentlichen Belehrungen Sogyal Rinpoches, die durch die Bekannt- und Beliebtheit seines Buches regelmässig eine grosse Besucherschar anlocken. Zweifellos vermag Rinpoche dank seiner sympathischen Persönlichkeit, seiner Ausstrahlung und nicht zuletzt seines Humors auch sozusagen "live" zu begeistern, seine langatmigen wenn auch zweifellos tiefsinnigen Belehrungen hinterliessen aber zumindest bei seinem Auftritt in Zürich im April schnell Ermüdungserscheinungen sowie gelichtete Reihen am Ende der Veranstaltung. Der Schlussapplaus fiel denn auch weitaus weniger frenetisch aus als zur Begrüssung des Meisters. Ganz anders übrigens die Reaktion der anwesenden Exil-Tibeter: sie schienen jede Minute dieser authentischen Belehrung dankbar zu geniessen.

Was sich also deutlich offenbart, ist eine Diskrepanz zwischen dem "Tibetischen Buch vom Leben und Sterben" und der Praxis, wie sie Rigpa vermittelt: Das Buch wendet sich, wie Donald S. Lopez richtig erkannt hat[11], an Menschen auf der spirituellen Suche, also ohne ein katechetisch fundiertes Wissen, sei es nun christlicher oder buddhistischer Prägung. Für viele Teilnehmer ist das anscheinend - zumindest am Anfang - kein Problem, wie ich im persönlichen Gespräch mit einigen Kursbesuchern des Stream 1 bemerkt habe: für sie sind Christentum und Buddhismus ohnehin nur die zwei Seiten ein und derselben Medaille, d.h. einer wie immer gearteten und letztendlich diffusen "höheren" Wahrheit. Ebenso wurde jedoch deutlich, dass sich bei zunehmender Komplexität des Stoffes tatsächlich Verständnisschwierigkeiten einstellten, denen selbst Rinpoches bildreiche Sprache nur bedingt abzuhelfen vermag. Auch für Rigpa scheint also zu gelten, "dass sich nur ganz wenige westliche Interessenten mit den religionsgeschichtlichen und den religionspsychologischen Hintergründen dieser Form des Buddhismus auseinandergesetzt haben."[12]

Sogyal Rinpoche scheint sich dieses Problems durchaus bewusst zu sein, zumal er konstatiert, dass "die [buddhistischen] Lehren im Westen immer leichter zugänglich, gleichzeitig (...) aber die Bedingungen, um einen spirituellen Weg zu gehen, nicht die besten" seien, denn es gebe "keine Weisheitskultur, die eine spirituelle Lebensweise unterstützt." [13] Dennoch - oder gerade deshalb - geht er davon aus, dass das von Rigpa vermittelte Wissen durchaus mit der abendländischen Kultur und dem Christentum (oder was davon übrig geblieben ist) kompatibel sei. Sein Buch, so Rinpoche, habe zum Ziel, "eine Verbindung zwischen allen Religionen aufzuzeigen. Da gibt es diese Gemeinsamkeit: die Allgemeingültigkeit der Wahrheit."[14]

Reinhart Hummel hat hier allerdings Bedenken angemeldet: "Obgleich die allgemeine Anwendbarkeit von [den bei Rigpa gelehrten Meditationstechniken wie] ‚Tonglen´[15] und ‚Phowa´[16], auch für Christen, von Sogyal immer wieder und in subjektiv glaubwürdiger Weise betont wird, sind die buddhistischen Voraussetzungen und die Spannungen zum christlichen Glauben doch unübersehbar (...)."[17] Es kann an dieser Stelle leider nicht erörtert werden, ob sich einige der Meditationsmethoden nicht doch in eine christliche Kontemplationspraxis integrieren liessen - zweifellos richtig ist Hummels Befund jedoch dahingehend, dass Sogyal Rinpoche selbstverständlich jene Grundüberzeugungen des Buddhismus teilt, die sich am deutlichsten vom Christentum unterscheiden: Es gibt keine wie immer geartete Erbsünde - "(...) grundsätzlich seid ihr unschuldig. Eure Buddha-Natur hat niemals den geringsten Makel"[18] -, so dass der Mensch auch nicht des Erlösungswerkes Jesu Christi bedarf, sondern zur Selbsterlösung befähigt ist. Die "Göttlichkeit (...) ist unsere inhärente Natur."[19] Für einen Schöpfergott gibt es in diesem Weltbild weder Platz noch Bedarf: "Ich bringe Gott ins Spiel, weil - offen gesagt - auch ‚Gott´ eine Metapher ist. Gott ist ein Konzept. Viele von uns wissen nicht, was zum Teufel ‚Gott´ bedeutet."[20] Dies mag für manche, die Rigpa-Kurse besuchen und sich von Sogyal Rinpoche angesprochen fühlen, sicher der Fall sein. Und gerade diese Unsicherheit animiert ja dazu, durch den religiös-spirituellen Supermarkt zu bummeln und in der Abteilung für Buddhismus etwas länger zu verweilen.

