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"...und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt" - Der Stockhausen-Skandal und die Wiederkehr des Verdrängten

In einer Zeit, in der nichts so gefällig zu sein scheint wie die Provokation, braucht es viel, um einen Skandal zu entfachen. Der Komponist Karlheinz Stockhausen hat es trotzdem geschafft: als er während einer Pressekonferenz im Vorfeld einer Konzertreihe in Hamburg den Terrorakt vom 11. September in den Rang eines "Kunstwerks" erhob, war ihm ein Aufschrei der Empörung sicher. Die Reaktionen folgten auf dem Fusse: Stockhausens Konzerte wurden auf Druck der Sponsoren und der Hamburger Kultursenatorin abgesagt, zwei seiner sechs Kinder distanzierten sich öffentlich von ihm, Komponistenkollege György Ligeti wünschte ihn in eine psychiatrische Klinik und in seiner Wohngemeinde Kürten bei Köln forderten erzürnte Bürger, Stockhausen die Ehrenbürgerwürde zu entziehen. In erregten Zeitungskommentaren wurde dem 73 Jahre alten Komponisten "galaktisches Spintisieren" ("Die Welt"), ein "Höllensturz" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), "Wahnsinn eines Musik-Genies" ("Hamburger Morgenpost"), ein "Durchknaller vom Grössenwahn zum Grössenwahnsinn" ("Der Spiegel") und sogar der "Musikerneid auf Terroristenerfolg" ("Basler Zeitung") attestiert. Der Schaden auch und gerade für Stockhausen selbst ist also immens, zumal der Eklat jetzt auch ein für 2003 in Bern geplantes Opernprojekt gefährdet. Eine eilig nachgeschobene Klarstellung des Künstlers, dass er das "Kunstwerk" selbstverständlich als luziferischen Akt der Zerstörung begreife und auch er um die Opfer der Anschläge trauere, wurde zwar zur Kenntnis genommen, vermochte die Empörung aber kaum noch zu dämpfen.

Doch es lohnt sich, einmal näher hinzusehen. Lässt man beiseite, dass in Hamburg gerade Wahlkampf war, die Kultursenatorin um ihren Posten bangte und die Äusserungen in den meisten Zeitungen verzerrt da verkürzt wiedergegeben wurden, ist der Eklat ein interessantes Lehrstück für die Schwierigkeit, eine zutiefst religiöse Semantik zu dechiffrieren. Schon immer hat Stockhausens Spiritualität, mit der Leben und Werk untrennbar verbunden sind, Unverständnis und Häme nach sich gezogen. (Siehe dazu ausführlicher MD 7/1999, 209ff.) Der Skandal von Hamburg ist nur der bisherige Höhepunkt in einer Kette von Missverständnissen und Fehlinterpretationen.

In Stockhausens Opernzyklus LICHT, an dem er seit 1977 arbeitet, sind MICHAEL, EVA und LUZIFER die Protagonisten des Geschehens. Auf die Frage eines Journalisten, ob dies historische Figuren seien, antwortete Stockhausen sinngemäss, LUZIFER sei überall, zum Beispiel gerade in New York. Als der Komponist daraufhin um eine Beurteilung der Anschläge gebeten wurde, fielen jene Sätze, die den Skandal auslösten (sie seien hier vollständig wiedergegeben): "Was da geschehen ist, ist - jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen - das grösste Kunstwerk, das es je gegeben hat. Dass Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nicht träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben. Das ist das grösste Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen Sie sich das doch vor, was da passiert ist: Da sind also Leute, die sind so konzentriert auf eine Aufführung, und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt, in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, als Komponisten. Stellen Sie sich vor, ich könnte jetzt ein Kunstwerk schaffen und Sie wären nicht nur erstaunt, sondern Sie würden auf der Stelle umfallen, Sie wären tot und würden wiedergeboren, weil es einfach zu wahnsinnig ist. Manche Künstler versuchen doch auch, über die Grenze des überhaupt Denkbaren und Möglichen zu gehen, damit wir wach werden, damit wir uns für eine andere Welt öffnen." Auf die Nachfrage, ob er etwa ein Verbrechen mit Kunst gleichsetze, meinte Stockhausen: "Ein Verbrechen ist es deshalb, weil die Menschen nicht einverstanden waren. Die sind nicht in das ‚Konzert´ gekommen. Das ist klar. Und es hat ihnen niemand angekündigt, Ihr könntet dabei draufgehen. Was da geistig geschehen ist, dieser Sprung aus der Sicherheit, aus dem Selbstverständlichen, aus dem Leben, das passiert ja manchmal auch poco a poco in der Kunst. Oder sie ist nichts." (Zitiert nach einer Tonband-Abschrift des NDR.)

