Sektenflyer
New Age aus christlicher Sicht

Bruno in Basel oder Die "Psi-Tage" auf Abwegen

Vom 30. November bis 2. Dezember 2001 fanden die 19. Basler "Psi-Tage" statt. Das Thema war einmal mehr das weite Feld der Geistheilung, weswegen die "Psi-Tage" auch etwas protzig als "5. Weltkongress für geistiges Heilen" daherkamen. Die Veranstaltungen waren den Unterthemen "Heilen erleben", "Heilen lernen" und "Heilen verstehen" gewidmet, und mit was hätte man zu diesem interessanten Gebiet aufwarten können: mit einem Forum des Dialogs zwischen Schul- und Komplementärmedizin etwa, oder auch - wenn man mutig gewesen wäre - einem spannenden Streit zwischen Anhängern des geistigen Heilens und radikalen Kritikern wie beispielsweise der aus den USA stammenden Organisation "Quackwatch". Doch nichts von alledem: Wurde zum Thema "Reinkarnation" im Jahr zuvor mit Hansjörg Hemminger wenigstens noch eine kritische Stimme zugelassen, blieb man diesmal lieber unter sich und pflegte das wohlgefällige, autologische Geplauder derer, die sich mehr oder weniger darin einig sind, dass geistiges Heilen (wie auch immer) "hilft".

War den Gründervätern der "Psi-Tage" einst dran gelegen, paranormale und anderweitig schwer erklärbare Phänomene den kritischen Augen der Wissenschaft vorzulegen, huldigt die neue Generation der Veranstalter einer plumpen Polemik gegen die Wissenschaft im allgemeinen und ihren Testmethoden im besonderen. Da werden Doppelblindstudien schon einmal leichtfüssig als "Hokuspokus" abgetan und vor allem gehört es offenbar zum guten Ton, über die Schulmedizin herzuziehen. Sicher ist es nicht falsch, deren mitunter zu beobachtende Arroganz und Ignoranz gegenüber der Komplementärmedizin zu kritisieren, doch legten viele Referenten ihrerseits eine Arroganz und Ignoranz an den Tag, die jener vieler Schulmediziner in nichts nachstehen dürfte. Es ist beispielsweise ebenso billig wie einfach zu behaupten, dass Geistheilungsphänomene mittels wissenschaftlicher Parameter nicht verifizierbar seien, es daher auch keinen Grund gebe, solche Heilungserfolge der wissenschaftlichen Überprüfung auszusetzen.
Garniert wurde das Ganze mit flotten Sprüchen wie "Alle wissenschaftliche Erkenntnis führt über den Friedhof" (in Anspielung auf die Skandale um Contergan und Lipobay), "Die Mediziner glauben an die Physik, aber die Physiker glauben wieder an den lieben Gott" oder "Die Titanic wurde von Experten konstruiert, die Arche Noah von Laien - deshalb vertrauen Sie nicht den Experten!" Getreu dem Luhmann´schen Diktum, dass man heutzutage nicht mehr seriös, sondern nur noch witzig sein müsse, dankte das Publikum des Kongresses für solche Äusserungen mit lautem Gelächter und begeistertem Applaus.

Im weiteren Verlauf der "Psi-Tage" zeigte sich, dass besonders eine Gruppierung den Trend zum Obskurantismus für ihre Zwecke zu verwerten verstand: der "Bruno Gröning-Freundeskreis" und die in ihm integrierte "Medizinisch-Wissenschaftliche Fachgruppe" (MWF). Bereitwillig stellten die Veranstalter der MWF ein Podium zur Verfügung, das diese - wer wollte es ihr verdenken - hemmungslos nutzte, um für die angeblich durch zahllose Heilungserfolge "medizinisch beweisbare" Methode Bruno Grönings (1906-1959) zu werben. Das dazu angebotene Seminar lief exakt nach dem genormten Schema der Werbeveranstaltungen des "Freundeskreises" ab, in deren Verlauf einstmals schwer kranke Menschen berichten, wie sie sich einfach nur "auf den Heilstrom eingestellt" hätten und dadurch geheilt worden seien (siehe dazu ausführlicher den "Materialdienst" der Ev. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Heft 5/1999, S. 150ff.). Das Publikumsinteresse an Gröning war durchaus beachtlich, zumal ihn auch Referenten, die mit dem "Freundeskreis" nichts zu tun haben, als "grossartigen Lehrer" bezeichneten oder mit anderen positiven Attributen bedachten. Dass die "Freundeskreise" jedoch eine sektenähnliche Struktur aufweisen und Hilfesuchende, bei denen sich nun leider partout keine Heilung einstellen will, mit dem Hinweis, daran seien sie selber schuld, geächtet und fallen gelassen werden, war nicht zu vernehmen.

Parallel zu den "Psi-Tagen" findet die Esoterikmesse "Aura" statt. Auf ihr waren diesmal sehr viele Anbieter vertreten, während im Jahr zuvor noch viele Lücken nicht vermieteter Standplätze geklafft hatten. Auch hier machte sich das im Verlauf des Kongresses wachsende Interesse für Bruno Gröning bemerkbar: fand der Stand des Grete Häusler Verlags, der fast ausschliesslich Bücher über Gröning vertreibt, am ersten Tag nur wenig Aufmerksamkeit, war er einen Tag später schon dicht umringt von Interessenten. Ansonsten wurde die "Aura" geprägt vom üblichen Aufmarsch der Kartenleser und Wahrsager (zumeist weiblichen Geschlechts) sowie verschiedener Anbieter von Produkten aus den Bereichen Esoterik und Gesundheit. Ausserdem war zum ersten Mal die "Christian Science" vertreten. Sehr bemerkenswert ist auch die alljährliche Präsenz der Basler Freikirchen, die mit einem eigenen Stand und auf sehr geschickte Weise das jeweilige Thema der "Psi-Tage" aufgreifen, um zu versuchen, die Leute von der Esoterik weg- und zu Jesus Christus hinzuführen. Mit welchem Erfolg, sei dahingestellt. Jedenfalls besuchten die "Aura" diesmal weitaus mehr Menschen als in den vergangenen Jahren. Ob dies am attraktiven Thema der "Psi-Tage" lag oder das Publikumsinteresse an Esoterik allmählich wieder anzieht, wird sich zeigen müssen.

Die Veranstalter der "Psi-Tage" dürften also rundum zufrieden sein: die Vorträge, Seminare, Workshops wurden ebenso gut angenommen wie die "Aura". Kritische Fragen blieben aussen vor, so dass drei Tage lang die kuschelige, heile Welt gleichgesinnter Geistheilungsfreunde zelebriert werden konnte. Dem Aussenstehenden hat sich jedoch ein Kongress präsentiert, der von den einstigen Anliegen immer weiter entfernt ist und dafür eine von aller Bereitschaft zur (Selbst-)Kritik völlig unbeleckte Zurschaustellung von Kuriosem, Versponnenem und leider auch Bedenklichem geboten hat. Es kann kein Zweifel bestehen: Die Basler "Psi-Tage" sind auf Abwege geraten und endgültig zu einer Art "esoterischer Kirchentag" mutiert. Da diese Strategie aber offenbar Anklang beim Publikum findet, lässt dies für die kommenden Jahre Schlimmes befürchten.

Christian Ruch, Zürich

Quelle: Infosekten, 07.12.2001

Freitag, 7. Dezember 2001

 
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