Nachdenklich sollte es immerhin stimmen, dass der Dalai Lama seiner westlichen Fangemeinde ins Stammbuch schrieb: "Man sollte die religiöse Gemeinschaft, der man entstammt, weiterhin achten und sich nicht bewusst von ihr absondern. (...) Einen Übertritt zum Buddhismus sollte man sich gründlich überlegen. Ein spontaner Wechsel der Religion erweist sich fast immer als schwierig und kann auch zu schweren seelischen Störungen führen. Wer sich zum Buddhismus bekehrt, der sollte sich bescheiden und nicht mit religiösem Übereifer des Konvertiten alles von Grund auf anders machen wollen. So will es eine alte tibetische Weisheit, die uns rät: ‚Ändere dein Bewusstsein, aber lasse dein Äusseres, so wie es ist.´ "[21]

Anmerkungen

1 Sogyal Rinpoche, "Das Tibetische Buch vom Leben und Sterben. Ein Schlüssel zum tiefen Verständnis von Leben und Tod", 21. Aufl., München 1998.
2 Siehe das Internet-Angebot unter www.rigpa.de bzw. www.rigpa.org.
3 Information und Programm von Rigpa Schweiz.
4 Das Buch liegt inzwischen auch in einer deutschen Übersetzung vor.
5 Zum Dzogchen siehe ausführlicher Michael v. Brück, "Religion und Politik im Tibetischen Buddhismus", München 1999, S. 143f.
6 Rinpoche (wie Anm. 1). S. 184-205.
7 Die ZAM Holdings S.A. hat ihren Sitz in der Nähe des Rigpa-Retreatzentrums Lerab Ling. Sie hat Niederlassungen in Deutschland, Australien, Kanada, den Niederlanden, Gross-britannien und den USA. Neben den Audio- und Videocassetten mit den Belehrungen Sogyal Rinpoches vertreibt sie auch Fotos von Nyingmapa-Meistern, Thangkas, Dharma-Artikel, CDs und Bücher aus dem Spektrum des tibetischen Buddhismus.
8 Rigpa-Teilnehmerhandbuch für Stream 1, Abschnitt 1 (Version vom Januar 1999), S. 6.
9 Sangharakshita [i.e. Dennis Lingwood], "Einführung in den tibetischen Buddhismus", Freiburg/Brsg. 2000, S. 40.
10 Siehe dazu MD 12/2000, S. 446f.
11 Donald S. Lopez jr., "Prisoners of Shangri-La. Tibetan Buddhism and the West", Chicago 1998, S. 79.
12 "Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen", hg. v. Horst Reller u.a., 5., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Gütersloh 2000, S. 897.
13 Zit. nach Rigpa-Teilnehmerhandbuch für Stream 1, Abschnitt 1 (Version vom Januar 1999), S. 19.
14 Zit. nach ebd., S. 81.
15 Zur Meditationstechnik des Tonglen siehe Rinpoche (wie Anm. 1), S. 232-250.
16 Zur Meditationstechnik des Phowa siehe ebd., S. 257-262.
17 MD 11/1996, S. 324. Reinhart Hummels Beitrag behandelt v.a. die Rigpa-Aktivitäten im Bereich der Sterbebegleitung, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang jedoch das Buch "Dem Tod begegnen und Hoffnung finden. Die emotionale und spirituelle Begegnung Sterbender" der Amerikanerin Christine Longaker, einer Schülerin Sogyal Rinpoches (München 1997).
18 Zit. nach Rigpa-Teilnehmerhandbuch für Stream 1, Abschnitt 1 (Version vom Januar 1999), S. 54.
19 Zit. nach ebd., S. 61.
20 Ebd.
21 Zit. nach Dalai Lama, "Das kleine Buch vom rechten Leben", Freiburg/Brsg. 1998, S. 127.

Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 07.08.2001

Dienstag, 7. August 2001

 
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