Zweifellos sind solche Äusserungen sehr problematisch. Es soll hier jedoch nicht weiter erörtert werden, ob es angemessen ist, Verbrechen wie die Anschläge von New York und Washington mit Begriffen wie "Kunst" und "Konzert" zu assoziieren. Unter dem Paradigma eines klassisch-bürgerlichen Kulturbegriffs ist dies jedenfalls ausgeschlossen, ja geradezu eine zynische Ungeheuerlichkeit. Dies erklärt die Heftigkeit der Reaktionen zum Teil, aber eben nur zum Teil. Wer die Kommentare genauer analysiert, wird feststellen, dass sich ihre Verfasser vor allem an der Relativierung des Todes stossen. Der Kommentator der "Frankfurter Rundschau" schrieb: "Stockhausen glaubt offenbar so pausbäckig an die prompte ‚Auferstehung der Toten´, dass er auch im Massenmord keine Katastrophe erkennen kann, sondern so etwas wie einen Transformationsakt vom ‚fleischlichen´ zum ‚geistigen´ Leben."

In der Tat klafft in der Rezeption von Leben und Tod zwischen Stockhausen und seinen Kritikern eine kaum überbrückbare Kluft. Für den Komponisten gibt es nicht ein, um so kostbareres Leben und eine, endgültige Auferstehung, sondern eine Kette von Tod und Reinkarnation. Nicht umsonst sprach er in Hamburg davon, sich vorzustellen, "Sie wären tot und würden wiedergeboren". Schon bei anderen Gelegenheiten trat Stockhausens stark theosophisch geprägte Vorstellung, dass sich das Leben in immer höhere geistige Sphären entwickle und der Tod lediglich zeitlich begrenzte Intervalle bilde, deutlich zutage. So sprach er früher davon, "dass jedem in einem nichtinkarnierten Zustand unheimlich viel mehr bewusst ist, als wenn man hier so ein Erdling ist, wie ich immer sage. Ich bin also nicht besorgt darum, dass ich in zunehmendem Masse auch zwischen solchen Inkarnationen - die ganz bewusst Beschränktheit bedeuten - am Wissen um das ganze Universum teilhaben werde. Daher kann ich durch Bewährung einem Bewusstsein immer näher kommen, dass wir Schritt für Schritt höhere Wesen werden, die viel mehr überblicken, den ganzen Sinn viel besser verstehen. Dass man sich also immer mehr auf Gott zubewegt, der die gesamte Intelligenz aller Intelligenzen ist: Das Licht der Welt." (Karlheinz Stockhausen, Texte zur Musik 1984-1991, Bd. 9, Kürten 1998, 601.) Fasziniert hat den Komponisten in diesem Zusammenhang der Sterbeprozess der Sonnenbewohner, wie ihn der steirische Neuoffenbarer Jakob Lorber (1800-1864) in seinem Werk "Die natürliche Sonne" schildert. Für Stockhausen ist der Tod "nichts anderes als ein Examen des menschlichen Willens: man prüft, ob man all das hinter sich lassen kann, was einen in diesem Leben angezogen hat, um somit eine andere Form, ein anderes Geschlecht, eine andere Rasse, eine andere Kultur wählen zu können. Gibt es doch tausend Möglichkeiten: ein Planet kann einen für tausend weitere Leben faszinieren." (Karlheinz Stockhausen, Texte zur Musik 1977-1984, Bd. 6, Köln 1989, 242.)

Stellt der Tod "nur" den Übergang in eine wie auch immer geartete höhere Daseinsform dar, folgt daraus fast logisch eine Umwertung des ihm innewohnenden Vernichtungsmoments. Der Fokus rückt von der Vernichtung des Existierenden mit all seiner Tragik auf das Potenzial neuer Entwicklungsmöglichkeiten, das in der Vernichtung angelegt ist. Hier zeigen sich im Werk Stockhausens stark gnostische Vorstellungen, die ebenfalls schon früher zum Ausdruck kamen. So verglühen am Schluss seiner Oper "FREITAG aus LICHT" sogenannte "Bastard-Paare" in einer grossen Kerzenflamme, wodurch sie von der Sündhaftigkeit ihrer Existenz gleichzeitig erlöst und gereinigt werden. Was jedoch das Feuilleton mehr irritierte und schon vor dem Hamburger Eklat thematisiert wurde, ist die Konsequenz, dass die Umwertung von Tod und Vernichtung einen scheinbar unbekümmerten Umgang Stockhausens mit Gewalt im allgemeinen und Krieg im besonderen nach sich zieht, wie sie auch sein Hamburger Statement zu belegen scheint. Die Oper "DIENSTAG aus LICHT" besteht über weite Strecken aus nichts anderem als musikalisch ausgetragenen Kämpfen zwischen guten, michaelischen und bösen, luziferischen Kräften. Es explodieren Klangbomben und werden Töne von einer Art musikalischen Flak "abgeschossen". Krieg ist für Stockhausen "ein kosmischer Prozess. Selbst wenn hier für eine Weile kein offener Krieg ausbricht, findet er in anderer Weise statt. Dann gibt es den Aids-Krieg oder einen Bakterienkrieg als Epidemien; oder es ereignet sich ein Naturkrieg, in dem zahllose Menschen durch Naturkatastrophen ausgelöscht werden. Krieg als gewaltsame Vernichtung von Mensch und Natur ist ein kosmisches Prinzip, wie Geburt, Liebe, Lernen, Versuchung, Tod, Auferstehung." (Programmheft FREITAG aus LICHT der Oper Leipzig (=Leipziger Opernblätter, Spielzeit
1996/97, Heft 2), 65.)

Zur starken Prägung durch gnostisches Gedankengut in den jüngeren Werken und im Weltbild Stockhausens passt nicht nur der Titel des Opernzyklus "LICHT", sondern auch die vom Komponisten freimütig eingestandene Abgewandtheit von der (Um-)Welt und sein im Grunde negatives Verhältnis zu ihr, aus der ein starker Wunsch nach Weltüberwindung und Erlösung resultiert: "Ich glaube, dass ich aufgrund der Einseitigkeit, mit der ich gelebt habe und lebe, an den meisten geistigen und auch praktischen Phänomenen dieses Planeten vorbeilebe, im Grunde also nicht richtig weiss, was die anderen machen; dass das die Erfahrung eines Gefangenen ist, der sich bewusst in ein Gefängnis begeben hat. Das ist nämlich dieser Planet für mich: eine kleine Raumstation, auf der man nur eine begrenzte Zeit lebt." (Karlheinz Stockhausen, wie Anm. 3, 600.)

In diesem Kosmos sind Vernichtung und Gewalt kein normfreier Selbstzweck oder billige Effekthascherei, sondern es liegen ihnen die Teleologie und Moral einer göttlichen Ordnung und der Unterwerfung des Bösen als Sieg über Unordnung, Anarchie und Chaos zugrunde. Insofern ist es auch glaubhaft, dass der Komponist die Terrorakte in den USA nicht einfach als wertfreies "Kunstwerk", sondern als einen luziferischen Akt und als "Verbrechen" interpretiert sehen möchte. Immer schwingt bei Stockhausen das Moment eines äonenlangen, kosmischen Kampfes der Kräfte des Lichtes gegen jene der Finsternis mit, und sicher ist es kein Zufall, dass der Komponist nach den Eklat die stärkste Schützenhilfe ausgerechnet aus den USA (!) erhielt, wo die politische Semantik schon immer, vor allem aber nach den Anschlägen stark gnostische Züge aufgewiesen hat.
Zweifellos zeugen Stockhausens Äusserungen zu den Ereignissen vom 11. September auch von einer nicht einmal sehr unterschwelligen Bewunderung für die Präzision und "Effizienz" der Terroristen. Es muss aber gerade deshalb die Frage erlaubt sein, ob der Aufschrei der Empörung hierzulande nicht Ausdruck des Schrecks darüber war, dass da einer etwas offen ausgesprochen hat, was niemand sich eingestehen will: dass sich in das Entsetzen über die Bilder der brennenden WTC-Türme eben auch Faszination mischt, so wie das Böse in der Gnosis immer die Aura des Faszinosums hat. Stephan Speicher legte in der "Berliner Zeitung" den Finger wohl in die richtige Wunde, als er schrieb: "Ein luciferisches Kunstwerk, das ist eine Antwort auf die Frage, was die angstvolle Faszination ausmacht, mit der wir das Attentat Mal um Mal ansehen. In ihr liegt dieselbe Zweideutigkeit wie in der Figur Lucifers, des Lichtträgers und gefallenen Engels auch." In diesem Sinne äussert sich in Stockhausens Werk nichts weiter als uraltes kulturelles und religiöses, eben: gnostisches Erbgut. Es ist, und das macht es wohl so skandalös, die Wiederkehr des Verdrängten.

Christian Ruch

Quelle: Infosekten, 16.10.2001

Dienstag, 16. Oktober 2001

 
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